"Zehn Prozent Quarantäne-Rabatt": Existenzängste wegen Corona

Köln – Aufgrund der Coronakrise fürchten viele Menschen in der Gastronomie um ihre berufliche Existenz. Zwei Beispiele aus Köln und Düsseldorf zeigen die sehr angespannte Lage deutlich auf.

Sinan Bartsch und Oliver Noster (r) stehen vor ihrer geschlossenen Sushi Bar in Köln.
Sinan Bartsch und Oliver Noster (r) stehen vor ihrer geschlossenen Sushi Bar in Köln.  © Oliver Berg/dpa

Die hölzernen Hocker stehen auf den Tischen, die Türen bleiben zu: Das "MJ Sushi" ist ein Restaurant, in dem man nicht mehr essen darf. 

Das Asia-Lokal befindet sich in der Kölner Südstadt und wird geführt von Sinan Bartsch (29) und Oliver Noster (28). Die zwei jungen Kölner haben das Restaurant zum ersten März übernommen, oder wie Bartsch es zynisch lächelnd nennt: "zum Coronastart".

Wegen der Corona-Pandemie ist der Verzehr in Restaurants in Nordrhein-Westfalen nicht mehr gestattet. Lieferungen und take-away-Bestellungen sind noch möglich - und "für uns nötig", wie Bartsch schildert. 

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Noch könne er keine konkrete Bilanz ziehen, aber es habe einen "Einbruch von fast 70 Prozent" gegeben, teilt Bartsch mit. 

Das hänge hauptsächlich mit Corona zusammen, außerdem sei das Restaurant wegen des Inhaberwechsels fürs Erste auch aus dem Pool der Lieferdienste von Lieferando rausgenommen worden. Eine wichtige Einnahmequelle - vor allem in Zeiten von Corona.

Mithilfe von sozialen Medien versuchen sie, an Kunden zu kommen. "Zehn Prozent Quarantäne-Rabatt" bekommen Bartsch zufolge alle, die jetzt bestellen. "Da wir wissen, dass dieser Ausnahmezustand uns ALLE betrifft", so steht es auf einem Zettel in den Fenstern des geschlossenen Ladenlokals.

Kündigungen und Hilfen vom Land NRW

Viele Gastronomen müssen in der Krise Kündigungen aussprechen oder Kurzarbeit beantragen (Symbolbild).
Viele Gastronomen müssen in der Krise Kündigungen aussprechen oder Kurzarbeit beantragen (Symbolbild).  © Jan Woitas/ZB/dpa

Der Düsseldorfer Gastronom Daniel Semmelroth (45) musste bereits drei von vier Mitarbeitern betriebsbedingt kündigen. "60 Prozent vom Arbeitsamt sind besser als ein leeres Versprechen von mir", sagt Semmelroth. 

Die Katastrophe setzte bei Semmelroth schon vor drei Wochen ein: "Ich habe 65 Prozent des Umsatzes mit Catering gemacht. Das ist alles weggebrochen. Alle Veranstaltungen wurden abgesagt."

Was ihm blieb, war seine Bar in der NRW-Kunstsammlung K 21 in Düsseldorf - bis vergangenes Wochenende. Nun sind die Museen zu - und die Bar. Auf unbestimmte Zeit. "Es war schlimm - und hat sich dann noch zugespitzt."

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Jetzt prüft Semmelroth, ob die in Aussicht gestellten Hilfstöpfe sein Unternehmen retten können: "Ich habe mit meiner Hausbank gesprochen, aber die genauen Bedingungen kommen erst Montag raus."

Der 45-Jährige hat auch mit seinem Steuerberater gesprochen: "Als letztes habe ich ihn gefragt, was mit mir ist, wenn die Situation so bleibt. Die Antwort war: "Hartz IV"." Seitdem mache er sich keine Illusionen: "Wir stehen nicht nur vor dem unternehmerischen, sondern auch vor dem privaten Ruin. Aber es ist eine Katastrophe für uns alle", sagt er.

Helfen Kurzarbeit oder Kredite?

Bartsch und Noster stehen vor einer ungewissen Zukunft.
Bartsch und Noster stehen vor einer ungewissen Zukunft.  © Oliver Berg/dpa

Auch der Kölner Restaurant-Betreiber Bartsch und sein Geschäftspartner schauen sich nach Hilfsmöglichkeiten um. Vor der Übernahme habe er der Belegschaft versichert, sie weiterhin als Angestellte zu beschäftigen. Doch es kam alles anders. Nach einem Gespräch mit dem Steuerberater wolle er jetzt die Mitarbeiter "schweren Herzens" als Kurzarbeiter anmelden.

Die Übernahme des Lokals habe etwa ein Jahr gedauert. Um dem Laden einen ganz neuen Schliff zu geben, haben die zwei jungen Unternehmer jeweils 60.000 Euro Kredit aufgenommen - es sollte ein Neuanfang sein. 

Zwar weiß Bartsch, dass er als Selbstständiger zu vergünstigten Umständen einen weiteren Kredit bekommen könnte, aber: "Ich lebe ja schon vom Geld, das mir eigentlich nicht gehört". Weitere Verschuldungen will er verhindern.

Ein Teil des Kredits sei für den Umbau geplant gewesen und der Rest als Puffer für den äußersten Notfall. "Jetzt garantiert der Puffer unser Überleben", erzählt Bartsch. Dass der äußerste Notfall schon rund zwei Wochen nach dem Schritt in die Selbstständigkeit kommen könnte, habe er niemals gedacht. "Das ist einfach nur krank", fügt der 29-Jährige hinzu.

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Titelfoto: Oliver Berg/dpa

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