Ein Mix aus Gefühl und harter Arbeit: Dieser Student ist jetzt Spargelstecher

Goch/Köln – Weil Saisonarbeiter aus dem Ausland fehlen, suchen die Landwirte für die Spargelernte Erntehelfer. Auch der Kölner Student Hendrik Weyenberg arbeitet in diesen Tagen als Spragelstecher in Goch am Niederrhein.

Der Student Hendrik Weyenberg sticht Spargel.
Der Student Hendrik Weyenberg sticht Spargel.  © Marius Becker/dpa

Mit zwei Fingern um die weiße Spargelstange greifen, die Erde drum herum etwas wegbuddeln, parallel das Messer hinabführen und dann mit Schwung zustechen. Soweit die Theorie. 

"Manchmal läuft es, manchmal nicht. Ich habe noch kein Gefühl dafür", sagt Hendrik Weyenberg. 

Es ist sein erster Tag auf dem Feld. Eigentlich studiert er Rechtswissenschaften und jobbt als Barkeeper im Kölner Club Bahnhof Ehrenfeld. Eigentlich.

Weil die Corona-Krise den Semesterstart verzögert, steht Weyenberg nun stattdessen in Latzhose auf dem Spargelfeld von Marco Kettelaers in Goch am Niederrhein, ganz in der Nähe seines Elternhauses. 

Seine letzten Ersparnisse sind für eine Reise nach Nepal drauf gegangen. "Jetzt brauche ich Kohle." 

Das gilt auch für Maik Graven, der im normalen Leben als Koch im Restaurant "de Deichgräf" direkt am Rhein arbeitet - das ist bis auf Weiteres geschlossen und er selbst in Kurzarbeit.

Keine Arbeit mehr für die Menschen, so ist es zurzeit in vielen Branchen. In der Landwirtschaft ist es anders herum: sehr viel Arbeit, aber kaum noch Arbeiter. 

Zehntausende Erntehelfer aus Osteuropa fehlen in diesem Jahr

Landwirt Marco Kettelaers (l) erklärt dem Studenten Hendrik Weyenberg wie man Spargel sticht.
Landwirt Marco Kettelaers (l) erklärt dem Studenten Hendrik Weyenberg wie man Spargel sticht.  © Marius Becker/dpa

Seit die Regierung ein Einreiseverbot für Erntehelfer verhängt hat, schlagen die Verbände Alarm: Bundesweit ist von rund 300.000 fehlenden Helfern die Rede. Üblicherweise reisen Jahr für Jahr Zehntausende Saisonarbeiter aus Rumänien und Polen ein. Wie stabil manches System funktioniert, zeigt sich manchmal erst, wenn es zusammenbricht.

Wie kommt also der Spargel, das Lieblingsgemüse der Deutschen, nun aus dem Boden? Plattformen wie "Das Land hilf" schossen schnell aus dem Boden, um die verzweifelten Landwirte mit jenen zusammenzubringen, die nun Zeit und keine andere Arbeit mehr haben.

Statt draußen auf dem Hof hat Marco Kettelaers deshalb in den letzten Tagen viel Zeit mit Telefonieren verbracht. Mehr als 80 Freiwillige haben sich bei ihm gemeldet, zwei Drittel davon hat er angerufen - Schüler, Studenten, Menschen in Kurzarbeit, Selbstständige ohne Aufträge oder Arbeitslose. 

Drei seiner rumänischen Angestellten, die seit Jahren herkommen, haben es noch rechtzeitig ins Land geschafft, "die anderen sitzen auf gepackten Koffern." Rund 45 Kräfte beschäftigt Kettelaers in einer normalen Saison. Nun lädt er Tag für Tag Einzelne zum Probearbeiten ein. "Es ist ein verrücktes Jahr", sagt Marco Kettelaers. "Wir müssen flexibel sein."

Landwirt Kettelaer hat Geduld mit den Neuen

Der gelernte Koch Maik Graven sticht auf einem Feld Spargel.
Der gelernte Koch Maik Graven sticht auf einem Feld Spargel.  © Marius Becker/dpa

Kettelaers zeigt seinen Neuen geduldig, worauf es beim Stechen besonders ankommt. Schaut man einem Geübten dabei zu, sieht das ziemlich einfach aus. Doch kaum ein Anfänger schafft es auf Anhieb. 

"Das ist ein dicker gewesen", sagt Kettelaers, als eine Stange abbricht. "Umso ärgerlicher, wenn er kaputt geht." Doch die meiste Zeit überwiegt seine Geduld. "Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, ist das nicht schlimm. Aber nachher geht das zack, zack, zack."

"Ganz gut", lautet Kettelaers Fazit zu seinen zwei Probearbeitern nach der ersten Lehrstunde - auch wenn seine Rumänen in der Zwischenzeit schon mehrfach mit ihren Spargelkisten an ihnen vorbeigezogen sind. 

"Ich würde sie nicht wieder nach Hause schicken." Einen Verlust für dieses Jahr hat er trotzdem schon einkalkuliert. Mittlerweile hat die Bundesregierung das Einreiseverbot für Erntehelfer wieder gelockert, damit die Deutschen nicht um ihr Obst und Gemüse fürchten müssen. Doch die unter strengen Auflagen erlaubten 80.000 Helfer aus dem Ausland werden die klaffende Lücke längst nicht schließen können.

"Nach drei, vier Tagen tut der Rücken weh", sagt Kettelaers über das gebückte Arbeiten. "Wenn das überwunden ist, ist alles gut." Welche seiner Helfer die Saison über durchhalten und wem die Arbeit auf Dauer zu hart wird, wird sich zeigen. An diesem Apriltag reflektiert die gleißende Sonne auf der hellen Folie und alle sind froh über die frische Luft. Aber: "Wir arbeiten bei Wind und Wetter hier, sieben Tage die Woche."

Titelfoto: Marius Becker/dpa

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