100-facher Mord: Warum stoppte niemand "Todespfleger" Niels Högel?

Oldenburg – Die Anklage lautete auf 100-fachen Mord: Niels Högel (44) gilt als schlimmster Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte. Doch warum konnte er überhaupt so lange morden? Karsten Krogmann und Marco Seng such in ihrem Buch "Der Todespfleger" nach Antworten.

Der wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagte Niels Högel (44) sitzt im Gerichtssaal.
Der wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagte Niels Högel (44) sitzt im Gerichtssaal.  © Mohssen Assanimoghaddam/dpa Pool/dpa

Es erzählt eine Geschichte von kaum zu verstehenden eklatanten Behördenfehlern, von Wegsehen und Vertuschen, aber auch von empathischen Anwältinnen, hart arbeitenden Polizisten und einer Staatsanwältin, von mutigen und hartnäckigen Zeugen und Angehörigen, die trotz Trauer, Zweifel, Krankheit und Anfeindungen um die Wahrheit kämpfen.

Die Autoren, beide erfahrene Journalisten, beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Fall Högel. Sie berichteten von den monatelange Prozessen gegen den heute 44-Jährigen, der zuletzt im Juni 2019 wegen 85 Morden an Patientinnen und Patienten in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Er hatte seine Opfer mit Medikamenten zu Tode gespritzt. Krogmann und Seng sprachen mit Angehörigen, Verteidigern, Ermittlern, lasen Tausende Aktenseiten, verbrachten unzählige Stunden im Gericht. Und sie erzählen diese Geschichte akribisch, authentisch und auch erschütternd auf 317 Seiten.

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Högel tötete von 2000 bis 2005 immer weiter, zuerst im Klinikum Oldenburg, dann im Klinikum Delmenhorst. Zuerst suchte er sich die Opfer sorgfältig aus. Später tötete er wahllos. "Am Ende ging es Herrn Högel nur noch darum zu töten", sagt der Chef der damaligen "Sonderkommission Kardi", Arne Schmidt.

"Die Geschichte der Mordserie Högel erzählt auch eine Geschichte vom Schweigen"

In ihrem Buch "Der Todespfleger" suchen die Autoren Karsten Krogmann und Marco Seng Antworten darauf, wie es zu den Verbrechen des Patientenmörders Niels Högel kommen konnte.
In ihrem Buch "Der Todespfleger" suchen die Autoren Karsten Krogmann und Marco Seng Antworten darauf, wie es zu den Verbrechen des Patientenmörders Niels Högel kommen konnte.  © Verlag Goldmann/dpa

Dann ertappte ihn im Juni 2005 eine Krankenschwester in Delmenhorst, als er einem Patienten ein nicht verordnetes Medikament spritzte und dieser starb.

Högel wurde insgesamt für 91 Taten verurteilt. Trotz der Prozesse und Urteile ist der Gesamtkomplex juristisch noch nicht abgeschlossen.

Am Landgericht Oldenburg soll Anfang 2022 ein umfangreiches Gerichtsverfahren gegen acht Ex-Vorgesetzte und ehemalige Kollegen von Högel beginnen. Es geht dabei grundsätzlich darum, ob und inwieweit die Angeklagten Verdachtsmomente gegen Högel übergingen.

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"Warum stoppte niemand Niels Högel?" - das ist auch eine zentrale Frage, die Krogmann und Seng mehr als einmal und fast ungläubig in ihrem Buch stellen. "Die Geschichte der Mordserie Högel erzählt auch eine Geschichte vom Schweigen", schreiben sie. Es gab nicht nur ungute Gefühle auf den Stationen, auf denen Högel arbeitete, sondern nach und nach klare Hinweise und letztlich Verdachtsmomente.

Wenn Högel im Dienst war, stieg die Zahl der Reanimationen, der Todesfälle und der Verbrauch bestimmter Medikamente, die Högel den wehrlosen Patienten ohne Indikation spritzte. Einigen Kollegen fiel das schon in Oldenburg auf. Aber die Krankenhausleitung zögerte lange, sie war mutmaßlich um den Ruf des Standortes besorgt.

Es gibt auch aus Sicht der Autoren noch viele unbeantwortete Fragen, die vermutlich bald vor Gericht gestellt werden. "Zum ersten Mal nach einer Tötungsserie in deutschen Krankenhäusern werden sich auch Vorgesetzte des Täters in einem Prozess verantworten müssen - fürs Wegschauen."

Titelfoto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa Pool/dpa

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