Ihre Leichen wurden nie gefunden: Mordprozess gegen Ehemann und Stiefvater

München - Um 12.02 Uhr am 13. Juli 2019 schickte Tatiana eine Whatsapp-Nachricht an ihre Freundin: "Ich schreib dir gleich" stand darin. "Doch dazu kam es nicht mehr", sagt Staatsanwalt Daniel Meindl am Mittwoch vor dem Landgericht München I. "Sie war nur 16 Jahre alt. Sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich."

Die Bildkombo zeigt die 41-jährige Maria (l.) und deren 16-jährige Tochter Tatiana. Die beiden Frauen werden bereits seit dem 13. Juni 2019 vermisst. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Ehemann der Frau und Stiefvater des Mädchens sie getötet hat.
Die Bildkombo zeigt die 41-jährige Maria (l.) und deren 16-jährige Tochter Tatiana. Die beiden Frauen werden bereits seit dem 13. Juni 2019 vermisst. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Ehemann der Frau und Stiefvater des Mädchens sie getötet hat.  © Polizeipräsidium München/dpa

Meindl geht davon aus, dass Tatiana kurz nach dieser letzten Nachricht von ihrem Stiefvater getötet wurde - und davon, dass der 46-Jährige zuvor schon Tatianas Mutter Maria umgebracht hat.

Seit anderthalb Jahren sind Mutter und Tochter aus München spurlos verschwunden. Seit dem 13. Juli "gibt es von ihnen kein Lebenszeichen mehr", sagt Meindl. "Der Status ist offline."

Er fordert lebenslange Haft für den wegen Totschlags an seiner Frau und Mordes an seiner Stieftochter angeklagten Deutsch-Russen und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Damit wäre es so gut wie ausgeschlossen, dass er nach 15 Jahren auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wird.

Trotz intensiver Suche - vor allem in einem Waldgebiet im Münchner Osten - wurden die Leichen der beiden Frauen nie gefunden.

"Nur der Angeklagte weiß, warum die Beiden sterben mussten und wo sich ihre Leichen befinden", sagt Meindl.

Angeklagter soll erst die Mutter und anschließend die Tochter getötet haben

Polizisten bei der Suche nach den Leichen in einem Waldstück bei München. (Archiv)
Polizisten bei der Suche nach den Leichen in einem Waldstück bei München. (Archiv)  © Peter Kneffel/dpa

Der Angeklagte hatte Frau und Stieftochter damals selbst als vermisst gemeldet und angegeben, sie seien zum Shoppen in ein Einkaufscenter in Neuperlach gefahren und nicht zurückgekommen.

Als immer mehr Ungereimtheiten an der Geschichte auffielen, durchsuchten die Ermittler die Wohnung der Familie, fanden überall Blutspuren - an Jacken im Flur, an einer Wand, die frisch mit weißer Farbe gestrichen war, an Waschmaschine und Trockner, in der Tiefgarage, "sogar an den Socken des Angeklagten", wie Meindl sagt.

Er geht davon aus, dass der Mann die beiden Frauen nacheinander "am ehesten durch massive, stumpfe Gewalt gegen den Kopf" getötet hat - erst im Streit die Mutter und danach die Tochter, die nach Hause kam, bevor er die Spuren seiner vorherigen Tat beseitigen konnte.

Danach fuhr er laut Anklage in einen Baumarkt, kaufte Farbe und strich Wände. Außerdem entfernte er einen Wohnzimmerteppich und eine Fußmatte aus dem Flur.

Diese fand die Polizei später - mit dem Blut der beiden mutmaßlichen Opfer verschmiert - in einem Waldstück. Es sind die Haupt-Indizien in dem Mordprozess ohne Leichen.

Angeklagter bestreitet weiterhin alle Vorwürfe und plädiert auf Freispruch

Immer wieder gab es groß angelegte Suchen nach den beiden Frauen. (Archiv)
Immer wieder gab es groß angelegte Suchen nach den beiden Frauen. (Archiv)  © Peter Kneffel/dpa

Der Angeklagte bestreitet, mit dem Verschwinden seiner Frau und seiner Stieftochter etwas zu tun zu haben. "Ich habe das nicht begangen", wiederholt er auch am Mittwoch, als der Vorsitzende Richter ihm das letzte Wort erteilt. "Für mich kommt nur Freispruch infrage".

Freispruch fordert auch sein Verteidiger - weil die Taten "nicht mit der erforderlichen Sicherheit" bewiesen seien.

Der Angeklagte erklärt die Blutspuren in seinem Zuhause mit einer angeblichen blutigen Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter, bevor sie sich frisch gemacht hätten und dann gemeinsam zum Einkaufen gegangen sein sollen.

Staatsanwalt Meindl kommentiert das so: "Der Angeklagte sitzt hier seit Oktober und erzählt uns allen Lügengeschichten."

Zum Schluss richtet er das Wort noch einmal direkt an den Angeklagten und bittet ihn, nach Abschluss des Verfahrens mitzuteilen, wo sich die Leichen befinden. "Das ist das einzig Positive, was Sie in diesem Fall noch tun können – für die Hinterbliebenen und auch für sich selbst."

Der leibliche Vater von Tatiana, der noch immer nach seiner Tochter sucht, tritt in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Er wolle endlich wissen, was mit seiner Tochter geschehen ist. "Ungewissheit ist eine Qual", sagt seine Anwältin Antje Brandes.

Er habe keinen Ort, an dem er um sein Kind trauern könne. "Seine Freude am Leben wurde komplett zerstört." Das Urteil soll am kommenden Dienstag (23. Februar) verkündet werden.

Titelfoto: Polizeipräsidium München/dpa

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