Kapseln, Pulver, Drinks: Nahrungsergänzungs-Mittel oft nur teure Mogel-Packung!

Dresden - Superfood fürs Immunsystem, Vitamin D gegen Coronaviren, Mineralstoffe zur Leistungssteigerung. Die Hersteller von Pillen und Pulvern versprechen viel und lassen es sich teuer bezahlen. Hierzulande greift etwa ein Drittel der Erwachsenen regelmäßig zu Nahrungsergänzungsmitteln - und das ohne eine nachgewiesene Unterversorgung. Doch sind das eigentlich wirksame Medikamente oder nur Hokuspokus? Was hilft wirklich und wo kann man sich seriös beraten lassen?

Wie in der Werbung: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
Wie in der Werbung: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.  © ABDA/picture alliance/dpa

Da schleppt man sich mit einer Erkältung im Anmarsch in die Apotheke oder Drogerie und wird förmlich erschlagen vom Angebot.

Doch dabei tarnen sich auch Präparate als Medizin, obwohl sie gar keine sind: In den Regalen stehen sogenannte Nahrungsergänzungsmittel (NEM) direkt neben Arzneimitteln, sind zudem nur schwer zu unterscheiden. Am Ende greift man oft zu dem, was man aus der Werbung kennt.

NEM sollen wahre Wunder bewirken können - glaubt man den blumigen Werbeaussagen. Haifischknorpel-Extrakte sollen die Gelenke stärken, Erdbeerpulver das Immunsystem ertüchtigen.

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Manche Präparate werden mit unzulässigen Gesundheitsversprechen auf sogenannten Kaffeefahrten oder angeblich exklusiv nur im Internet angeboten.

Die teils überteuerten Extrakte mit fragwürdigen Inhaltsstoffen und Dosierungen sollen frisch und munter, jung und schlank machen - oft nur eine Mogelpackung ohne nachgewiesene Wirkung.

Nahrungsergänzungsmittel eignen sich nicht bei Krankheiten

Obst ist trotz Nahrungsergänzungsmitteln das A und O gesunder Ernährung.
Obst ist trotz Nahrungsergänzungsmitteln das A und O gesunder Ernährung.  © 123RF/sunabesyou

Manche glauben, in Obst und Gemüse seien heute weniger Nährstoffe als früher enthalten und wollen mit Nahrungsergänzungsmitteln gegensteuern.

Doch NEM sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung.

Vitamin B12 findet sich beispielsweise auch in Fleisch, Fisch, Eiern und Milch. Vitamin B6 kommt in Vollkornprodukten, Fleisch, Fisch und Nüssen vor. Calcium ist in Milchprodukten und calciumreichem Mineralwasser.

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Zur Behandlung von Krankheiten sind NEM nicht bestimmt!

Wenn sich eine Erkältung ankündigt, die ersten Symptome am besten gezielt lokal behandeln: Lutschtabletten gegen Kratzen im Hals, ein Spray gegen die laufende Nase.

"Selbst mit der besten Medizin lassen sich Beschwerden bei grippalen Infekten nur um einen bis zwei Tage verkürzen", weiß der Pharmazeutisch-technische Berater Tobias Kühne-Döge (39).

Medikamente lindern nur die Symptome. Wundermittel gibt es nicht. Wie sagt schon der Volksmund weise: Eine Erkältung dauert ohne Behandlung sieben Tage und mit Medizin eine Woche.

Gesundheitspillen sind keine Arznei

Angela Clausen (59), Referentin für Lebensmittel im Gesundheitsmarkt bei der Verbraucherzentrale NRW.
Angela Clausen (59), Referentin für Lebensmittel im Gesundheitsmarkt bei der Verbraucherzentrale NRW.  © PR/Verbraucherzentrale NRW

"Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arznei bzw. Medizin. Der Name sagt schon, wofür sie da sind - um die Nahrung zu ergänzen", weiß Angela Clausen (59), Referentin für Lebensmittel im Gesundheitsmarkt bei der Verbraucherzentrale NRW.

