Missbrauchs-Gutachten liefert erschütternde Details: Weihbischof bietet Papst Rücktritt an

Köln - Der Strafrechtler Björn Gercke stellt am Donnerstag ein brisantes Gutachten zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch vor. Kardinal Rainer Maria Woelki (64) hat den Juristen damit beauftragt.

Kardinal Rainer Maria Woelki (64) will Führungskräfte des Erzbistums eventuell vorläufig von ihren Aufgaben entbinden, falls sie durch das neue Gutachten belastet werden. (Archivfoto)
Kardinal Rainer Maria Woelki (64) will Führungskräfte des Erzbistums eventuell vorläufig von ihren Aufgaben entbinden, falls sie durch das neue Gutachten belastet werden. (Archivfoto)  © Oliver Berg/dpa

Ein erstes Gutachten hatte Woelki nicht veröffentlicht. Er begründete das mit rechtlichen Bedenken. Gercke hat vorab mitgeteilt, dass seine im Jahr 1975 beginnende Untersuchung mehr als 300 Opfer und über 200 Beschuldigte aufführt. Woelki hat ihn beauftragt, Verantwortliche namentlich zu benennen - gegebenenfalls auch ihn selbst.

Der Fokus des Gutachtens liegt nicht auf den Tathergängen, sondern auf dem Agieren der Bistumsleitung. "Es geht uns nicht darum 'Was hat Priester X dem Kind Y angetan?', sondern 'Haben Kardinal, der Generalvikar, sonst ein Bistumsverantwortlicher richtig gehandelt?'", sagte Gercke dem Kölner Stadt-Anzeiger. Dabei seien "Pflichtverletzungen noch lebender Akteure" auch auf höchster Ebene festgestellt worden.

Bekannt ist, dass das erste Gutachten das Verhalten des früheren Kölner Personalchefs Stefan Heße (54) - heute Erzbischof von Hamburg - kritisch beurteilt. Heße bestreitet die Vorwürfe.

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Woelki hat gesagt, er wolle Führungskräfte des Erzbistums eventuell vorläufig von ihren Aufgaben entbinden, falls sie durch das neue Gutachten belastet werden sollten. "Sofern es mich betrifft, habe ich bereits erklärt, dass ich mich den Ergebnissen der Untersuchung stellen werde", versprach er. "Dasselbe erwarte ich aber auch von anderen." Vertuschung oder Mauschelei dürfe es in Zukunft nicht mehr geben. Erste Konsequenzen aus dem Gutachten sollen bereits am Dienstag (23. März) vorgestellt werden.

Seit Monaten keine Termine mehr für Kirchenaustritt im Erzbistum Köln

Die Auswertung des ersten Gutachtens durch die Kölner Staatsanwaltschaft hatte bisher keine Anhaltspunkte für strafrechtliche Ermittlungen gegen Woelki ergeben. (Archivfoto)
Die Auswertung des ersten Gutachtens durch die Kölner Staatsanwaltschaft hatte bisher keine Anhaltspunkte für strafrechtliche Ermittlungen gegen Woelki ergeben. (Archivfoto)  © Andreas Arnold/dpa

Woelki ist in einem Fall selbst im Visier. Er soll den mittlerweile gestorbenen Düsseldorfer Pfarrer Johannes O. geschont haben, dem der Missbrauch eines Kindergartenjungen Ende der 1970er Jahre zur Last gelegt wird.

Nachdem Woelki 2014 Erzbischof von Köln geworden war, entschied er sich, nichts gegen O. zu unternehmen. Seine Begründung dafür: O. sei aufgrund einer fortgeschrittenen Demenz "nicht vernehmungsfähig" gewesen.

Das Zurückhalten des ersten Gutachtens löste im größten deutschen Bistum eine Vertrauenskrise aus. Schon seit Monaten ist es äußerst schwierig, einen Termin für einen Kirchenaustritt zu bekommen. Sogar der ehemalige Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums, Oliver Vogt, trat aus Enttäuschung über den Umgang mit Missbrauch aus der Kirche aus.

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Anfang dieses Monats hat das Erzbistum nun angekündigt, das erste Gutachten ab dem 25. März doch zur Einsicht auszulegen. Dies gelte für "Betroffene, Medienvertreter und die interessierte Öffentlichkeit".

Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) für Fragen des sexuellen Missbrauchs, Bischof Stephan Ackermann, kritisierte Woelki im Vorfeld. Der Bild sagte er: Woelkis Umgang mit den Vorwürfen erzeuge "eine große Enttäuschung und Irritation bei Betroffenen und der Öffentlichkeit. Aber es ist auch misslich für die anderen Bistümer in Deutschland."

