Emotionale Ausstellung in Aachen: Kleider vergewaltigter Frauen und ihre Geschichten

Aachen - Die Ausstellung ist so klein, dass sie in ein Schaufenster passt, fällt aber dennoch auf: Gezeigt werden Kleider, die Frauen trugen, als sie vergewaltigt wurden. Dazu erzählen Frauen ihre Geschichte - abrufbar mit QR-Codes.

In Aachen zeigt die Schaufenster-Ausstellung "Was ich anhatte..." Kleider, die Frauen trugen, als sie vergewaltigt wurden. Mit QR-Codes kann die Geschichte der Opfer abgerufen werden.
In Aachen zeigt die Schaufenster-Ausstellung "Was ich anhatte..." Kleider, die Frauen trugen, als sie vergewaltigt wurden. Mit QR-Codes kann die Geschichte der Opfer abgerufen werden.  © Rolf Vennenbernd/dpa

Es ist der Bericht einer unbekannten Anna über eine Vergewaltigung und die traumatischen Folgen. Insgesamt kommen in Aachen anonym ein Dutzend Frauen zu Wort. Sie haben eine Vergewaltigung hinter sich und wollen die Opfer-Rolle hinter sich lassen.

Die Ausstellung "Was ich anhatte..." zeigt die zur Tatzeit getragenen Kleider und macht daraus eine eindrückliche Ausstellung.

Es seien größtenteils die originalen Kleidungsstücke, berichtet Ausstellungsmacherin Beatrix Wilmes. Wenn die Kleider nicht mehr da waren, seien sie gebraucht nachgekauft worden. Mit Wäscheklammern fixiert, baumeln sie auf dürren Bügeln im Schaufenster eines Kulturzentrums am Rand der Innenstadt von Aachen. Auch die Texte der Frauen sind unverändert. Sie hängen mit QR-Codes verkürzt an den Kleidern.

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Vor dem ehemaligen Ladenlokal sind auf dem Bürgersteig fünf Quadrate abgeklebt, von denen aus die Passanten die kleine Ausstellung corona-konform sehen können. Sie dauert bis zum 11. März.

Ausstellung soll verdeutlichen, dass sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem ist

Eine junge Frau ruft mittels der ausgehängten QR-Codes die Geschichten der Frauen auf. Die Ausstellung "Was ich anhatte..." soll verdeutlichen, dass sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem ist.
Eine junge Frau ruft mittels der ausgehängten QR-Codes die Geschichten der Frauen auf. Die Ausstellung "Was ich anhatte..." soll verdeutlichen, dass sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem ist.  © Rolf Vennenbernd/dpa

Studentin Sarah ist mit einer Freundin gekommen. Eine Viertelstunde steht die 24-Jährige vor dem Schaufenster an einer Fahrradstraße, entschlüsselt mit Hilfe des Handys die Strichcodes und liest gebannt die Berichte.

Es sei erschreckend, meint die junge Frau und weist auf die ganz alltäglichen Klamotten im Schaufenster, die für eine traumatische Gewalterfahrung stehen. "Ich habe nicht gedacht, dass es so emotional ist." Die Studentin wurde aufmerksam, weil ihre Universität in den sozialen Medien auf die Ausstellung aufmerksam gemacht hatte. Auch die Frauenseelsorge im Bistum Aachen wies darauf hin.

Ausstellungsmacherin Wilmes berichtet, fast 50 Frauen hätten sich auf den Aufruf gemeldet und Kleider sowie Berichte geschickt. Die Ausstellung solle verdeutlichen, dass sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem sei. "Eine Frau wird nicht vergewaltigt, weil sie einen Minirock trägt", heißt es in der Ausstellung gegen den Mythos von einer Schuld der Opfer bei sexualisierter Gewalt.

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Teils blicken die Frauen lange zurück: Eine Erwachsene schildert den Missbrauch durch den Stiefvater in ihrer Kindheit. Die älteste Frau ist über 80 Jahre alt.

In diesem Fall berichtet die Enkelin über den Missbrauch ihrer dementen Oma durch einen Pfleger. "Als ich das erfahren hab, ist mir kotz-schlecht geworden und ich habe gezittert vor Wut."

Zehn Prozent mehr Vergewaltigungen im letzten Jahr

Die Ausstellung "Was ich anhatte..." in Aachen: "Es kann einfach JEDER Frau passieren und das ist die traurige Realität" steht auf einem der Zettel, die neben den Kleidungsstücken vergewaltigter Frauen in dem Schaufenster aufgehängt sind.
Die Ausstellung "Was ich anhatte..." in Aachen: "Es kann einfach JEDER Frau passieren und das ist die traurige Realität" steht auf einem der Zettel, die neben den Kleidungsstücken vergewaltigter Frauen in dem Schaufenster aufgehängt sind.  © Rolf Vennenbernd/dpa

Für 2020 weist die Kriminalstatistik in Nordrhein-Westfalen 2302 bekannt gewordene Vergewaltigungen aus, fast zehn Prozent mehr als im Jahr davor. Die Aufklärungsquote beträgt über 80 Prozent.

Aachen ist nach Hamm die zweite Station von "Was ich anhatte... ". Die Ausstellung sei nicht immer die gleiche, sondern werde leicht verändert, sagt Wilmes. Der nächste Stopp sei noch nicht geklärt. Wegen der Corona-Konzepte seien die Städte unsicher. Die Schaufenster-Schau in Aachen kam jedenfalls gut an.

Anna, die bei einem erlebnispädagogischen Wochenende von einem Kollegen missbraucht worden war, sagt, sie sei nicht mehr dieselbe wie vorher. Sie erzählt von Albträumen, Panikattacken, Selbstzweifeln und Schuldgefühlen.

Aber auch von Stärke, Kampfgeist und wiederentdeckter Lebensfreude. Ihr Ziel sei, dass das Erlebte zu etwas werde, aus dem sie Stärke ziehen könne.

Titelfoto: Rolf Vennenbernd/dpa

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