Missbrauchsfall Münster: Darum griff das Jugendamt erst viel zu spät ein

Münster – Im Missbrauchsfall Münster hat ein Gutachter Schwachstellen im Umgang des Jugendamtes mit frühen Vorwürfen gegen eine der Schlüsselfiguren der Affäre, Adrian V., offengelegt.

Die inzwischen abgerissene Laube ist einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters im Missbrauchsfall von Münster. (Archivfoto)
Die inzwischen abgerissene Laube ist einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters im Missbrauchsfall von Münster. (Archivfoto)  © Marcel Kusch/dpa

"Das Jugendamt hat seine Zweifel zwar dokumentiert, aber den Zweifeln und Irritationen ist nicht intensiver nachgegangen worden, entweder um sie zu verwerfen oder zu bestätigen", zitierte die Stadt Münster den Gutachter Prof. Dr. Christian Schrapper. "Heute würde man da sicher einiges anders machen."

Adrian V., ein 27-jähriger IT-Mann aus Münster, gilt als Schlüsselfigur in einem der größten Fälle schweren Missbrauchs der vergangenen Jahre: Er ist derjenige, dem die meisten Taten zur Last gelegt werden, und er soll seinen Ziehsohn immer wieder anderen Männern für schlimmste Gewalttaten überlassen haben.

Er war dem Jugendamt in Münster schon lange vor Aufdeckung der Taten bekannt.

Bereits 2014 informierte die Staatsanwaltschaft den Kommunalen Sozialdienst der Stadt Münster über eine Anklage gegen Adrian V. wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material. Das Jugendamt musste deshalb klären, ob dadurch der damals Fünfjährige gefährdet war.

"Mit dem Wissen von heute hätte man die Opfer besser schützen können", betonte Schrapper.

Gutachter über Arbeit des Jugendamtes: "Deutlich Schwächen erkennbar"

Vor der Festnahme von Adrian V. wusste das Jugendamt offenbar über dessen Besitz von kinderpornografischem Material bescheid. (Archivfoto)
Vor der Festnahme von Adrian V. wusste das Jugendamt offenbar über dessen Besitz von kinderpornografischem Material bescheid. (Archivfoto)  © Guido Kirchner/dpa

Die Arbeit des Jugendamtes der Stadt Münster könne aber nicht an den heutigen, sondern müsse an den damals geltenden Vorgaben und den zu dieser Zeit in Münster üblichen Verfahrensweisen gemessen werden.

"Nach diesem Maßstab sind in der Arbeit des Jugendamtes der Stadt Münster im Fallkomplex um den mutmaßlichen Haupttäter Adrian V. zwar deutlich Schwächen erkennbar, in der Summe aber haben die Fachkräfte sachkundig und sorgfältig gehandelt – auch wenn sie damit den Jungen nicht schützen konnten", zitierte die Stadt den Gutachter.

Die Mutter und Lebensgefährtin von Adrian V. habe sowohl vor dem Jugendamt, als auch dem Familiengericht den Anschein erweckt, sich ihrer Schutz- und Sorgepflichten für ihren Sohn bewusst zu sein und diese auch erfüllen zu können, berichtete der Experte.

Dass die Mutter einen Missbrauch an ihrem eigenen Kind gedeckt haben könnte, sei damals für die Mitarbeiter des Jugendamtes kein nahe liegender Verdacht gewesen.

Dennoch hätte das Jugendamt nach Einschätzung Schrappers stärker und auch gegen den Willen der Mutter auf einem direkten Kontakt zu deren Sohn bestehen sollen und sich genauer über die Lebenssituation der Frau informieren müssen.

Plädoyers im Prozess gegen 50-jährigen Angeklagten im Missbrauchskomplex Münster erwartet

Im Prozess gegen einen 50-jährigen Mann werden die Plädoyers erwartet. Es ist einer von mehreren Prozessen im Missbrauchsfall Münster. (Symbolbild)
Im Prozess gegen einen 50-jährigen Mann werden die Plädoyers erwartet. Es ist einer von mehreren Prozessen im Missbrauchsfall Münster. (Symbolbild)  © Roland Weihrauch/dpa

In einem von mehreren Prozessen im Missbrauchskomplex werden am Freitag die Plädoyers erwartet.

Angeklagt ist ein 50-jähriger Mann aus Hannover. Er soll den Ziehsohn des in einem anderen Verfahren angeklagten 27-jährigen Haupttäters schwer sexuell missbraucht haben. Laut den Ermittlungen soll es zu der Tat in einer Wohnung in Hannover gekommen sein.

Der Prozess am Landgericht Münster fand zum Schutz der Opfer weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Am vorletzten Prozesstag sollen Staatsanwaltschaft und Verteidiger ihre Schlussvorträge halten. Das Urteil wird für Montag erwartet.

Weitere Urteile im Missbrauchsfall – etwa gegen den den IT-Techniker aus Münster, der seinen Ziehsohn anderen Männern zum Missbrauch angeboten hatte – werden erst im Frühjahr erwartet.

Update, 15.06 Uhr: Fast fünf Jahre Haft für Hannoveraner gefordert

Die Staatsanwaltschaft hat am Freitag in ihrem Plädoyer vier Jahre und 8 Monate Haft für den 50-jährigen Hannoveraner gefordert. Sie wirft dem Mann vor, ein Kind im Herbst 2019 in einer Wohnung in seiner Heimatstadt schwer sexuell missbraucht zu haben.

Die Verteidigung sprach sich mit zwei Jahren und 8 Monaten für ein geringeres Strafmaß aus. Die Nebenkläger nannten in ihrem Schlusswort keine Strafhöhe.

Ursprünglich wollte das Landgericht Münster den Prozess am Montag beenden. Ein Urteil ist jetzt für Mittwoch (11 Uhr) geplant.

Titelfoto: Guido Kirchner/dpa

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