Corona-Impfung soll zu krassen Nebenwirkungen führen: Doch was hat es mit diesem Bericht auf sich?

London - Viele schwere Nebenwirkungen durch Corona-Impfstoffe, aufgeführt in einem offiziellen Bericht der britischen Arzneimittelbehörde MHRA: Diese Behauptung wird derzeit in mehreren Artikeln aufgestellt, die sich in den sozialen Netzwerken verbreiten.

Eine Frau wird gegen das Coronavirus geimpft. Immer mehr Menschen fürchten sich wegen angeblicher Impfstoff-Nebenwirkungen.
Eine Frau wird gegen das Coronavirus geimpft. Immer mehr Menschen fürchten sich wegen angeblicher Impfstoff-Nebenwirkungen.  © Michael Sohn/POOL AP/dpa

So sollen fünf Menschen erblindet sein, 21 einen Schlaganfall erlitten haben, vier eine Fehlgeburt und 107 Menschen sollen gestorben sein - "und das alles als Folge eines experimentellen, notfallmäßig zugelassenen Impfstoffs", wie die Seite "Unser Mitteleuropa" schreibt. Ähnliche Behauptungen auch auf der Schweizer Seite "Uncut-News".

Was aber besagen die offiziellen Behördenangaben aus Großbritannien wirklich?

BEWERTUNG: Den Artikeln liegt ein Irrtum zugrunde. Der britische Bericht listet Meldungen über gesundheitliche Probleme und Todesfälle auf, die aufgrund eines zeitlichen Zusammenhangs möglicherweise Nebenwirkungen von Impfungen sind.

Wie die Behörde an vielen Stellen ihres Berichts betont, handelt es sich nicht um bestätigte Nebenwirkungen nach Corona-Impfungen.

Die MHRA wertet solche Meldungen statistisch aus - bislang ohne Auffälligkeiten.

Nebenwirkungen nur vermutet und nicht bewiesen

Eine Krankenschwester bereitet eine Spritze mit Corona-Impfstoff von AstraZeneca vor. Der Impfstoff ist zu Unrecht in Verruf geraten.
Eine Krankenschwester bereitet eine Spritze mit Corona-Impfstoff von AstraZeneca vor. Der Impfstoff ist zu Unrecht in Verruf geraten.  © Peter Byrne/PA Wire/dpa

FAKTEN: Die in Großbritannien für die Arzneimittelzulassung und -aufsicht zuständige Behörde MHRA hat am 11. Februar 2021 einen aktualisierten Bericht veröffentlicht.

Dieser fasst Meldungen über gesundheitliche Beschwerden und Todesfälle bei Menschen zusammen, die zuvor eine Impfung gegen Covid-19 erhalten hatten.

Hintergrund ist ein offizielles Meldesystem, genannt "Yellow Card", in dem die Behörde über mögliche Nebenwirkungen von Arzneimitteln, Impfstoffen und Medizinprodukten informiert werden kann - durch medizinisches Personal, aber auch durch Laien.

Bis zum 31. Januar sind demnach mehr als 32.000 Meldungen mit Bezug auf Impfstoffe gegen Covid-19 eingegangen.

Wie die MHRA in ihrem Bericht mehrfach schreibt, haben all diese Meldungen erst einmal nur gemeinsam, dass die Zwischenfälle in einem zeitlichen Zusammenhang mit den Impfungen stehen - also danach aufgetreten sind.

Es sei wichtig, "dass die in diesem Bericht beschriebenen vermuteten Nebenwirkungen nicht als bewiesene Nebenwirkungen von Covid-19-Impfstoffen interpretiert werden".

Entsprechend ist auch stets lediglich von "vermuteten" ("suspected") Nebenwirkungen die Rede.

Jeder kann eine vermutete Nebenwirkung melden: Kein Arzt muss diese bezeugen!

