Verfluchte Raserei! Immer wieder kommt es zu Unfällen mit Toten und Verletzten

Leipzig/Dresden/Berlin/Dortmund - Während der Pandemie haben illegale Autorennen und Speed-Fahrten zugenommen. Jetzt will Berlin für Fahranfänger ein Vermietungsverbot von Sportwagen in den Bundesrat einbringen. Schon im Oktober 2017 wurden illegale Autorennen von einer Ordnungswidrigkeit zur Straftat hochgestuft. Rasern drohen bis zwei Jahre Haft.

Spurensuche an der Dresdner Bushaltestelle "Schweizer Straße": Hier wurde Ali (†6) Opfer eines Autorennens, als ihn der Mercedes-Benz C-Klasse erfasste.
Spurensuche an der Dresdner Bushaltestelle "Schweizer Straße": Hier wurde Ali (†6) Opfer eines Autorennens, als ihn der Mercedes-Benz C-Klasse erfasste.  © Roland Halkasch

Am vergangenen Montag verurteilte das Landgericht Dresden den Syrer Mohammad F. (32) zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Mohamed A. (24) bekam Bewährung. Die beiden hatten sich im August 2020 in ihrem Mercedes und BMW in Dresden ein illegales Autorennen geliefert.

Dabei erfasste der Benz von Mohammad F. auf der Budapester Straße den kleinen Ali (†6) mit mindestens 89 km/h. Das Kind flog über 20 Meter weit durch die Luft, durchschlug die Scheibe der Bushaltestelle. Der Junge war sofort tot. Auf einem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie der BMW dem Benz hinterherjagt.

Vor zwei Wochen endete das Imponiergehabe eines 22-jährigen Rasers an einer Kreuzung des Dortmunder Hauptbahnhofs mit dem Aufprall seines 245-PS-Audis gegen eine Hauswand.

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Der ebenfalls 22 Jahre alte Kontrahent des Autorennens konnte mit seinem Mercedes zunächst entkommen.

In die Karambolage war auch das Auto einer unbeteiligten Frau verwickelt - verletzt

Von rücksichtslosen Rasern aus dem Leben gerissen: Der kleine Ali wurde nur sechs Jahre alt.
Von rücksichtslosen Rasern aus dem Leben gerissen: Der kleine Ali wurde nur sechs Jahre alt.  © privat
Tödliches Ende einer Raserfahrt: Während ein Kind sterben musste, blieb der Mercedesfahrer unverletzt.
Tödliches Ende einer Raserfahrt: Während ein Kind sterben musste, blieb der Mercedesfahrer unverletzt.  © Roland Halkasch

Raser wurde nach tödlichem Unfall wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt

17. Juli 2020, 14.25 Uhr, Tatort Lyoner Straße, Leipzig: Bei dem Autorennen wurde dieser Mercedes zu Schrott gefahren. Er war frontal auf einen Hyundai geprallt.
17. Juli 2020, 14.25 Uhr, Tatort Lyoner Straße, Leipzig: Bei dem Autorennen wurde dieser Mercedes zu Schrott gefahren. Er war frontal auf einen Hyundai geprallt.  © Einsatzfahrten Leipzig

Mitte Juli 2020 wurde bei einem illegalen Autorennen auf der Lyoner Straße in Leipzig eine 48-jährige Hyundai-Fahrerin schwer verletzt. Hinter ihr rasten ein BMW, gefolgt von einem Mercedes, heran. Als der BMW zum Überholen ausscherte, konnte der Mercedes nicht mehr bremsen. Der 26-jährige Fahrer knallte auf den Hyundai, der gegen zwei Bäume schleuderte und im Straßengraben steckenblieb.

Im Mai bestätigte der Bundesgerichtshof die lebenslange Haftstrafe gegen den Berliner Autoraser Milinko P. (28). Er war im Juni 2019 in seinem Auto vor der Polizei geflüchtet und verursachte dabei einen Unfall. In der Folge starb eine 22-jährige Studentin.

Auch der Beifahrer des Rasers starb später an seinen Verletzungen. Das Landgericht Berlin verurteilte ihn wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft.

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Polizeimeldungen 16-Jähriger wird von Freunden mit Desinfektionsmittel besprüht und angezündet

Nach einem tödlichen Autorennen am 1. Februar 2016 auf dem Berliner Kurfürstendamm wurde einer der Raser rechtskräftig wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Der Raser rammte einen unbeteiligten Jeep mit 170 km/h. Dessen 69-jähriger Fahrer kam ums Leben, als der Jeep rund 70 Meter durch die Luft geschleudert wurde. Der zweite Raser wurde zu einer Haftstrafe von 13 Jahren verurteilt.

Strafen schrecken meist nicht ab

"Kontrolldruck erhöhen, damit sich Raser direkt nach ihrer Tat rechtfertigen müssen": Verkehrspsychologe Dr. Edzard Glitsch (52).
"Kontrolldruck erhöhen, damit sich Raser direkt nach ihrer Tat rechtfertigen müssen": Verkehrspsychologe Dr. Edzard Glitsch (52).  © www.foto-peters.de

Verkehrspsychologe Dr. Edzard Glitsch (52) erklärt das Phänomen hinter illegalen Autorennen und notorischen Rasern.

Herr Glitsch, wie sieht der typische notorische Raser aus?

Er ist zu 90 Prozent männlich. Es handelt sich meist um junge, egozentrische Fahrer im Alter zwischen 18 und 27 Jahren mit Entwicklungs- und Reifedefiziten.

Worin besteht der Reiz von Autorennen?

Die Raser suchen Spaß, Action, den emotionalen Kick. Sie wollen sich zeigen, mit Gegnern vergleichen, ausprobieren und Durchsetzungsfähigkeit präsentieren. Es geht ihnen auch um den Thrill, das eigene Ego zu stärken. Mit Geschwindigkeit werden Emotionen reguliert. Leider unterliegen viele der Kontrollillusion, das Fahrzeug auch noch bei rasender Geschwindigkeit beherrschen zu können.

Raser nehmen Gerichtskosten in Kauf

Angesichts von immer mehr und schwereren Unfällen: Sollten die Strafen für solche Verkehrsdelikte erhöht werden?

Das Strafmaß ist angemessen. Es wird aber von den allermeisten Rasern nicht kognitiv erfasst, wenn es um die Entscheidung geht, ein Autorennen anzuzetteln – auch dann nicht, wenn darauf die Todesstrafe stünde oder Rasern eine Hand abgehackt würde. Erst mit 100-prozentiger Entdeckungswahrscheinlichkeit würden sie es lassen. Die Praxis zeigt jedoch, dass Täter selten erwischt, Verfahren oft eingestellt oder Taten nicht eindeutig nachgewiesen werden können. Die 300 Euro Gerichtskosten nehmen Raser lächelnd in Kauf, auch wenn das Strafmaß hundertfach höher wäre.

Was würde Raser stattdessen besser ausbremsen?

Lösungen wären Poller, um die Geschwindigkeit auf betroffenen Straßen herauszunehmen, und mehr Blitzer, um die Entdeckungswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Wenn daraufhin beispielsweise der extreme Raser oder "rasende Rapper" in seiner 600 PS starken Karosse zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU, landläufig auch "Idiotentest" genannt) muss, darf er – wenn er Pech hat – jahrelang nicht mehr Auto fahren. Das zieht mehr als jede Geldstrafe.

Titelfoto: Bildmontage/Roland Halkasch/privat/Einsatzfahrten Leipzig

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