Münster: Schwerer Fall von Kindesmissbrauch sorgt bundesweit für Entsetzen

Münster - Nach Ermittlungen der Polizei Münster wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sind elf Tatverdächtige festgenommen worden. Es seien mehrere Haftbefehle erlassen worden. Der Fall hat große Dimensionen.

Bei den Ermittlungen nach schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern steht ein Polizeibeamter vor der Gartenlaube, wo der vermutliche Haupttäter Teile seiner Server-Anlage unterbrachte. Die Ermittler fanden darin u.a. noch Festplatten und Videokameras.
Bei den Ermittlungen nach schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern steht ein Polizeibeamter vor der Gartenlaube, wo der vermutliche Haupttäter Teile seiner Server-Anlage unterbrachte. Die Ermittler fanden darin u.a. noch Festplatten und Videokameras.  © Guido Kirchner/dpa

Bei Ermittlungen in einem neuen bundesweiten Missbrauchsfall hat die Polizei Münster drei Kinder als Opfer identifiziert. Sie seien 5, 10 und 12 Jahre alt, teilten die Ermittler am Samstag in Münster mit.

Elf Tatverdächtige wurden festgenommen. Sieben Beschuldigte befinden sich noch in Untersuchungshaft, die übrigen Personen wurden entlassen.

Es handele sich um sechs Männer und eine Frau.  Bei den mutmaßlichen Tatorten spielt wieder eine Kleingartenanlage eine Rolle.

Der Hauptbeschuldigte sei ein 27-Jähriger aus Münster. Bei den sechs weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handele es sich um dessen 45 Jahre alte Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg bei Gießen (30 Jahre alt), Hannover (35), Schorfheide in Brandenburg (42), Kassel (43) und Köln (41).

Nordrhein-Westfalen war seit Anfang 2019 wegen mehrerer Fälle von schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern in die Schlagzeilen geraten. 

Auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe hatten mehrere Männer Kinder hundertfach über Jahre schwer sexuell missbraucht. 

Ermittlungen zu einem bundesweiten Kinderpornografie-Tauschring hatten im Oktober 2019 in Bergisch Gladbach bei Köln begonnen und erstrecken sich mittlerweile auf sämtliche Bundesländer.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte nach dem Fall Lügde das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklärt und die Arbeit der Ermittlungsbehörden in diesem Bereich verstärkt.

Update, 11. Juni, 6.50 Uhr: Lambrecht plant Dialog zum Schutz vor Kindesmissbrauch

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) will zum Schutz vor Kindesmissbrauch einen Dialog ins Leben rufen. "Bekämpfung von Kindesmissbrauch und Kinderpornografie ist eine Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können", sagte sie der "Passauer Neuen Presse" (Donnerstag). An dem Dialog beteiligt sein sollen neben Politikern auch Polizei, Justiz, Jugendämter und Gerichte.

Lambrecht fordert zudem, dass soziale Medien Kinderpornografie nicht mehr nur löschten, sondern auch dem Bundeskriminalamt melden. "Die Täter handeln immer perfider", sagte Lambrecht der Zeitung. "Deshalb verschärfen wir gegenwärtig die Ermittlungsmöglichkeiten gegen Kinderpornografie in sozialen Netzwerken."

Die Justizministerin hatte zuvor Unionsforderungen nach einer Verschärfung des Strafrahmens bei Kinderpornografie zurückgewiesen. "Unsere Strafgesetze geben den Gerichten die Mittel an die Hand, diese abscheulichen Taten sehr hart zu bestrafen", sagte die Politikerin der Zeitung. Die CDU-Spitze hatte gefordert, dass Kindesmissbrauch in jedem Fall als Verbrechen und nicht mehr nur als Vergehen geahndet werde, damit in jeden Fall eine Mindeststrafe von einem Jahr drohe.

Christine Lambrecht (SPD), Bundesministerin der Justiz und des Verbraucherschutzes, kommt für eine Presseerklärung in ihr Ministerium.
Christine Lambrecht (SPD), Bundesministerin der Justiz und des Verbraucherschutzes, kommt für eine Presseerklärung in ihr Ministerium.  © Kay Nietfeld/dpa

Update, 9. Juni, 10 Uhr: Hinweise auf weitere Opfer verdichten sich

Zwei weitere mögliche Opfer sind bekannt geworden.

Zwei Väter hätten Anzeigen erstattet, dass ihre Söhne von in dem Fall bereits Beschuldigten unsittlich berührt worden seien, berichtete ein Sprecher der Polizei Münster am Dienstagmorgen. Mehr Informationen dazu lest ihr >>>>hier.

Update, 8. Juni, 15.03 Uhr: CDU fordert härtere Strafen bei Kindesmissbrauch

Die CDU fordert nach dem Fall in Münster dringend schärfere Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie. Mehr Informationen dazu erhaltet ihr >>>>hier.