Ein älterer Mann wird gegen das Coronavirus geimpft. Die gemeldeten Nebenwirkungen des Corona-Impfstoffs weichen bislang nicht signifikant von anderen Impfstoff-Meldungen ab.
Ein älterer Mann wird gegen das Coronavirus geimpft. Die gemeldeten Nebenwirkungen des Corona-Impfstoffs weichen bislang nicht signifikant von anderen Impfstoff-Meldungen ab.  © Andre Penner/AP/dpa

Um eine "Yellow Card"-Meldung zu machen, ist kein Nachweis einer Kausalität notwendig - also keine ärztliche Bescheinigung, keine Autopsie oder vergleichbare medizinische Gutachten.

Das System zielt darauf ab, mögliche Nebenwirkungen über statistische Muster zu erkennen und setzt deshalb auf eine breit angelegte Beobachtung unter Mithilfe von Bürgerinnen und Bürgern.

Die Fälle werden vor allem statistisch ausgewertet: Es geht dabei um die Fragen, ob die Meldungen Abweichungen zu den ohne Impfungen erwarteten Krankheits- und Todesfallzahlen darstellen und ob es möglicherweise bei der Verbreitung einzelner Krankheitsbilder neue Muster gibt.

Ähnlich verfährt auch das in Deutschland für das Monitoring von Nebenwirkungen zuständige Paul-Ehrlich-Institut.

Die MHRA wiederum listet in drei Anhängen zum Bericht Details zu den bis zum 31. Januar eingegangenen Meldungen auf und sortiert sie nach Krankheitsbildern.

Ein Anhang enthält Meldungen, die sich auf den Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer beziehen, ein weiterer solche mit Bezug auf den Impfstoff von Astrazeneca und der dritte Meldungen, in denen kein Impfstoff angegeben war.

Gemeldete vermutete Nebenwirkungen statistisch nicht auffällig

In Deutschland geht das Impfen langsam voran. Knapp 3,6 Prozent wurden bislang gegen Corona geimpft (Stand: 18. Februar).
In Deutschland geht das Impfen langsam voran. Knapp 3,6 Prozent wurden bislang gegen Corona geimpft (Stand: 18. Februar).  © Sven Hoppe/dpa

In den Anhängen finden sich die Zahlen, die in mehreren Artikeln nun fälschlicherweise als bestätigte Nebenwirkungen präsentiert werden.

Grund dafür ist möglicherweise auch die irritierende Beschriftung der Krankheitsbilder-Tabellen: In den Kopfzeilen ist von "Name der Reaktion" ("Reaction Name") die Rede - was durch eine Verkürzung zu dem Eindruck führt, hier würden tatsächliche, also bestätigt kausale Nebenwirkungen beschrieben.

Im Bericht selbst ist in einer Erläuterung zum Anhang jedoch noch einmal ausdrücklich von "vermuteten Nebenwirkungen" die Rede.

Falsch sind also die behaupteten kausalen Zusammenhänge in den an den Bericht anknüpfenden Artikeln - Formulierungen wie "aufgrund des Impfstoffs", "als Folge des Impfstoffs", oder "dank des Impfstoffs". Für solche Aussagen bietet der britische Bericht keinerlei Belege.

Die Behörde betont zudem an mehreren Stellen, dass Krankheits- und Todesfälle schon aufgrund einer statistischen Wahrscheinlichkeit in zeitlichem Zusammenhang mit den Impfungen auftreten - zumal Millionen Menschen geimpft würden, darunter alte und bereits erkrankte, die auch in Großbritannien zur ersten Gruppe der Geimpften gehören.

Unabhängig von der Frage, ob es sich um zeitliche oder kausale Zusammenhänge handelt, weisen die Meldungen nach MHRA-Angaben bislang keine statistischen Auffälligkeiten auf: "Zahl und Beschaffenheit der berichteten vermuteten Nebenwirkungen sind bislang nicht ungewöhnlich im Vergleich zu anderen, routinemäßig eingesetzten Impfstoffen."

Daran hat auch die jüngste Aktualisierung des Berichts vom 18. Februar nichts geändert.

Zudem schreibt die Behörde, dass die Meldungen nicht im Umkehrschluss als eine Auflistung von möglichen Nebenwirkungen verstanden werden dürfen - eben weil es keine Bestätigung für kausale Zusammenhänge gibt.

Titelfoto: Michael Sohn/POOL AP/dpa

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