Terror-Prozess vor Ende: Jennifer W. erhebt schwere Vorwürfe gegen Gericht

München - Die Vorwürfe sind erschütternd: Ein versklavtes Mädchen wird im Irak von einem IS-Mann unter sengender Sonne im Freien angebunden und stirbt. Seit 2019 steht die Ex-Frau des Mannes in München vor Gericht - und erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Justiz.

Seit 2019 steht die IS-Rückkehrerin und mutmaßliche Terroristin vor Gericht. (Archiv)
Seit 2019 steht die IS-Rückkehrerin und mutmaßliche Terroristin vor Gericht. (Archiv)  © Peter Kneffel/dpa

"Der vielzitierte Satz 'Im Zweifel für den Angeklagten' kam in meinem Fall nicht zum Tragen", sagte die 30-jährige Jennifer W. am Mittwoch in ihrem Schlusswort vor dem Oberlandesgericht München.

An ihr solle offenbar ein Exempel statuiert werden für alles Unrecht, das unter der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) geschehen sei.

Die Frau aus Lohne in Niedersachsen bestritt insbesondere, für den Tod einer fünfjährigen Jesidin im Sommer 2015 im Irak verantwortlich zu sein, die als Sklavin festgehalten worden war. Das Urteil wird am 25. Oktober erwartet.

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Die Frau folgte der Linie ihrer Verteidiger. Diese hatten Ende September in ihren Plädoyers eine maximal zweijährige Haftstrafe gefordert. Ihre Mandantin dürfe nur wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt werden, hatte ihre Anwältin Seda Başay-Yıldız erklärt.

Die Bundesanwaltschaft dagegen hatte eine lebenslange Haftstrafe verlangt, unter anderem wegen Versklavung mit Todesfolge, der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und Kriegsverbrechen.

Jennifer W. stellt Glaubwürdigkeit der Mutter des toten Mädchens in Frage

Hat Jennifer W. zugesehen, wie ein fünfjähriges Mädchen qualvoll verdurstet? (Archiv)
Hat Jennifer W. zugesehen, wie ein fünfjähriges Mädchen qualvoll verdurstet? (Archiv)  © Peter Kneffel/dpa

W. war nach eigener Aussage im Jahr 2014 in den Irak gereist, um dort aus ideologischer Überzeugung einen IS-Kämpfer zu heiraten. Im Sommer 2015 soll sie der Anklage zufolge in Falludscha zugesehen haben, wie ein fünfjähriges Mädchen ungeschützt und ohne Wasser der prallen Sonne ausgesetzt war. Zur Strafe fürs Bettnässen soll ihr Ehemann das kleine Kind an einem Fenstergitter angebunden haben.

Eine quälende Tortur, die laut Anklage zum Tode führte - und gegen die W. nichts unternommen haben soll.

So wie die Verteidigung zog W. die Glaubwürdigkeit der wichtigsten Zeugin - der Mutter des gestorbenen Mädchens - in Frage. Diese habe sich in Widersprüche verwickelt.

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W. bestritt zudem, vom Tod des Kindes zu wissen. Anders als in der Anklage dargestellt sei es nach der Bestrafung zwar ins Krankenhaus eingeliefert worden, habe die Klinik aber vier Tage später lebend verlassen. Über das weitere Schicksal des Mädchens wisse sie nichts. Bis zum heutigen Tag gebe es keine Beweise, dass die Kleine nicht mehr am Leben sei.

W. entschuldigte sich schließlich und verwies auf ihren Ex-Mann, der in Frankfurt am Main vor Gericht steht. Er habe der Zeugin psychische und physische Gewalt zugefügt - das tue ihr leid und dafür müsse er auch zur Rechenschaft gezogen werden. Sie habe den Handlungen des Mannes aber machtlos gegenübergestanden und das Mädchen nicht einfach losbinden können.

Titelfoto: Peter Kneffel/dpa

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