Update, 8. Juni, 14.17 Uhr: Bundesfamilienministerin ruft zu mehr Wachsamkeit auf

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat sich entsetzt über den Missbrauchsfall Münster geäußert und zur Wachsamkeit gegen Kindesmissbrauch aufgerufen. "Das sind abscheuliche Taten, bei denen niemand ermessen kann, welch furchtbares Leid diese Kinder erfahren haben", sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. "Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft noch wachsamer sind, um frühzeitig Missbrauch erkennen und wirksam dagegen vorgehen zu können."

Zum Schutz von Kindern brauche es "ein aufmerksames Umfeld, das hinschaut und Hilfe organisiert". "Wir müssen davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder betroffen sind. Das können wir nicht akzeptieren."

Giffey dankte den Polizisten, "die diese Taten aufgedeckt haben und jetzt die schwierigen weiteren Ermittlungen übernehmen". "Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist ein furchtbares Verbrechen, das aufs Schärfste verfolgt werden muss."

Giffey erklärte, auf Bundesebene sei die Arbeit gegen sexuellen Missbrauch weiter gestärkt worden. So sei ein Nationaler Rat gegen sexuellen Kindesmissbrauch gegründet worden. "Gerade haben wir die Mitglieder des Betroffenenrates beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs neu berufen." Und mit der jetzt anstehenden Reform des Kinder- und Jugendhilferechts werde der Kinderschutz weiter verbessert, beispielsweise durch Ombudsstellen für Kinder.

Absperrband umgibt das Grundstück in einer Kleingartenkolonie am Stadtrand von Münster mit einer Gartenlaube, von der man hier die Rückseite sieht. Die Laube ist einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters in dem Missbrauchsfall.
Absperrband umgibt das Grundstück in einer Kleingartenkolonie am Stadtrand von Münster mit einer Gartenlaube, von der man hier die Rückseite sieht. Die Laube ist einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters in dem Missbrauchsfall.  © Marcel Kusch/dpa

Update, 8. Juni, 14.11 Uhr: NRW-Innenminister zu Pädophilen-Netz: "Werden nie alle erwischen"

Aus Sicht von Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) nicht gelingen, alle Beteiligten zu fassen."«Wir werden garantiert nie alle erwischen", sagte Reul am Montag im "Bild"-Live-Interview mit Blick auf Täter, die das Material bezogen haben.

"Im Moment ist auch die Priorität darauf gerichtet, erstens die, die wir jetzt erwischt haben, die es ja selber betrieben haben, zur Verurteilung zu bringen. Und zweitens, noch mögliche weitere Täter und - das ist das Allerwichtigste - mögliche weitere Kinder zu finden", sagte Reul. "Und am Schluss werden wir uns wahrscheinlich um die Frage kümmern: Wer hat denn das alles noch konsumiert?" Die Datenmengen seien so groß, dass die Ermittler nicht alles auf einmal machen könnten.

Reul sagte, dass sich Fälle von Kindesmissbrauch durch Kinderpornografie im Internet beschleunigten. "Sehr häufig ist es so, dass jemand, der kinderpornografisches Material konsumiert, irgendwann nur in den Chats bleiben kann, wenn er selber liefert."

Ein Polizeibeamter der Spurensicherung steht in der Kleingartenkolonie vor der Laube des vermutlichen Haupttäters und öffnet das Polizeisiegel an der Tür. Diese Laube in der Kolonie ist einer der Tatorte in einem Missbrauchsfall, in der die Ermittler u.a. Festplatten und Videokameras fanden.
Ein Polizeibeamter der Spurensicherung steht in der Kleingartenkolonie vor der Laube des vermutlichen Haupttäters und öffnet das Polizeisiegel an der Tür. Diese Laube in der Kolonie ist einer der Tatorte in einem Missbrauchsfall, in der die Ermittler u.a. Festplatten und Videokameras fanden.  © Guido Kirchner/dpa

Update, 8. Juni, 14.06 Uhr: Bürger der Gemeinde Schorfheide sind "entsetzt und erschüttert"

Nach der Aufdeckung des schweren Missbrauchsfall herrscht in der brandenburgischen Gemeinde Schorfheide (Barnim) eine bedrückte Stimmung. Denn einer der Tatverdächtigen, ein 42-jähriger Familienvater, hatte dort mit seiner Frau und zwei Söhnen im Ortsteil Finowfurt gelebt. "Die Bürger sind entsetzt und erschüttert", sagte der Bürgermeister von Schorfheide, Wilhelm Westerkamp, am Montag.

Bei seinen Gesprächen mit den Bürgern sei auch Verunsicherung zu spüren, berichtete Westerkamp. "Da ist ja noch längst nicht alles ermittelt, wer weiß, was da noch alles unter dem Teppich hervorkommt", sagte er. "Hier leben ja auch viele Familien und da gibt es natürlich Sorgen."

"Von solch schrecklichen Taten liest man ja sonst nur in der Zeitung und es passiert irgendwo weit weg - und diesmal ist es mitten unter uns, hier in unserem kleinen Ort auf dem Lande", meinte der Bürgermeister. Schorfheide habe rund 10 500 Einwohner, davon mit 4850 Bürgern knapp die Hälfte im Ortsteil Finowfurt. "Der Mann war aber kein Alteingesessener, er hat seit ungefähr zwei Jahren hier gelebt."

