"Es ist die Hölle": Freizeitstress holt Eltern nach dem Lockdown ein

Von Irena Güttel

Nürnberg - Endlich ist es wieder wie früher: Die Kinder gehen täglich zur Schule und in die Kita, nachmittags geht es zum Turnen, zum Fußball oder zum Musikunterricht. Doch auf einmal ist auch der Stress wieder da, neben Arbeit, Haushalt und eigenen Terminen auch noch die der Kinder unter einen Hut zu bringen.

Nach dem Lockdown gibt es einen regelrechten Ansturm auf Sportkurse in Vereinen. (Symbolbild)
Nach dem Lockdown gibt es einen regelrechten Ansturm auf Sportkurse in Vereinen. (Symbolbild)  © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Während sich die Kinder während des Lockdowns einfach spontan auf dem Spielplatz oder dem Hinterhof trafen, müssen die Verabredungen jetzt wieder von langer Hand geplant werden.

Denn die Nachmittage vieler Familien sind voll gepackt. "Wir schaffen es heute leider nicht", lautet inzwischen die Standard-Antwort vieler Eltern, gefolgt von einer langen Liste mit To-Dos wie Kieferorthopäde, Schuhe kaufen, Musikunterricht mit dem einen Kind, weiter zum Schwimmkurs mit dem anderen, danach Hausaufgaben.

"Es ist die Hölle", sagt eine Nürnberger Mutter, die zwei Kinder im Grundschulalter hat. Um alles zu schaffen, hat sie sich erstmal ein paar Tage Urlaub genommen. Von null auf tausend, von jetzt auf gleich - so erlebt gerade die Bloggerin Lisa Harmann die wiedererlangte Normalität nach dem Lockdown.

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"Unfassbar, was da grad plötzlich wieder alles los ist!", schreibt sie in ihrem Blog "Stadt Land Mama" und fragt sich, ob vorher auch schon so viel war.

Folgt nach dem monatelangen Nicht-Können jetzt das Alles-Auf-Einmal-Wollen?

Sportverein können sich vor Anfragen kaum retten

Nach Einschätzung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft haben 70.000 Kinder im vergangenen Jahr nicht Schwimmen gelernt. (Symbolbild)
Nach Einschätzung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft haben 70.000 Kinder im vergangenen Jahr nicht Schwimmen gelernt. (Symbolbild)  © Rolf Vennenbernd/dpa

Der Post SV in Nürnberg, einer der größten Sportvereine in Bayern, spricht jedenfalls von einem Ansturm auf die Kindersportkurse. Auch der Deutsche Schwimmlehrerverband sieht sich vor einer Flut von Anfragen: Bis zu 500 gingen täglich bei den Schwimmschulen ein, sagt Präsident Alexander Gallitz.

Die Anfragen seien auch flehender, hat Friederike van der Laan vom Eimsbüttler Turnverband in Hamburg festgestellt. Viele Eltern schrieben, dass ihr Kind den Platz im Sport- oder Schwimmkurs dringend benötige.

Dass viele Kinder und Jugendliche jetzt wieder große Lust auf Vereinssport haben, freut Alexandra Langmeyer vom Deutschen Jugendinstitut in München.

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"Über das letzte Jahr hat man gesehen, dass die Kinder unter Folgen wie Bewegungseinschränkungen und Gewichtszunahme litten." 70.000 Kinder haben nach Einschätzung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft im vergangenen Jahr nicht Schwimmen gelernt.

Natürlich wollen Eltern, dass ihre Kinder all das Verpasste nun möglichst schnell nachholen können - auch mit Blick auf eine mögliche vierte Welle im Herbst. Und das macht Fachleuten wie Langmeyer auch Sorgen. "Ich befürchte, dass jetzt nicht nur in der Schule Vollgas gegeben wird, sondern auch in der Freizeit."

Doch das schade eher, weil Kinder auch Freiräume und Erholung bräuchten.

Therapeutin rät: Druck nehmen und bewusst auf etwas verzichten

Eltern sollten sich nach Ansicht von Heidemarie Arnhold vom Arbeitskreis Neue Erziehung in Berlin von der Idee verabschieden, nun all das zu machen, was in den vergangenen Monaten nicht ging.

"Das ist nicht aufzuholen. Das ist schon allein von der Aufnahmekapazität nicht möglich." Eltern sollten stattdessen ihre Kinder dabei unterstützen, sich wieder an den neuen Alltag zu gewöhnen.

Das fällt auch vielen Erwachsenen schwer - vor allem, wenn nach der Zwangspause im Lockdown das volle Leben ungebremst wieder auf einen zukommt. "Die Eltern machen sich selbst totalen Stress. Sie sind oftmals ausgebucht und fahren die Kinder noch von A nach B", meint die Familientherapeutin Ursula Eberle von der Stadtmission Nürnberg und rät: "Man muss sich den Druck nehmen."

Also auch mal bewusst auf etwas verzichten und statt vielen nur noch ein bis zwei Hobbys die Woche einplanen.

In dieser Hinsicht hat die Corona-Krise vielleicht auch etwas Gutes gehabt. "Viele Familien haben im Lockdown gelernt, die Zeit miteinander zu genießen und auch das Kleine zu schätzen", meint Langmeyer. Eine Entschleunigung, die nach Ansicht von Familientherapeutin Eberle ruhig noch weiter anhalten kann.

Titelfoto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

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