Er fand die Leiche seines Vaters: Lübcke-Sohn mit emotionaler Aussage vor Gericht

Frankfurt - Für andere war Walter Lübcke Kasseler Regierungspräsident, Ex-Landtagsabgeordneter, Parteifreund. Für Jan-Hendrik Lübcke war er "Papa" - das Kosewort rutscht dem 30-Jährigen immer wieder über die Lippen, wenn er, um Sachlichkeit bemüht, die Nacht im Juni 2019 schildert, als er seinen Vater leblos auf der Terrasse fand. 

Jan-Hendrik Lübcke, Sohn von Walter Lübcke, spricht nach der Verleihung der Wilhelm-Leuschner-Medaille. (Archivbild)
Jan-Hendrik Lübcke, Sohn von Walter Lübcke, spricht nach der Verleihung der Wilhelm-Leuschner-Medaille. (Archivbild)  © dpa/Andreas Arnold

Als erstes Mitglied der Familie sagt der großgewachsene Mann, der seinem Vater ähnlich sieht, am Dienstag vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt aus. "Die Tätigkeit als Regierungspräsident, das war seine Erfüllung", sagt er, schildert seinen Vater als weltoffenen und "wirklich lebensfrohen" Menschen, als guten Vater. "Er hat uns immer den Rücken gestärkt."

Jan-Hendrik Lübcke war in der Tatnacht von einem Besuch auf der Kirmes zurückgekehrt und hatte sich nichts Schlimmes gedacht, als er seinen Vater auf der Terrasse sah. "So saß er da, wenn ich das mal demonstrieren darf", sagt er und lehnt sich mit zurückgebeugten Kopf und seitlich hängenden Armen im Zeugenstuhl zurück. 

Eine nicht mehr brennende Zigarette habe sein Vater zwischen den Fingern gehalten. "Es sah alles ganz normal aus", so Lübcke. "Papa, komm, wach auf, geh ins Bett", habe er ihn noch geneckt. Dass etwas nicht stimme, habe er erst geahnt, als sein Vater nicht reagierte und seine Haut sich kalt anfühlte. 

Die erste, panikartige Befürchtung sei gewesen: Ein Herzinfarkt. "Er war ja nicht der Schlankeste", sagt Lübcke. Er habe einen Rettungswagen angefordert und versucht, seinen Vater zu reanimieren, stets in telefonischem Kontakt mit der Notrufzentrale, obwohl er lieber seine Mutter und seinen Bruder informiert hätte.

Blut habe er erst gesehen, als sein Vater am Boden lag, aber auch da noch nicht an ein Gewaltverbrechen geglaubt - ebenso wenig wie der Notarzt, der offenbar keine Schussverletzung bemerkt hatte. 

Lübcke-Sohn ging beim Auffinden seines Vaters zunächst von einem Herzinfarkt aus

Der mutmaßliche Haupttäter Stephan Ernst soll den nordhessischen Regierungspräsidenten Lübcke vor einem Jahr auf dessen Terrasse erschossen haben.
Der mutmaßliche Haupttäter Stephan Ernst soll den nordhessischen Regierungspräsidenten Lübcke vor einem Jahr auf dessen Terrasse erschossen haben.  © dpa/Boris Rössler

Und erst, als er wegen der zusammengeeilten Familie Platz auf der Terrasse schaffen wollte und den Stuhl seines Vaters auf den Rasen stellte, bemerkte er Blut auf der weißen Wand des Hauses, ein Muster "wie ein Tannenbaum".

Die Familie habe auch nach etwa 40 Minuten erfolgloser Wiederbelebungsmaßnahmen darauf bestanden, dass Lübcke ins Krankenhaus gebracht wurde, wo vielleicht doch noch etwas für ihn getan werden könne. Doch dort seien sie informiert worden, dass der 65-Jährige gestorben sei. "Ich habe dann im Gespräch mit den Ärzten gefragt, wo denn das Blut herkomme", so der Zeuge. 

Der Arzt habe dann noch mal nachgeschaut, als nächstes seien Kriminalbeamte hinzugezogen worden. "Der Kripobeamte hat mich dann rausgebeten und mir mitgeteilt, dass ein Gegenstand im Kopf meines Vaters gefunden worden sei", schildert der Lübcke-Sohn. Auch wenn er sich um Fassung bemüht, wirkt er immer wieder aufgewühlt, klingt seine Stimme gepresst.

"Es bleibt unverständlich und unvorstellbar", antwortet der 30-Jährige auf die Frage des Richters, was die Tat mit der Familie gemacht habe. "Man findet keine Worte dafür." Arbeiten könne er nur bedingt. "Vom Alltag bin ich noch ganz weit entfernt. Es wird auch nie mehr so sein wie vorher." 

Sein Vater habe schon für die Zeit im Ruhestand geplant, wollte sich mehr Zeit für die Familie nehmen. Für den Sonntag nach der Tat sei eine "Fahrt ins Blaue" mit der Ehefrau geplant gewesen. "Er wollte das Leben genießen mit meiner Mutter, was vorher durch die Jobs der beiden zu kurz gekommen war."

Die Familie habe sich ganz bewusst entschieden, in dem Haus wohnen zu bleiben, das fortzuführen, wofür Lübcke stand. Das sei ja auch "in Papas Interesse".

Titelfoto: Montage: dpa/Andreas Arnold, DPA/Boris Rössler

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