Nahrungsergänzungen dürfen in Deutschland keinen therapeutischen Nutzen erfüllen. Sie unterliegen - anders als Medikamente - keiner Prüfung auf Sicherheit und Wirksamkeit, bevor sie auf den Markt kommen.

"Sinnvoll können NEM wie Mineralstoffe oder Vitamine jedoch für Hochbetagte sein, die zu wenig essen - oder im Laufe einer Diät mit weniger als 1200 Kilokalorien", sagt Clausen.

Allergiker könnten sie brauchen oder Patienten mit Magen-Darm-Erkrankungen, die bestimmte Nährstoffe nicht mehr aufnehmen können.

In der Schwangerschaft decken sie den steigenden Bedarf an Jod und Folsäure. Veganer können damit ihre Vitamin-B12-Depots auffüllen. Vegan lebende Schwangere benötigen sogar unbedingt eine gezielte Nahrungsergänzung.

Und was ist mit den Herstellerversprechen wie Schutz vor Demenz, neuer geistiger Frische und festen Fingernägeln durch NEM? "Diese häufig beworbenen Wirkungen für Pflanzenstoffe wie zum Beispiel Knoblauch-, Ginkgo- oder Traubenkernextrakt in Nahrungsergänzungsmitteln sind im Gegensatz zu Arzneimitteln meist nicht wissenschaftlich bewiesen. Krankheitsbezogene Werbung ist grundsätzlich verboten", klärt Lebensmittel-Expertin auf.

Tipp der Expertin: "Ob man Nahrungsergänzungsmittel braucht, klärt man am besten mit dem Hausarzt ab." Mit Laboruntersuchungen lassen sich Defizite aufspüren. "Wer gesund ist und sich abwechslungsreich ernährt, hat keine Defizite und benötigt in der Regel keine Nahrungsergänzung", steht für Clausen fest.

Nicht im­mer un­ge­fähr­lich

NEM gibt es den verschiedensten Formen.
NEM gibt es den verschiedensten Formen.  © 123RF/luchschen

Nahrungsergänzungsmittel sind nicht immer ungefährlich. Was den wenigsten bewusst ist: Auch hier kann es wie bei echter Arznei Gegenanzeigen, Neben- und Wechselwirkungen geben.

So kann ein erhöhter Calciumspiegel im Blut Nierenfunktionsstörungen bis hin zur Bildung von Nieren- und Harnsteinen verursachen. Eine Überdosis Cranberry-Extrakt (Großfrüchtige Moosbeere) kann Hämaturie (Blut im Urin) hervorrufen.

Ginkgo-Extrakte können schwere Herzrhythmusstörungen auslösen. Ingwerauszüge stehen im Verdacht, den Blutzuckerspiegel zu senken und die Blutgerinnung zu verlangsamen.

Vorsicht: Bei gleichzeitiger Einnahme von Blutzuckersenkern bei Diabetes kann der Blutzuckerspiegel möglicherweise (zu) stark abfallen.

Bei Einnahme zusammen mit Medikamenten, die die Blutgerinnung herabsetzen (z. B. Aspirin, Diclofenac, Ibuprofen, Heparin, Warfarin, Phenprocoumon), kann sich die Blutungsneigung erhöhen.

"Das gilt aber ausdrücklich nicht für die Lebensmittel, sofern diese in normalen Mengen gegessen werden", erklärt Clausen.

Verbraucherschützer: "Wir fordern eine Höchstmengenregelung"

Auch bei NEM aus den Apotheken ist Vorsicht geboten.
Auch bei NEM aus den Apotheken ist Vorsicht geboten.  © imago images/Fotostand

Die Lebensmittel-Expertin warnt: "Nahrungsergänzungsmittel können auch Wechselwirkungen mit Medikamenten haben."

So sollten Schilddrüsenhormone nicht zusammen mit Eisen, bestimmte Antibiotika nicht mit Milchprodukten oder Calcium-Brausetabletten eingenommen werden. "Das kann die Wirkung von Medikamenten blockieren. Und Nährstoffe können auch gegenseitig ihre Aufnahme in den Körper hemmen."

