Razzien im Norden: Lieferte eine deutsche Firma Substanzen für Putins Nervengift?

Lilienthal - Bei Razzien in mehreren Bundesländern lag der Schwerpunkt im Norden. Es geht um den Verdacht der illegalen Ausfuhr von chemischen Substanzen und Laborbedarf nach Russland. Wurde damit auch das Nervengift Nowitschok hergestellt?

Ermittler des Zolls durchsuchen die Firma Riol Chemie in Lilienthal.
Ermittler des Zolls durchsuchen die Firma Riol Chemie in Lilienthal.  © Jörn Hüneke

Im Zentrum der Ermittlungen soll das Unternehmen Riol Chemie mit Sitz in Lilienthal im Landkreis Osterholz (Niedersachsen) stehen, teilte der NDR am Dienstag mit. "Wir ermitteln wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz", sagte der Stader Oberstaatsanwaltschaft Thomas Breas. Details nannte er nicht.

In mehr als 30 Fällen sollen nach Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung Chemikalien und Laborausrüstungen ohne entsprechende Genehmigungen nach Russland exportiert worden sein. 50 Ermittler des Zolls durchsuchten deswegen sieben Firmen und Privaträume in Bremen, Bremerhaven, Niedersachsen und in Konstanz (Baden-Württemberg).

Brisant ist, dass zu den ausgeführten Substanzen auch solche gehören sollen, die sowohl für zivile als auch militärische Zwecke benutzt werden können. Der NDR spricht in seiner Mitteilung von "Grundstoffen für die Herstellung von chemischen und biologischen Kampfstoffen".

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Ein wichtiger Abnehmer der über Jahre gelieferten Waren soll das Unternehmen Khimmed gewesen sein. Der Moskauer Chemie-Großhändler soll laut russischen Medien auch Speziallabors des Militärs und des Inlandsgeheimdienstes FSB beliefern.

Razzien hängen auch mit Fall Alexej Nawalny zusammen

Wurden aus dem Landkreis Osterholz illegal Chemikalien nach Russland ausgeführt?
Wurden aus dem Landkreis Osterholz illegal Chemikalien nach Russland ausgeführt?  © Jörn Hüneke

Die Ermittler gehen wohl auch dem Verdacht nach, dass Substanzen exportiert wurden, die zur Produktion des Nervengifts Nowitschok gebraucht werden. Der Kampfstoff ist hochgiftig und wirkt meist tödlich. Er wurde noch zu Zeiten der Sowjetunion in streng geheimen Chemiewaffenprogrammen entwickelt. Russland bestreitet bis heute die Existenz von Nowitschok.

Doch das Nervengift wurde beim Anschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal (71) und dessen Tochter Julija Skripal (38) in Salisbury (Großbritannien) im März 2018 sowie auf den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny (46) im August 2020 eingesetzt. Drahtzieher unbekannt...

Nach NDR-Informationen hat der Zoll herausgefunden, dass Riol Chemie nur relativ kleine Mengen der Chemikalien nach Russland geliefert haben soll. Es geht um Milligramm bis wenige Gramm. Lassen sich daraus wirklich Waffen bauen? Wohl kaum. Doch wie Chemiewaffen-Experten gegenüber NDR, WDR und SZ erklärten, könnten sie als Referenzsubstanzen dienen, um die Qualität der eigenen Produktion zu bestimmen.

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Die Ermittlungen werden vom Hamburger Zoll geführt. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) soll Riol Chemie im Visier haben, da die Firma nach dem Anschlag auf Nawalny auf eine US-Sanktionsliste gesetzt wurde.

Titelfoto: Jörn Hüneke

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