Mord-Prozess um Leipziger Drogenkrieg droht wegen Corona-Angst zu platzen

Leipzig - Einer der größten Strafprozesse des Jahres droht am Infektionsschutz zu scheitern. Nach dem blutigen Bandenkrieg 2020 im Leipziger Drogenmilieu stehen seit dem gestrigen Mittwoch vier Männer wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht. Doch mit bis zu 40 Beteiligten scheint Leipzigs größter Gerichtssaal in Pandemie-Zeiten zu klein zu sein.

Vier Beschuldigte, vier Dolmetscher, acht Anwälte sitzen allein auf den Anklagebänken - das Gericht muss nun entscheiden, ob der Saal dafür ausreicht.
Vier Beschuldigte, vier Dolmetscher, acht Anwälte sitzen allein auf den Anklagebänken - das Gericht muss nun entscheiden, ob der Saal dafür ausreicht.  © Ralf Seegers

Es war am 2. April vergangenen Jahres, als ein arabisches Rollkommando in Mafiamanier in eine Wohnung im Leipziger Osten stürmte. Einem Algerier (25) schossen die Angreifer in den Bauch, einem Tunesier (26) fügten sie mit einer Machete üble Verletzungen zu. Beide Männer überlebten knapp.

Die Staatsanwaltschaft hält den Überfall für den blutigen Höhepunkt eines Bandenkrieges um Drogen-Verkaufsplätze in der Stadt. Demnach hätten die Angreifer die Köpfe einer konkurrierenden Gang töten wollen, um deren Gebiet zu übernehmen.

Auf der Anklagebank sitzen seit gestern zwei Tunesier (25, 26), ein Libyer (21) und der irakische Fahrer (36) der Bande, der nach einer spektakulären Verfolgungsjagd mit Helikopter-Einsatz noch in der Tatnacht festgenommen wurde.

Jeder Angeklagte hat wegen der bis Dezember avisierten Verfahrenslänge zwei Verteidiger und einen Dolmetscher. Ein Großaufgebot an Justizwachtmeistern sichert die als besonders gefährlich eingestuften Männer.

Mit Richtern, Staatsanwälten, Nebenklägern und Gutachtern würden sich so ständig bis zu 40 Beteiligte im Gerichtssaal befinden.

Die Tatwaffe – mit dieser vor dem Haus gefundenen Pistole soll auf ein Opfer geschossen worden sein.
Die Tatwaffe – mit dieser vor dem Haus gefundenen Pistole soll auf ein Opfer geschossen worden sein.  © Silvio Bürger

Was ist wichtiger – Infektionsschutz oder Prozess?

Polizisten sperren den Tatort ab. Der Überfall soll blutiger Höhepunkt im Krieg zweier Drogenbanden gewesen sein.
Polizisten sperren den Tatort ab. Der Überfall soll blutiger Höhepunkt im Krieg zweier Drogenbanden gewesen sein.  © Silvio Bürger

Für drei der Angeklagten ist das zu viel. Wegen der Angst, sich mit Corona anzustecken, beantragten ihre Verteidiger sofort die Aussetzung des Hauptverfahrens und die Entlassung aus der U-Haft.

Bis zum 6. Mai muss das Gericht nun entscheiden, ob der Infektionsschutz höher zu werten ist als der Strafverfolgungsanspruch des Staates.

Möglich wäre auch, den Prozess zu verlegen – etwa auf das Flughafengelände, das über große Räumlichkeiten sowie Haftzellen verfügt.

Titelfoto: Ralf Seegers

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