Missbrauchsfall Münster vor Gericht: Details schockieren

Münster – Was dem heute Elfjährigen aus Münster in den vergangenen Jahren wohl zugefügt wurde, ist schwer zu ertragen: Er ist eines von mehreren Opfern im Missbrauchsfall Münster und nach bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft besonders schwer getroffen. 

Bei der Gartenlaube handelt es sich um einen der Tatorte im Missbrauchsfall Münster.
Bei der Gartenlaube handelt es sich um einen der Tatorte im Missbrauchsfall Münster.  © Marcel Kusch/dpa

Er soll immer wieder von seinem Ziehvater, einem IT-Techniker aus Münster, vergewaltigt und von ihm anderen Männern für schlimmste sexuelle Übergriffe zur Verfügung gestellt worden sein – wiederholt wehrlos gemacht mit K.o.-Tropfen.

"So wie es sich uns bislang darstellt, soll der Angeklagte mit ihm auch durch Deutschland gereist und ihn an verschiedenen Orten Männern überlassen haben", sagt Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt aus Münster.

Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen den Angeklagten und drei weitere mutmaßliche Peiniger des Sohnes seiner langjährigen Lebensgefährtin. Damit startet das bisher größte Gerichtsverfahren in dem Missbrauchskomplex, der zu den umfangreichsten der letzten Jahre in Deutschland gehört.

Auf der Anklagebank wird dann auch die Mutter des Hauptangeklagten sitzen: Die 45 Jahre alte Erzieherin soll den Männern ihre Gartenlaube zur Verfügung gestellt haben – in dem Wissen, was dort geschah: Die schweren sexualisierten Gewalttaten, die sich in dieser Hütte einer Kleingartensiedlung in Münster an drei Tagen im April 2020 abgespielt haben sollen, stehen im Zentrum der Anklage.

Ermittler fanden verschlüsselte Daten bei Ziehvater

Eine Erzieherin soll den Angeklagten ihre Gartenlaube zur Verfügung gestellt haben.
Eine Erzieherin soll den Angeklagten ihre Gartenlaube zur Verfügung gestellt haben.  © Guido Kirchner/dpa

Die angeklagten Männer – neben dem 27-jährigen Münsteraner, ein 30 Jahre alter Mann aus Staufenberg in Hessen, ein 35-jähriger Mann aus Hannover sowie ein 42-Jähriger aus Schorfheide in Brandenburg – sollen sich dort getroffen haben – "einzig und allein um die beiden Kinder im Alter von damals zehn und fünf Jahren schwer zu missbrauchen", wie Botzenhardt schildert.

Der Ältere von beiden ist der Ziehsohn des angeklagten IT-Technikers, der Jüngere der Sohn des angeklagten Hessen. Ein Detail lässt zusätzlich Schaudern: Der Geburtstag beider Männer fällt in diesen Zeitraum.

Der auch wegen des Besitzes von Kinderpornografie vorbestrafte Münsteraner war im Frühsommer in Verdacht geraten, sich an seinem eigenen Ziehsohn vergangen zu haben, nachdem ein Jahr nach dessen Sicherstellung ein verschlüsselter Laptop mit entsprechenden Bildern geknackt worden war.

Die Ermittler stießen dann auf die Laube mit Doppelstockbetten und im Keller einer Wohnung auf einen vom Hauptangeklagten professionell eingerichteten Serverraum – alle dort sichergestellten Daten sind sehr gut verschlüsselt. Die Dimension des Falles zeichnete sich da bereits ab, erinnert sich Botzenhardt.

Staatsanwaltschaft geht von acht möglichen Missbrauchs-Opfern aus

Mit einem Bagger wird die Gartenlaube des Verdächtigen im Missbrauchsfall von Münster abgerissen.
Mit einem Bagger wird die Gartenlaube des Verdächtigen im Missbrauchsfall von Münster abgerissen.  © Guido Kirchner/dpa

Wichtiges Beweisstück in dem Prozess wird ein mehrstündiges Überwachungsvideo aus der von den Angeklagten genutzten Laube sein. Die Ermittler konnten es auf einem Datenträger wiederherstellen, der bei der Durchsuchung der Hütte in einer Zwischendecke gefunden worden war.

In der Folge ergaben sich immer weitere Spuren: Handybilder, Chatverläufe und Zeugenangaben ließen immer mehr Männer ins Visier der Ermittler geraten. Erst jene aus der Laube, dann weitere im Umfeld des IT-Technikers.

Allein die Staatsanwaltschaft Münster führt inzwischen Verfahren gegen insgesamt neun Angeklagte und geht derzeit von acht möglichen Opfern aus. Sie alle stammen aus dem nahen Umfeld der mutmaßlichen Täter und vertrauten ihnen offenbar.

Bundesweit verfolgen weitere Staatsanwaltschaften mindestens genauso viele Fälle mit Bezug zu dem Missbrauchsfall von Münster.

Zum Schutz der Opfer hat die Nebenklagevertreterin nach Angaben des Gerichts bereits Anträge gestellt, die Öffentlichkeit von der Anklageverlesung und der Befragung der Angeklagten auszuschließen. Das Gericht sieht zunächst 29 Verhandlungstermine bis Ende Februar 2021 vor.

Titelfoto: Marcel Kusch/dpa

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