Kommentar zum Judenhass auf deutschen Straßen: Wo bleibt der Aufschrei?

Berlin - "Scheiß Jude, scheiß Jude" hallt es durch Gelsenkirchens Straßen. Synagogen werden angegriffen, jüdische Mitbürger beschimpft. Alles inmitten der Bundesrepublik Deutschland. Alles im Jahre 2021. Alles in Zeiten wie diesen. Wo bleibt der Aufschrei, liebe Politik? Wo bleibt der Aufschrei, liebe Gesellschaft?

Ein Herz zum Gedenken an die aus Gelsenkirchen deportierten Juden. Ein antisemitischer Mob wurde am Mittwoch von der Polizei gestoppt.
Ein Herz zum Gedenken an die aus Gelsenkirchen deportierten Juden. Ein antisemitischer Mob wurde am Mittwoch von der Polizei gestoppt.  © Roberto Pfeil/dpa

Die Auseinandersetzungen in Israel kosteten Menschenleben. Auf beiden Seiten. Raketen fliegen. Terrorhagel der Hamas, israelische Bodentruppen sind im Einsatz.

So weit weg das Drama territorial sein mag, so nah ist es doch vor unseren Haustüren.

Denn der Hass ist auch bei uns zu vernehmen. In Gelsenkirchen waren es etwa 180 "Demonstranten", welche von der Polizei aufgehalten wurden, nachdem sie antisemitische Parolen skandierten.

"Scheiß Jude" schallte es durch die Straßen. Videos ploppen in den sozialen Netzwerken auf, hinterlassen ein Gefühl von Betroffenheit und Entsetzen.

Doch wo bleibt bitte der Aufschrei? Keine Form von Rassismus oder Antisemitismus, von Diskriminierung oder Ausgrenzung hat in diesem Land Platz.

Doch man wird das Gefühl nicht los, dass bei einem solchen Thema gern mit zweierlei Maß gemessen wird. Reaktionen aus der Politik kamen, jedoch bei Weitem nicht so laut und entschieden, wie man es sich wünschen würde.

Man stelle sich vor, ein rechter Mob von 180 Chaoten wäre durch die Straßen Gelsenkirchens marschiert. Hätte diese Parolen gerufen. Das Echo wäre (zurecht) immens, die kommenden Wochen wären von diesem Thema geprägt.

Synagogen werden angegriffen, Flaggen verbrannt, Menschen beschimpft - wo bleibt die Political Correctness?

Die Konflikte in Nahost führen auch hierzulande zu Ausschreitungen.
Die Konflikte in Nahost führen auch hierzulande zu Ausschreitungen.  © Mohammed Talatene/dpa

In Zeiten, in denen ein Jens Lehmann (51) wegen einer dämlichen WhatsApp-Affäre zurecht seine Konsequenzen ziehen muss.

In Zeiten, in denen einem DFB-Präsidenten ein Vergleich seines Widersachers mit einem Nazi-Richter den Kopf kostet.

In Zeiten, in denen Straßennamen und Grillsaucen aufgrund von Diskriminierung umbenannt werden, bleibt es bei antisemitischen Hassparolen muslimischer Mitbürger lediglich bei einem Tuscheln.

Bei einem Tuscheln, anstelle eines Stimmen-Orkans gegen jegliche Form von Diskriminierung und Hass.

Kein Mensch sollte sich in unserem Land aufgrund seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seines Glaubens, seines Geschlechts oder seiner Sexualität fürchten müssen. Und kein Mensch, oder keine Gruppe, darf sich das Recht herausnehmen, dies in irgendeiner Form in Abrede zu stellen.

Es sollte benannt und verurteilt werden. Und dabei darf es keine Rolle spielen, aus welcher politischen Richtung, aus welchem Glauben oder aus welcher Überzeugung die Diskriminierung zum Ausdruck gebracht wird.

Wer jetzt wieder alle in einen Topf schmeißt, hat nichts begriffen

TAG24-Redakteur Eric Ranninger.
TAG24-Redakteur Eric Ranninger.  © TAG24

Leid tun einem die vielen Juden, die hierzulande leben und darunter leiden. Und bevor jetzt diejenigen aus ihren Löchern gekrochen kommen, die die vielen friedlich und tolerant bei uns lebenden Muslime alle über einen Kamm scheren und plötzlich, weil es gerade in die Agenda passt, zum großen Juden-Verbündeten werden: Ruhe!

Keine Pauschalisierung, kein Verruf an der Gesamtheit der gläubigen Muslime. Sondern Differenzierung und Aufklärung. Kritischer Blick in alle Richtungen. Und bitteschön auch klare Kante!

Titelfoto: Roberto Pfeil/dpa, Screenshot/Twitter Zentralstaat der Juden in Deutschland

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