Folter bei der Polizei? Heftige Vorwürfe im Prozess um Morde in Starnberg

Starnberg/München - Der erste Blick auf den Tatort war wohl der falsche - doch wie richtig war der zweite? Der Aufsehen erregende Prozess um den Mord an einer Familie in Starnberg wirft immer mehr Fragen auf.

Einer von zwei wegen Mordes angeklagten Männer (M.) wird vor Beginn der Verhandlung in den Sitzungssaal geführt. Rechts steht sein Anwalt Alexander Stevens.
Einer von zwei wegen Mordes angeklagten Männer (M.) wird vor Beginn der Verhandlung in den Sitzungssaal geführt. Rechts steht sein Anwalt Alexander Stevens.  © Sven Hoppe/dpa

Stimmt die Annahme der Staatsanwaltschaft, dass ein junger Mann seinen Freund bestehlen wollte und darum ihn und dessen Eltern kaltblütig erschoss? Wie verlässlich ist das Geständnis, das er bei der Polizei abgab? Und welche Rolle spielt ein anderer Freund des ermordeten Sohnes, bei dem Munition aus der Tatwaffe gefunden wurde?

Mit diesen Fragen wird das Landgericht München II sich bei der Fortsetzung der Verhandlung an diesem Montag (9.15 Uhr) befassen müssen.

Als Zeugin geladen ist eine Ermittlerin, bei der der Hauptangeklagte 21-Jährige nach Polizeiangaben ein Geständnis abgelegt und seinen Freund und Mitbewohner, einen 20 Jahre alten Slowaken, als Komplizen belastet hat.

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Die Verteidigung des mutmaßlichen Mittäters will nun verhindern, dass diese Ermittlerin aussagt. Denn sie erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Es geht um nicht weniger als Folter.

"Verbotene Vernehmungsmethode"? Verteidigung will Aussage der Polizistin verhindern

Die zwei wegen Mordes angeklagten Männer (l. und 2.v.r.) stehen vor Beginn der Verhandlung mit ihren Anwälten Sarah Stolle und Alexander Betz (3.v.l.), Patrick Ottmann (4.v.r.) und Gerhard Bink (3.v.r.) im Sitzungssaal.
Die zwei wegen Mordes angeklagten Männer (l. und 2.v.r.) stehen vor Beginn der Verhandlung mit ihren Anwälten Sarah Stolle und Alexander Betz (3.v.l.), Patrick Ottmann (4.v.r.) und Gerhard Bink (3.v.r.) im Sitzungssaal.  © Sven Hoppe/dpa

Der Anwalt des Slowaken, Alexander Stevens, und sein Team wollen am Montag einen Antrag stellen, die geladene Zeugin nicht zu hören und das bei ihr abgelegte Geständnis nicht als Beweismittel zuzulassen.

Es ist das einzige Mal, dass der Hauptangeklagte sich zu den Tatvorwürfen geäußert hat, im Prozess schweigt er dazu bislang.

In einem Schreiben an das Landgericht München II heißt es: Die "angeblich gewonnenen Informationen beruhen auf verbotenen Vernehmungsmethoden".

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Die Anwälte werfen der Polizei "Erniedrigung, Quälerei und Misshandlung" bei dem Verhör in Fürstenfeldbruck vor. Die Polizei weist das entschieden zurück: "Der Vorwurf der Folter entbehrt jeglicher Grundlage", sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord am Sonntag.

"Die Zelle war dunkel, abgesehen von einer Neonlampe", schreiben die Anwälte weiter. Der Angeklagte, der ihren mitangeklagten Mandanten in seiner Aussage belastete, sei "entweder ganz nackt oder nur mit einer Unterhose bekleidet und darüber hinaus lediglich notdürftig mit einer braunen Decke" versorgt gewesen. Aufgrund einer schweren Neurodermitis habe der junge Mann "blutige Stellen am gesamten Körper" gehabt.

Die Vernehmung des Deutschen wurde nach Angaben Stevens' nicht aufgezeichnet. Dadurch habe "die Folter (...) offensichtlich kaschiert werden" sollen. Die Befragung sei "in der Haftzelle, ohne jegliche Protokollierung oder vorgeschriebene Aufzeichnung" erfolgt. Die Ermittlerin sei "nur mit einer Butterbreze" dort aufgetaucht.

Die Polizei will sich zu den Vorwürfen weiter nicht äußern. "Es gebietet der Respekt vor der Justiz, dass die Polizei in einem laufenden Gerichtsverfahren zu Vorgängen, die in diesem Verfahren behandelt werden, keine Auskunft erteilt. Sofern die Verteidigung derartige Vorwürfe bei Gericht vorbringt, werden sie Gegenstand der richterlichen Überprüfung sein", sagt der Sprecher.

Gibt es einen dritten Tatverdächtigen?

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass der heute 21 Jahre alte Hauptangeklagte in der Nacht im Januar 2020 die Familie auslöschte - eine 60 Jahre alte Frau, ihren 64 Jahre alten Mann und den gemeinsamen Sohn. Anschließend habe er die wertvolle Waffensammlung des Sohnes gestohlen. Er steht unter anderem wegen Mordes vor Gericht.

Zunächst waren die Ermittler von einem anderen Szenario ausgegangen. Nämlich davon, dass der Sohn erst seine Eltern und dann sich selbst erschoss. Er wurde mit der Waffe in der Hand gefunden, Schmauchspuren wurden festgestellt.

Die Verteidigung des Mitangeklagten hat aber auch an der neuen Version der Staatsanwaltschaft erhebliche Zweifel und gibt an, es gebe zahlreiche Hypothesen, was in jener Januarnacht 2020 in Starnberg geschehen ist.

Sie legt darum auch großes Augenmerk auf einen zweiten Zeugen, der für diesen Montag auf der Tagesordnung steht: Bei dem weiteren Freund des getöteten Sohnes wurde Munition aus der Tatwaffe gefunden, wie die Staatsanwaltschaft München II bestätigte.

"Von einem dritten Tatverdächtigen geht die Staatsanwaltschaft nach Auswertung aller bislang vorliegenden Erkenntnisse nicht aus", betonte eine Sprecherin. An dieser Einschätzung hat die Verteidigung des 20-Jährigen allerdings ihre Zweifel.

Titelfoto: Sven Hoppe/dpa

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