Finowfurt: Blick auf die Hauptstraße in dem Ort, einem Ortsteil der Gemeinde Schorfheide. In der brandenburgischen Gemeinde durchsuchten die Ermittler ein Haus und versiegelten es anschließend.
Finowfurt: Blick auf die Hauptstraße in dem Ort, einem Ortsteil der Gemeinde Schorfheide. In der brandenburgischen Gemeinde durchsuchten die Ermittler ein Haus und versiegelten es anschließend.  © Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa

Update, 7. Juni, 20.27 Uhr: NRW-Innenminister: Erfolg durch mehr Ermittler gegen Kindesmissbrauch

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) führt die Aufdeckung des Missbrauchsfalls von Münster auch auf die Aufstockung der Ermittlerkapazität zurück. Nach dem Missbrauchsfall von Lügde sei das Personal zur Verfolgung von Kindesmissbrauch vervierfacht und die technische Ausrüstung der Polizei verbessert worden, sagte Reul am Sonntag in der WDR-Sendung Westpol. "Und seitdem decken wir einen Fall nach dem anderen auf, genau das wollte ich." Jeder weitere Fall, der entdeckt werde, zeige, dass die Polizei gut arbeite.

In Lügde hatten mehrere Männer auf einem Campingplatz an der Landesgrenze zu Niedersachsen über 30 Kinder jahrelang vergewaltigt und die Bilder zum Teil über das Internet angeboten. Der Fall wurde 2019 bekannt; zwei Männer wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. In Münster haben die Behörden erneut ein Pädophilen-Netz entdeckt und bundesweit elf Verdächtige festgenommen.

Update, 7. Juni, 14.46 Uhr: Bundesbeauftragter Rörig: "Missbrauchstäter sind Meister der Täuschung"

Der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs dringt auf eine konkrete Aufklärung im Missbrauchsfall Münster. Die Frage sei, "ob wichtige Hinweise möglicherweise übersehen wurden und zum Beispiel deshalb der sexuelle Missbrauch nicht früher aufgedeckt wurde", sagte Johannes-Wilhelm Rörig am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur.

Der Beauftragte der Bundesregierung schränkt aber ein, dass es für die zumeist sehr engagierten Beschäftigen der Jugendämter generell sehr viel schwerer sei, sexuellen Missbrauch von Kindern zu erkennen als zum Beispiel körperliche Misshandlungen oder Vernachlässigung.

"Oft fehlen für sexuelle Gewalt erkennbare Indizien. Kinder und auch Mitwissende aus dem sozialen Umfeld stehen oft unter einem enormen Schweigedruck. Missbrauchstäter sind Meister der Täuschung. Ihre perfiden Strategien sind voll darauf ausgerichtet, ihr Umfeld zu verwirren, um unentdeckt zu bleiben", sagte Rörig.

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, spricht während einer Pressekonferenz.
Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, spricht während einer Pressekonferenz.  © Gregor Fischer/dpa

Update, 7. Juni, 14.21 Uhr: Tatverdächtige arbeitet als Erzieherin

Die im Missbrauchsfall festgenommene 45 Jahre alte Mutter arbeitete bis kurz vor ihrer Festnahme in einer Kita. Mehr Informationen dazu erhaltet ihr >>>>hier.

Update, 7. Juni, 14.17 Uhr: Bessere personelle und technische Ausstattung der Polizei angefordert

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter forderte eine deutlich verbesserte personelle und technische Ausstattung bei der Polizei. "In einem solchen Fall stellen wir beim Blick in die kriminalpolizeiliche Praxis fest, dass wir über unsere Grenzen hinaus kommen. Wir müssen ja Experten haben, die ermitteln, aber die ziehen wir woanders los und holen sie aus anderen Dienststellen", sagte Sebastian Fiedler im WDR-Fernsehen.

Er lobte, dass Innenminister Reul das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklärt habe. "Es reicht aber nicht aus, mit kleinen Schritten voranzugehen was die Ausstattung und was die Qualifikation angeht." Jetzt seien riesengroße Schritte notwendig. Ein Plus an Experten wie IT-Techniker für Verschlüsselungstechnik oder Leute, die sich mit Opferanhörung auskennen, sei notwendig.

Ein Polizeiauto steht vor der Gartenanlage, in der der vermutliche Haupttäter Teile seiner Server-Anlage in einer Gartenlaube unterbrachte.
Ein Polizeiauto steht vor der Gartenanlage, in der der vermutliche Haupttäter Teile seiner Server-Anlage in einer Gartenlaube unterbrachte.  © Guido Kirchner/dpa

Update, 7. Juni, 14.14 Uhr: Bislang keine weiteren Opfer und Täter

Einen Tag nach Bekanntwerden des großen neuen Falls von schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern gibt es keine Veränderung beim Ermittlungsstand. "Wir haben keine weiteren Opfer und keine weiteren Täter", sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt am Sonntag der Deutsche-Presse-Agentur.

Titelfoto: Guido Kirchner/dpa

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