Mordfall Walter Lübcke: Entscheidende Spur wäre um ein Haar verloren gegangen

Frankfurt am Main - Nach zweiwöchiger Pause wird am kommenden Dienstag der Prozess um den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke fortgesetzt.

Das Konterfei von Walter Lübcke (CDU) ist am Sarg bei einem Trauergottesdienst im Juni 2019 zu sehen.
Das Konterfei von Walter Lübcke (CDU) ist am Sarg bei einem Trauergottesdienst im Juni 2019 zu sehen.  © Swen Pförtner/dpa

Mit einem gewissen Knalleffekt war der Prozess um den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor zwei Wochen in die Herbstpause gegangen: Der 5. Strafsenat des Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) beschloss die von dessen Verteidigern beantragte Entlassung des wegen Beihilfe angeklagten Markus H. (TAG24 berichtete). 

Der war zwar von dem mutmaßlichen Täter Stephan Ernst sowohl vor Gericht als auch in einem Teil der polizeilichen Vernehmungen belastet worden – allerdings mit mal widersprüchlichen, mal eher vagen Aussagen (TAG24 berichtete). H. soll Ernst politisch beeinflusst haben.

Die Richter, das zeigte die Begründung des Beschlusses klar, tun sich schwer damit, Ernst Glauben zu schenken. Hinzu kommt, dass bei allen Nachfragen bei Ermittlern und Sachverständigen bisher keine DNA-Spur, kein Fuß- oder Fingerabdruck H. zugeordnet werden konnte.

Vor Gericht muss sich H. auch weiterhin wegen Beihilfe verantworten. Denn noch ist die Beweisaufnahme nicht abgeschlossen. Die Bundesanwaltschaft legte bereits Beschwerde gegen die Haftentlassung ein.

Die Aussagen der vernommenen Beamten und Experten des Hessischen Landeskriminalamts zeigten im bisherigen Prozessverlauf auch: Manchmal ist es die buchstäbliche Nadel im Heuhaufen, die den Ermittlern einen Hinweis auf den Tatverdächtigen gibt.

Und sie ließen die Herausforderungen erahnen, vor denen sie bei der Aufklärung des mutmaßlich rechtsextremistisch motivierten Mordes standen: Selbst der Notarzt vor Ort und später in der Klinik hatte nicht bemerkt, dass der CDU-Politiker erschossen worden war.

Kopfschuss-Mord an Walter Lübcke: Einschussloch oberhalb des Ohres

Das Foto aus dem Juli 2020 zeigt den Hauptangeklagten Stephan Ernst.
Das Foto aus dem Juli 2020 zeigt den Hauptangeklagten Stephan Ernst.  © Ronald Wittek/epa-Pool/dpa

Der jüngere Sohn Lübckes, der den Vater leblos auf der Terrasse des Wohnhauses gefunden hatte, glaubte erst an einen tödlichen Herzinfarkt, nahm Wiederbelebungsmaßnahmen vor, die ebenso wie das Handeln des Notarztes vor Ort die Spuren am Tatort veränderten.

Als dann das Einschussloch oberhalb des Ohres entdeckt wurde – zunächst war im Gespräch mit den Angehörigen von einem "Gegenstand" im Schädel des Toten die Rede – wären wichtige Spuren beinahe vernichtet worden. Lübckes blutbeflecktes Hemd befand sich bereits in einer Plastiktüte für die Abfallentsorgung.

Dabei war es letztendlich dieses Hemd, das den Ermittlern die entscheidende Spur zu Stephan Ernst lieferte. Bei der Untersuchung von etwa 300 Einzelspuren, die überwiegend Lübcke sowie den Ersthelfern zugeordnet werden konnten, war es schließlich die DNA-Probe P184, die sich als "Fremdspur" und ersten Hinweis auf eine unbekannte männliche Person erwies, so der DNA-Spezialist des LKA in seiner Aussage am letzten Verhandlungstag vor den Herbstferien.

Die Überprüfung in einer Datenbank habe dann zu einem Treffer geführt: Der in der Vergangenheit wegen rechtsextremer Straftaten vorbestrafte Deutsche war in der Datenbank aufgelistet.

Allerdings sei die erste DNA-Spur, die nur ein Teilprofil ermöglicht habe, nicht zur Identifizierung geeignet gewesen, sondern nur als "Ermittlungshinweis" zu werten gewesen, so der Experte.

Einzelnen Hautschuppe brachte entscheidenden Hinweis auf Stephan Ernst

Das Foto aus dem Juni 2019 zeigt den Tatort: Das Wohnhaus von Walter Lübcke in Wolfhage bei Kassel.
Das Foto aus dem Juni 2019 zeigt den Tatort: Das Wohnhaus von Walter Lübcke in Wolfhage bei Kassel.  © Swen Pförtner/dpa

Eine zweite Fremdspur am Arm des Hemdes, die Stephan Ernst nach weiteren Untersuchungen von 150 weiteren Einzelspuren zugeordnet wurde, ließ dann einen "direkten Kontakt vermuten", sagte er. Für die Ermittler hing die Aufklärung des Falles letztendlich von einer einzelnen Hautschuppe ab.

In einem weiteren Punkt der Anklage gegen Ernst, der im Jahr 2016 einen irakischen Flüchtling mit einem Messer angegriffen haben soll, musste der Experte hingegen passen: Spuren an einer möglichen Tatwaffe, die nach der Festnahme Ernsts im vergangenen Jahr sichergestellt worden war, ließen sich nicht dem Opfer zuordnen. Ahmad E. nimmt ebenso wie die Hinterbliebenen Lübckes als Nebenkläger an dem Prozess teil.

Bisher dominierte der Mord an Lübcke die Beweisaufnahme. Demnächst soll es in dem Prozess auch um den Angriff auf den damals 22-Jährigen gehen.

Es könnte auch der Beginn der Endphase des Verfahrens werden: Das Gericht hatte vor wenigen Wochen angedeutet, die Hauptverhandlung könne bis Ende Dezember abgeschlossen werden.

Titelfoto: Swen Pförtner/dpa

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