Entführungs-Opfer Reemtsma: Drachs Gefährlichkeit war schon 2001 absehbar

Hamburg – Schon vor 20 Jahren warnte Jan Philipp Reemtsma (68) im Prozess gegen seinen Entführer: Der Angeklagte müsse wegen seiner Gefährlichkeit für immer ins Gefängnis. Nun werden Thomas Drach (60) drei weitere schwere Verbrechen vorgeworfen - und Reemtsma erinnert an seine Warnung.

Thomas Drach (heute 60), Drahtzieher der Reemtsma-Entführung, im Dezember 2000 im Landgericht auf der Anklagebank.
Thomas Drach (heute 60), Drahtzieher der Reemtsma-Entführung, im Dezember 2000 im Landgericht auf der Anklagebank.  © Michael Probst/AP POOL/dpa

Im Prozess um seine Entführung habe er als Nebenkläger Sicherungsverwahrung für Drach gefordert. "Es war klar, dass das, was er tat, immer gefährlicher für andere Menschen wurde", sagte Reemtsma in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Aber es ist keine große Befriedigung, in einer solchen Sache Recht behalten zu haben."

Reemtsma war am 25. März 1996 auf seinem Grundstück in Hamburg-Blankenese entführt worden. Drach und Komplizen hielten ihn 33 Tage lang angekettet in einem Kellerverlies bei Bremen gefangen. Mit der Drohung, ihn zu töten, erpressten sie ein Lösegeld von umgerechnet rund 15 Millionen Euro. Nach Übergabe des Geldes ließen sie ihn frei.

Drach war zwei Jahre später in Buenos Aires verhaftet worden. Das Hamburger Landgericht verurteilte ihn 2001 wegen erpresserischen Menschenraubs zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft, verhängte aber keine Sicherungsverwahrung.

Nach Verbüßung der Strafe war Drach 2013 freigekommen. Am 23. Februar dieses Jahres wurde er in Amsterdam erneut verhaftet. Dem 60-Jährigen werden drei Raubüberfälle zur Last gelegt. Es droht ihm die Auslieferung nach Deutschland.

"Er wird immer älter und ungeduldiger und gefährlicher"

Der vor fast 25 Jahren entführte Hamburger Multimillionär und Soziologe Jan Philipp Reemtsma (68) sieht sich durch die erneute Verhaftung seines Peinigers bestätigt.
Der vor fast 25 Jahren entführte Hamburger Multimillionär und Soziologe Jan Philipp Reemtsma (68) sieht sich durch die erneute Verhaftung seines Peinigers bestätigt.  © Christian Charisius/dpa

Er habe schon im Prozess vor 20 Jahren gesagt, dass Drach in seinem Leben nichts weiter gemacht habe, als kriminelle Handlungen zu begehen.

Drachs Idee bei der Entführung sei gewesen, einmal so viel Geld zusammenzubekommen, dass er entweder einen luxuriösen Lebensabend habe oder das Startkapital für ein weiteres, noch größeres Verbrechen. Doch das sei ihm misslungen. "Er hat dieses Lösegeld offensichtlich nicht mehr, er muss weitere Verbrechen begehen. Und er wird immer älter und ungeduldiger und gefährlicher", warnte Reemtsma.

Es sei genauso gekommen, wie er es schon damals gesagt habe. "Jetzt sind da zwei Menschen schwer verletzt, weil er nicht in Sicherungsverwahrung genommen wurde", sagte der Soziologe.

Im aktuellen Verfahren wird Drach vorgeworfen, im März 2019 bei einem Überfall auf einen Geldtransporter am Flughafen Köln/Bonn mit einem Sturmgewehr einen Wachmann angeschossen und schwer verletzt zu haben. Bei einem ähnlichen Überfall im November 2019 in Frankfurt/Main war ebenfalls ein Wachmann angeschossen und schwer verletzt worden.

Sollte Reemtsma in einem neuen Prozess gegen Drach als Zeuge geladen werden, würde er seiner Pflicht zur Aussage nachkommen. "Ich würde mich sicher nicht darauf freuen, das noch mal zu machen", sagte der 68-Jährige. So eine Aussage wäre eine psychisch anstrengende Angelegenheit. "Aber was gemacht werden muss, muss gemacht werden."

Titelfoto: Michael Probst/AP POOL/dpa

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