Frau soll Ehemann aus Notwehr erstochen haben: Freispruch!

Hannover - Ein Richter am Landgericht Hannover tut sich schwer mit seinem Urteil, als er eine 47-Jährige vom Vorwurf des Mordes freispricht. Es könne alles so gewesen sein, wie die Frau sage, meint er. Und er macht eines ganz klar.

Die Frau wurde am Landgericht Hannover freigesprochen.
Die Frau wurde am Landgericht Hannover freigesprochen.  © picture alliance / Holger Hollemann/dpa

Das Urteil fiel schwer: Aus Mangel an Beweisen hat das Landgericht Hannover eine wegen Mordes angeklagte Frau freigesprochen.

Die 47-Jährige erstach ihren Ehemann nach eigenen Angaben aus Angst um ihr Leben. "Wir können nicht widerlegen, dass Sie ihn aus Notwehr getötet haben", sagte der Vorsitzende Richter Stefan Joseph am Donnerstag zur Urteilsbegründung (Az.: 39 Ks 1/21).

Er machte klar: "Es kann sein, dass es so gewesen ist. Wir können nichts anderes feststellen. Wir sind aber auch nicht davon überzeugt." Zu dem Urteil sagte er: "Wir haben uns schwergetan."

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Zuvor hatten sowohl Anklagebehörde als auch Verteidigung in ihren Plädoyers einen Freispruch verlangt. Die Anklage hatte der Deutschen vorgeworfen, ihren Mann im vergangenen Oktober im gemeinsamen Haus nach einem Streit mit einem 15 Zentimeter langen Messer erstochen zu haben, als er schlief.

Demnach hatte sie ihm den Mund zugehalten und das Messer in seine Brust gerammt. Das Messer durchbohrte das Herz, der Mann starb an inneren Blutungen. Der Vorwurf: Die Frau habe die Arglosigkeit des Opfers ausgenutzt, das keinen Angriff erwartet habe.

Zum Prozessauftakt stellte die Frau die Lage völlig anders dar: Ihr Verteidiger schilderte in einer Erklärung, sie habe sich gegen ihren betrunkenen Mann gewehrt, der ihren Kopf gegen die Wand gedrückt und seinen Unterarm gegen ihren Hals gepresst habe. Sie habe ein Messer aufgehoben, den Mann bedroht und ihn dabei unabsichtlich verletzt. "Ich wollte meinen Ehemann nicht töten", betonte die Frau.

"Mir war nicht bewusst, dass ich das gewesen sein könnte."

Frau und Ehemann waren beide vor der Tat angetrunken

Dem Richter ist das Urteil des Freispruchs schwer gefallen. (Symbolbild)
Dem Richter ist das Urteil des Freispruchs schwer gefallen. (Symbolbild)  © 123RF/Sebastian Duda

Schon zu Beginn wollte Richter Joseph vor allem wissen: "Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?" Schon bei der Polizei, meinte er.

Die Frage beschäftigte ihn zur Urteilsverkündung noch immer. Er warf ihr vor: "Sie beschönigen durchgehend Ihr eigenes Verhalten." Sie habe versucht, eine Fassade aufrechtzuerhalten.

Es habe in der Vergangenheit erhebliche Streitereien von beiden gegeben, und nicht nur ihr Mann habe "gehörig" Alkohol getrunken, sondern auch sie.

Der Richter betonte aber auch, er gehe davon aus, dass der Mann nicht im Schlaf erstochen worden sei. Er habe es noch geschafft, ins Schlafzimmer zu gehen - ohne zu bemerken, wie schwer er verletzt war.

Richter geht davon aus, dass jüngste Tochter alles mitbekommen hat

Am nächsten Morgen habe die 47-Jährige den Toten gefunden und noch versucht, ihn zu retten. Sie habe nicht glauben können, dass ihr Mann tot war. Polizei und Rettungsdienst hätten bestätigt, dass sie authentisch wirkte.

Joseph sagte, man müsse auch davon ausgehen, dass die jüngste Tochter alles mitbekommen habe. Die damals zwölf- und heute 13-Jährige kam nach der Schilderung der Frau dazu und schob den Mann ins Schlafzimmer. "Sie werden damit leben müssen, dass nur Sie und wahrscheinlich Ihre Tochter wissen, was passiert ist", sagte der Richter.

Den Haftbefehl hob er auf.

Titelfoto: picture alliance / Holger Hollemann/dpa

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