Diagnose Schlafapnoe: "Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle" spielen eine Rolle

Bad Berka - Die Zeiten, in denen Schlaflabore in Kliniken oder Praxen als etwas Exotisches galten, sind längst vorbei. Auch im kleinen Thüringen gibt es inzwischen 16 solcher Einrichtungen, unter anderem an der Zentralklinik Bad Berka.

Wer in der Nacht keinen Schlaf bekommt, fühlt sich am nächsten Tag logischerweise wie gerädert. (Symbolbild)
Wer in der Nacht keinen Schlaf bekommt, fühlt sich am nächsten Tag logischerweise wie gerädert. (Symbolbild)  © Andrea De Martin/123RF

Ein langer Sommerabend geht zu Ende. Die elf Patienten im Schlafmedizinischen Zentrum der Zentralklinik Bad Berka bei Weimar haben sich in ihre Zimmer zurückgezogen. 

Krankenpfleger Robin Schünemann macht sich an die Gute-Nacht-Prozedur. Sorgfältig befestigt er auf der Haut eines sportlich wirkenden Mannes Elektroden, Kabel und eine Fingerklammer. Ein Mini-Mikrofon am Hals soll Schnarchtöne aufzeichnen. "Bitte jetzt kein Handy und kein Fernsehen mehr", mahnt er den 40-Jährigen, der unaufgeregt einschlummern soll. 

Vor ihm liegt eine Spezialuntersuchung, für die der Nachtschlaf genutzt wird. Sie soll klären, ob Atemaussetzer seinen Schlaf unterbrechen.

Obstruktive Schlafapnoe nennen Mediziner das bei Schnarchern auftretende Phänomen, bei dem der im Schlaf erschlaffte Zungenmuskel den Rachen verschließt und so die Sauerstoffzufuhr behindert. "Das löst ständige Weckreize aus, unterbricht den Tief- und Traumschlafrhythmus", sagt der Leiter des Bad Berkaer Schlaflabors, Michael Weber. "Der Schlaf ist dann nicht erholsam." 

Schlafapnoe kann schwere Folgen haben

Mit Folgen für die Betroffenen auch tagsüber. Sie sind schläfrig, neigen ungewollt zum Einnicken. "Dass bei einer Schlafapnoe Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle eine Rolle spielen, ist inzwischen gut untersucht", so Weber. Häufig seien es solche Erkrankungen, die überhaupt erst zur Diagnose Schlafapnoe führten.

Seit etwa Mitte der 1990er Jahre gibt es an dem zum Rhön-Konzern gehörenden Krankenhaus mit Lungenerkrankungen als einem Behandlungsschwerpunkt ein Schlaflabor. Damals war die Schlafmedizin noch ein junges Fachgebiet. Heute zählt die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) bundesweit 288 akkreditierte Schlaflabore, darunter 16 in Thüringen. 

Vor allem in der Neurologie und Pneumologie (Lungenheilkunde) werden schlafmedizinische Untersuchungen, Fachbegriff Polysomnografie, eingesetzt. Die Atempausen bei starken Schnarchern sind laut DGSM häufigster Grund für eine solche Diagnostik - auch in Bad Berka, wo jährlich 1500 Patienten betreut werden.

Therapie mit Spezialatemmaske

Im Labor kann mit speziellen Geräten gemessen werden, ob es im Schlaf zu Atemaussetzern kommt. (Symbolbild)
Im Labor kann mit speziellen Geräten gemessen werden, ob es im Schlaf zu Atemaussetzern kommt. (Symbolbild)  © sakphuket/123RF

Kurz vor dem Schichtwechsel um 22 Uhr hat Robin Schünemann alle elf Patienten, die zur Diagnostik oder Kontrolle die Nacht im Schlaflabor verbringen, verkabelt. Krankenschwester Steffi Meese nimmt sich noch einen Kaffee, bevor ihre Nachtschicht beginnt. Ihr Arbeitsplatz ist der Überwachungsraum, wohin die während einer Polysomnografie erhobenen Daten übertragen werden. 

Was auf den Computermonitoren für den Laien Linien, Kurven und Zacken sind, gibt dem geschulten Auge Auskunft über Atmung, Gehirnströme, Sauerstoffsättigung, Herzschlag und Augenbewegungen.

"Da hat sich ein Kabel gelöst." Meese zeigt auf eine flache Linie. "Das kann passieren, wenn man stark schwitzt oder sich jäh bewegt." Die 50-Jährige eilt in ein Patientenzimmer und klebt das Kabel wieder auf. Die Messlinie normalisiert sich. 

"Und das hier ist ein Atemaussetzer", erläutert sie einen kräftig-dunklen Fleck auf dem Diagramm. "Bis zu fünf Atemaussetzer pro Stunde sind noch nicht beunruhigend, das ist normal", erklärt Chefarzt Weber. "Bei 30 pro Stunde dagegen ist eine Schlafapnoe schwergradig."

Nikotin und Alkohol bekannte Auslöser einer Schlafapnoe

Zur Therapie kommt bei davon Betroffenen eine Spezialatemmaske zum Einsatz. "Sie sorgt dafür, dass die Zunge nicht zurückrutscht und die Atemwege offenbleiben", so Weber. "Unterkieferschienen für Schnarcher funktionieren eher in leichten bis mittelschweren Fällen."

Der Bedarf an Untersuchungen im Schlaflabor nimmt nach Beobachtungen von Fachleuten und Studien seit Jahren zu. DGSM und die Krankenkasse AOKplus geben als Gründe das steigende Lebensalter, die Zunahme übergewichtiger Menschen und auch von Allergien an. Auch Nikotin und Alkohol seien Auslöser einer Schlafapnoe, so DGSM-Vorstandsreferent Alfred Wiater. 

Für Thüringen hat die hier mitgliederstärkste Krankenkasse die Untersuchungen in zwei Praxen niedergelassener Ärzte erfasst, sie nahmen innerhalb von fünf Jahren um rund 500 auf mehr als 2200 im vergangenen Jahr zu.

Bedarf an Tests in den letzten Jahren gestiegen

Inzwischen dauert es teils mehrere Monate, bis man einen Termin in der Schlafdiagnostik bekommt. (Symbolbild)
Inzwischen dauert es teils mehrere Monate, bis man einen Termin in der Schlafdiagnostik bekommt. (Symbolbild)  © Yulia Koltyrina/123RF

Repräsentativ ist dieses Bild allerdings nicht, denn die Schlaflabore von Krankenhäusern übernehmen den Großteil der Polysomnografien. Und deren Gesamtzahl ist laut DGSM nicht erfasst. Jährlich 3000 sind es allein an der Zentralklinik Bad Berka.

Der wachsende Bedarf lässt sich aber an den Wartezeiten auf einen Diagnostiktermin im Schlaflabor ablesen. An der Zentralklinik Bad Berka muss man derzeit bis zu sieben Monate darauf warten. 

"Auch wegen Corona", sagt Krankenschwester Steffi Meese. Wegen der Pandemie war das Labor wochenlang geschlossen - ein bundesweites Phänomen, wie Wiater bestätigt. 

Deutschlandweit habe die durchschnittliche Wartezeit auf einen Schlaflaborplatz bereits vor der Pandemie vier Monate betragen.

Draußen ist es längst hell, Steffi Meeses Nachtschicht geht zu Ende. Probleme gab es nicht. 

Die Krankenschwester macht sich daran, die Patienten von Kabeln und Elektroden zu befreien und übergibt dann an die Frühschicht. Die Auswertung der Schlafdaten ist jetzt Sache der Ärzte.

Titelfoto: Andrea De Martin/123RF

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