Blutiges Missverständnis? Polizei erschießt Kuh mit Maschinenpistole

Iphofen/Nürnberg - Die Geschichte würde auch gut nach Texas passen: Einem Rinderzüchter entflieht ein Tier, der Sheriff greift zum Revolver, das wilde Rindvieh bricht zusammen, bevor es Menschen verletzen kann. Alle gerettet, der Western ist zu Ende. 

Der Landwirt Hubertus Freiherr von Crailsheim (r.) forderte Schadensersatz vom Freistaat Bayern für seine von der Polizei erschossene Kuh.
Der Landwirt Hubertus Freiherr von Crailsheim (r.) forderte Schadensersatz vom Freistaat Bayern für seine von der Polizei erschossene Kuh.  © dpa/Daniel Karmann

Der Fall, der zurzeit die 4. Zivilkammer beim Landgericht Nürnberg-Fürth beschäftigt, spielt nicht in El Paso, sondern irgendwo in der Nähe von Iphofen, mitten in der fränkischen Provinz, an der Grenze der Regierungsbezirke Unterfranken und Mittelfranken. Und weil das nicht der wilde Westen ist, hat das Ganze ein juristisches Nachspiel - der Landwirt hält wenig von rauchenden Colts und fordert nun vor Gericht sein Recht.

Es war im Mai 2019, als die zwei Jahre alte Färse reif für die Schlachtbank war. Doch einen offenen Schlitz im Pferch des Schlachthofes nutzte es zur Flucht. Auf den Wiesen, Feldern und Waldstücken nahe des 240-Seelen-Dorfes Kornhöfstadt suchte das Tier nach Freiheit. Die Ehefrau des Landwirts rief die Polizei zu Hilfe. Dann begann eine Verfolgungsjagd, ein bisschen wie im Film - und gleichzeitig eine Reihe von Missverständnissen.

Eine Stunde lang hetzte die Frau mit ein paar Helfern durch Wald und Wiesen, die Polizisten im Einsatzfahrzeug gaben ihr den jeweils aktuellen Standort der Kuh durch. Der Plan war für die Frau klar: Sie wollte, dass das Tier in freier Wildbahn erlegt wird. Mit Tierarzt, Metzger und einem geübten Schützen vor Ort, ist das möglich. Dann findet die Schlachtung sach- und artgerecht an Ort und Stelle statt, der Metzger bringt das tote Rind in den Schlachthof und verarbeitet dort das Fleisch.

Die Polizisten haben aber offenbar in der Hitze des Gefechts und im Wirrwarr von Handy- und Funksprüchen etwas anderes verstanden: Für sie war klar, dass die Frau, die sie für die Eigentümerin des Tieres hielten, mit Schüssen aus Polizeiwaffen einverstanden war. Einer der Beamten griff zur Maschinenpistole und drückte ab. Dreimal, wie er sagt. 

Erschossene Kuh: Gericht sieht Vergleich als passende Lösung an

Fotomontage: Drei bis vier Mal soll ein Beamter mit seiner Maschinenpistole auf das Tier geschossen haben (Symbolbild).
Fotomontage: Drei bis vier Mal soll ein Beamter mit seiner Maschinenpistole auf das Tier geschossen haben (Symbolbild).  © Montage: 123RF/Gerard Koudenburg, Christoph Soeder/dpa

Viermal, wie andere Augen- und Ohrenzeugen sich erinnern. "Das gibt es doch nicht!", soll der Schütze ausgerufen haben, als die Kuh, die im Verständnis der Polizisten ein Bulle war, nach zwei Schüssen noch immer auf vier Beinen stand. Nach Schuss drei brach die Kuh zusammen.

Die Landwirtin schlug die Hände über dem Kopf zusammen - denn das Tier war tot, die gesetzlich vorgeschriebene Lebendbeschau durch den Tierarzt beim besten Willen nicht mehr möglich. Das gute Rindfleisch vom Iphofener Waldhof, rund 300 Kilo in der Summe, war nicht mehr zu gebrauchen. Die Polizisten wussten ihrerseits nicht, wie ihnen geschah - sie wollten doch nur ihren Job machen.

Hubertus Freiherr von Crailsheim, Rinderzüchter und Gutsherr in Iphofen (Landkreis Kitzingen), verklagte nun den Freistaat Bayern auf die Zahlung von Schadenersatz in Höhe von 3000 Euro - das ist der Schlachtwert des Tieres. Die beteiligten Polizisten machen geltend, sie hätten nur Schaden von der Bevölkerung naheliegender Ortschaften abwenden wollen. Die Kuh habe auf ihrer Flucht mehrmals Straßen überquert, ein paar hundert Meter weiter wohnen im Örtchen Kornhöfstadt Kinder.

Der Besitzer sagt dagegen, die Schüsse seien voreilig gefallen - zwei Minuten später wären Tierarzt, Metzger und ein erfahrener Jagdschütze zur Stelle gewesen. Auch Richter Martin Wiesinger-Kleinklein merkte an: "Eine Informationen, dass jetzt geschossen wird, vermisse ich da schon."

Das Gericht sah einen Vergleich als den richtigen Weg an - 1500 Euro vom Freistaat für den Gutsherren. "Ich empfehle dringend einen Vergleich", sagte der Richter. So ganz verhältnismäßig seien die Schüsse - bei allem Verständnis für die Notwendigkeit von Gefahrenabwehr - aus der Dienstwaffe auf den Kopf des Rindviehs wohl nicht gewesen. Eine akute Gefahr sei von der Kuh nicht ausgegangen.

Doch darauf wollte der Vertreter des Freistaates zunächst nicht eingehen. Eine Entscheidung wird spätestens am 22. September verkündet.

Titelfoto: Montage: 123RF/Gerard Koudenburg, Christoph Soeder/dpa

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