Der Kölner Staatsanwaltschaft liegt das erste Gutachten schon länger vor. Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen, doch bisher wurden keine Anhaltspunkte für strafrechtliche Ermittlungen gefunden: Dafür seien die Taten schon zu lange her, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Auch bei Kardinal Woelki persönlich sieht die Staatsanwaltschaft kein strafrechtlich relevantes Verhalten. Nach Angaben von Gercke liegt mittlerweile auch das neue Gutachten bereits bei der Staatsanwaltschaft.

Update, 11 Uhr: Hinweise auf 202 Beschuldigte

Der Strafrechtler Björn Gercke hat in seinem Gutachten zum Umgang des Erzbistums Köln mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs Hinweise auf 202 Beschuldigte festgestellt. Das sagte er bei der Vorstellung der 800 Seiten starken Untersuchung am Donnerstag in Köln.

Es gehe um das erste Gutachten dieser Art, in dem ungeschwärzt auch die Namen von Verantwortlichen genannt würden, sagte Gercke.

Die Opfer waren demnach mehrheitlich Jungen. Bei 63 Prozent der Beschuldigten handele es sich um Kleriker, also Priester. In knapp 32 Prozent der Fälle habe es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt, in gut 15 Prozent um schweren sexuellen Missbrauch. Die anderen Fälle stuft Gercke unter anderem als Grenzverletzungen und sonstige sexuelle Verfehlungen ein.

Der Gutachter kritisierte die Aktenführung des Bistums als äußerst mangelhaft. "Wir haben erhebliche Mängel im Hinblick auf die Organisation des Aktenbestands sowie der Aktenführung im Erzbistum festgestellt. Wir haben bei einigen Akten den Eindruck gewonnen, dass Aktenbestandteile fehlten, da die Verfahrensführung nicht nachvollziehbar war", sagte er.

Update, 11.10 Uhr: Gutachter sehen elf Pflichtverletzungen bei Erzbischof Heße

Laut einem Missbrauchsgutachten werden dem Hamburger Erzbischof Stefan Heße (54) elf Pflichtverletzungen vorgeworfen.
Laut einem Missbrauchsgutachten werden dem Hamburger Erzbischof Stefan Heße (54) elf Pflichtverletzungen vorgeworfen.  © Axel Heimken/dpa

Der Strafrechtler Björn Gercke hat dem heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln vorgeworfen.

Beim Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki sehen Gercke und sein Team dagegen keine Pflichtverletzungen.

Update, 11.50 Uhr: Gutachter sehen 24 Pflichtverletzungen von Kardinal Meisner

Der verstorbene Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner (†83) hat laut einem Gutachten 24 Pflichtverletzungen begangen.
Der verstorbene Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner (†83) hat laut einem Gutachten 24 Pflichtverletzungen begangen.  © Oliver Berg/dpa

Auch bei dem 2017 verstorbenen Kardinal Joachim Meisner (†83) hat Gercke Pflichtverletzungen. Auf Meisners Konto gehen mit einem Drittel die meisten aller festgestellten Pflichtverletzungen, nämlich 24, sagten der Gutachter und seine Kollegin Kerstin Stirner.

Ihm sei bewusst, dass Meisner in Köln für viele Menschen "Legendenstatus" habe, sagte Gercke. Weitere Pflichtverletzungen wurden demnach bei Meisners Vorgänger Kardinal Joseph Höffner (1906-1987) und bei ehemaligen Generalvikaren festgestellt.

Update, 11.55 Uhr: Kardinal Woelki entbindet zwei Mitarbeiter vorläufig von Pflichten

Nach der Vorstellung eines Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln hat Kardinal Rainer Maria Woelki zwei Mitarbeiter vorläufig von ihren Dienstpflichten entbunden.

"Daher möchte ich auch aus der Situation der Stunde heraus und auch auf der Grundlage dessen, was ich hier gerade gehört habe, die gerade Genannten, Weihbischof Schwaderlapp und Herrn Offizial Assenmacher, mit sofortiger Wirkung vorläufig von ihren Aufgaben entbinden", sagte Woelki am Donnerstag in Köln.

Update, 13.05 Uhr: Kirchenrechtler Schüller kritisiert Gutachten

Thomas Schüller, Theologe und Kirchenrechtler, hat Kritik an dem Kölner Gutachten geäußert.
Thomas Schüller, Theologe und Kirchenrechtler, hat Kritik an dem Kölner Gutachten geäußert.  © Rolf Vennenbernd/dpa

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller (60) hat das am Donnerstag vorgestellte Gutachten zum Umgang von Verantwortlichen des Erzbistums Köln mit Missbrauchsvorwürfen kritisiert.

