Neuer Zeuge erinnert sich an KZ-Sekretärin: "Wir hatten alle Angst vor dieser Frau!"

Itzehoe – Mit einer vermeintlichen Erinnerung an die Angeklagte hat ein Zeuge im Prozess gegen die ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F. für Aufsehen gesorgt.

Die 97 Jahre alte Angeklagte Irmgard F. saß zu Beginn des Verhandlungstages im Gerichtssaal.
Die 97 Jahre alte Angeklagte Irmgard F. saß zu Beginn des Verhandlungstages im Gerichtssaal.  © Marcus Brandt/dpa

"Diese Frau, die dort sitzt, hat immer den Kommandanten begleitet, morgens und abends, sie hat alles mit angesehen, sie hat uns verflucht und erniedrigt", sagte am Dienstag der Nebenkläger Chaim Golani (92) über eine Videoverbindung aus Israel.

Nach den Worten eines Dolmetschers ergänzte er noch: "Sie hat häufig SS-Uniform getragen, Stiefel. Wir hatten Angst vor dieser Frau."

Als der Vorsitzende Richter Dominik Groß einige Zeit später nachfragte, wo er die Angeklagte Irmgard F. (97) gesehen habe, antwortete Golani jedoch: "Ich persönlich kannte sie nicht, ich weiß nichts über sie. Ich habe sie nie gesprochen oder direkt gesehen."

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Während der Anhörung des Zeugen in dessen Wohnung saß neben ihm nach Angaben seines Anwalts Hans-Jürgen Förster der Direktor des Simon Wiesenthal Centers in Israel, Efraim Zuroff (74).

Die Angeklagte soll Beihilfe zum Mord in 11 000 Fällen geleistet haben

Irmgard F. soll von Juni 1943 bis April 1945 als Zivilangestellte in der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig gearbeitet haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, durch ihre Schreibarbeit Beihilfe zum systematischen Mord an mehr als 11 000 Gefangenen geleistet zu haben.

Förster erklärte nach der Gerichtsverhandlung zu der Aussage seines Mandanten: "Das ist mit Sicherheit ein Erinnerungsfehler." Aufgrund der Macht und der Bedrohung, die von dem SS-Mann ausging, werde er ihn für den KZ-Kommandanten gehalten haben.

"In Wirklichkeit wird es sich um einen Befehlsgeber unterhalb des Kommandanten gehandelt haben, der sehr wohl von einer Frau in Stiefeln und SS-Uniform begleitet worden sein könnte."

Richter Dominik Groß. Der Prozess gegen die ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F. vor dem Landgericht Itzehoe wird fortgesetzt.
Richter Dominik Groß. Der Prozess gegen die ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F. vor dem Landgericht Itzehoe wird fortgesetzt.  © Marcus Brandt/dpa-Pool/dpa

Der Zeuge widersprach dem Richter

Auf Frage des Richters bestätigte Golani, dass er früher Lewin geheißen und seinen Namen nach dem Krieg geändert habe. Laut einem Dokument aus dem Forschungszentrum der Gedenkstätte Stutthof seien er und sein Vater am 23. August 1944 in das KZ gebracht worden, sagte Groß.

"Nein, wir kamen im Winter nach Stutthof", widersprach der Zeuge. Sein Anwalt machte ihn auch auf das abweichende Geburtsdatum auf dem Dokument aufmerksam, wonach er bereits im Juni 1926 geboren worden sei, und fragte, ob er sich im KZ älter gemacht habe. "Ja, das war das System, wie man am Leben bleiben konnte", sagte Golani.

Auf weitere Nachfragen von Förster erwiderte der Zeuge: "Keiner von Ihnen hat das mitgemacht, was ich erlebt habe. Vielleicht ist das nicht kohärent, aber es ist wie es ist."

Das Gericht hat bereits sieben andere Überlebende und einen ehemaligen Wachmann des Lagers vernommen. Keiner von ihnen konnte Angaben zu der Angeklagten machen. Golani ist nach Angaben des Gerichts voraussichtlich der letzte Nebenkläger, der in dem Prozess als Zeuge ausgesagt hat.

Titelfoto: Marcus Brandt/dpa

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