Es sei zwar gut, dass einige Verantwortliche, die Pflichtverletzungen begangen hätten, in der Untersuchung identifiziert würden. Doch gleichzeitig gelte: "In weiten Teilen wirken die Ausführungen eher wie eine Verteidigungsrede, weil mit nicht überzeugender Rechtsunkenntnis operiert wird und somit Vertuscher exkulpiert werden", sagte Schüller der Deutschen Presse-Agentur.

Die Unübersichtlichkeit der kirchlichen Strukturen sei keine Entschuldigung für Fehlverhalten, so Schüller. Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße und der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp müssten jetzt "zwingend ihren Rücktritt dem Papst anbieten". Das gleiche gelte für den Kölner Offizial Günter Assenmacher, dem Rechtsbeugung nachgewiesen worden sei.

Schwaderlapp und Assenmacher waren unmittelbar nach der Vorstellung des Gutachtens bereits von Kardinal Rainer Maria Woelki vorläufig von ihren Amtspflichten entbunden worden. Das unabhängige Gutachten hatte untersucht, wie Verantwortliche des Bistums von 1975 bis 2018 mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester umgegangen waren.

Update, 13.10 Uhr: Kölner Weihbischof Schwaderlapp bietet dem Papst Rücktritt an

Nach der Vorstellung eines Missbrauchsgutachtens hat Kardinal Rainer Maria Woelki (64, l) den Weihbischof Dominikus Schwaderlapp vorläufig von seinen Dienstpflichten entbunden. (Archivfoto)
Nach der Vorstellung eines Missbrauchsgutachtens hat Kardinal Rainer Maria Woelki (64, l) den Weihbischof Dominikus Schwaderlapp vorläufig von seinen Dienstpflichten entbunden. (Archivfoto)  © Arne Dedert/dpa

Als Konsequenz aus dem Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln hat Weihbischof Dominikus Schwaderlapp dem Papst seinen Amtsverzicht angeboten. Das teilte der Geistliche am Donnerstag in einer Stellungnahme in Köln mit, kurz nach der Vorstellung des Gutachtens.

"Ich bitte Papst Franziskus um sein Urteil", schrieb er darin. "Ich kann nicht Richter in eigener Sache sein." Bereits zuvor habe er seinen Vorgesetzten, den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, über diesen Schritt informiert und ihn gebeten, ihn bis zu einer Entscheidung aus Rom von seinen bischöflichen Aufgaben freizustellen.

Eben das hatte Woelki unmittelbar nach der Präsentation des Gutachtens getan.

Schwaderlapp zeigte sich schuldbewusst. Es beschäme ihn, "zu wenig beachtet zu haben, wie verletzte Menschen empfinden, was sie brauchen und wie ihnen die Kirche begegnen muss".

Als Bischof, Priester und Mensch erkenne er seine Fehler an. "Die Menschen, denen ich nicht gerecht wurde, bitte ich an dieser Stelle aufrichtig um Verzeihung, auch wenn ich weiß, dass Geschehenes nicht ungeschehen gemacht werden kann."

Update, 14 Uhr: Missbrauchsbeauftragter nennt Ausmaß "erschreckend"

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (61), hat das Ausmaß des Kölner Missbrauchsgutachtens "erschreckend" genannt.
Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (61), hat das Ausmaß des Kölner Missbrauchsgutachtens "erschreckend" genannt.  © Gregor Fischer/dpa

Nach Veröffentlichung eines Gutachtens zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln hat der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung das Ausmaß der Vorwürfe als erschreckend bezeichnet. Er sei froh, dass die "Zeit des unerträglichen Wartens" auf die Untersuchung nun ein Ende habe, erklärte Johannes-Wilhelm Rörig (61) am Donnerstag.

Das Gutachten sei ein wichtiger von vielen weiteren Mosaiksteinen der Aufarbeitung. Das auf Basis der Aktenlage "gezeichnete Ausmaß des Missbrauchs und der Pflichtverletzungen kirchlicher Verantwortungsträger" sei allerdings "erschreckend".

Der Strafrechtler Björn Gercke hatte die Untersuchung am Donnerstag vorgestellt, in der er den Umgang des Erzbistums mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs untersucht hat. Der Fokus lag nicht auf den Tathergängen, sondern auf dem Agieren der Bistumsleitung.

"Ich hoffe sehr, dass die unabhängige Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche mit ganzer Energie und mit uneingeschränktem kirchlichem Aufklärungswillen in allen deutschen Bistümern weiter vorangetrieben wird", erklärte Rörig.

Titelfoto: Arne Dedert/dpa

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