Viele NEM sind zudem zu hoch dosiert, enthalten deutlich mehr als vom Bundesinstitut für Risikobewertung empfohlen.

"Wir Verbraucherschützer fordern deshalb eine Höchstmengenregelung, Positivlisten für Pflanzenstoffe, Warnhinweise bei gesundheitlich riskanten Wirkungen und eine Meldestelle für Neben- und Wechselwirkungen", sagt Clausen.

Woran erkennt man Nahrungsergänzungsmittel?

Handelt es sich um ein Medikament oder ein Nahrungsergänzungsmittel (NEM) - woran erkenne ich in der Apotheke den Unterschied?

Nahrungsergänzungsmittel finden sich auch zuhauf in Drogerien.
Nahrungsergänzungsmittel finden sich auch zuhauf in Drogerien.  © imago images/Geisser

Vor allem an drei Merkmalen: Handelt es sich um ein NEM, findet sich die Bezeichnung "Nahrungsergänzungsmittel" auf der Verpackung - manchmal ganz klein gedruckt.

Bei Arzneimitteln steht Wort Zusammensetzung auf der Packung, bei NEM Zutaten.

Bei einem NEM wird zudem ein Mindesthaltbarkeitsdatum angegeben, bei Medikamenten immer der Begriff "zu verwenden bis".

Warnhinweise wie "von Kindern fernhalten" können sich übrigens auf beiden Produktkategorien gleichsam befinden.

Was der Experte zur schnellen Selbsthilfe rät

Pillen-Tipps am Telefon: Medikamenten-Experte Tobias Kühne-Döge (39).
Pillen-Tipps am Telefon: Medikamenten-Experte Tobias Kühne-Döge (39).  © PR/Apologistics GmbH

"Bei einem einfachen grippalen Infekt, wenn nur die Nase verstopft ist und Kopfschmerzen quälen, reichen in vielen Fällen ein Nasenspray und Paracetamol. Damit kann man wieder gut durchatmen und Schmerzen wie Fieber werden gesenkt", sagt der Pharmazeutisch-technische Assistent Tobias Kühne-Döge (39) von der Internet-Apotheke apodiscounter.de.

"Bei nur leichten Erkältungssymptomen muss man nicht gleich zu Kombipräparten greifen. Das wäre zu viel des Guten und hieße, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen."

Und wenn man Paracetamol nicht verträgt? "Dann kann es durch Ibuprofen ersetzt werden."

Kombipräparate eigneten sich für Patienten, die gleich gegen mehrere Beschwerden wie zusätzlichen Reizhusten und Abgeschlagenheit ankämpfen wollen. Kühne-Döge: "Dabei vier verschiedene Arzneien zu womöglich auch noch jeweils vier verschiedenen Zeitpunkten am Tag einzunehmen, lässt sich schwer in den Alltag integrieren."

So enthält Aspirin Complex neben der schmerzlindernden und fiebersenkenden Acetylsalicylsäure auch Pseudoephedrin. Kühne-Döge: "Das macht die Nase frei und verhilft zu einer Art Push-Effekt, wirkt gegen Abgeschlagenheit. Doch Vorsicht, es kann auch den Blutdruck erhöhen!"

Das Paracetamol in Grippostat C senkt ebenfalls Fieber und lindert Schmerzen. "Das zugesetzte Koffein wirkt bei Abgeschlagenheit zudem wie eine zusätzliche Tasse Kaffee. Außerdem sind ein Hustendämpfer und Vitamin C enthalten", weiß der Experte.

Wick MediNait enthält neben Paracetamol auch einen Hustenreizlinderer für eine ungestörte Nachtruhe. "Zusätzlich ist auch noch ein schlaffördernder Wirkstoff enthalten", sagt Kühne-Döge. Wick MediNait enthält Alkohol! "Inzwischen gibt es aber auch ein Präparat ohne Alkohol."

Tipp vom Experten: Fragen Sie nach preisgünstiger Generika, sogenannten Nachahmerpräparaten! Kühne-Döge: "Sie sind genauso wirksam wie das Original, kosten aber deutlich weniger." Drei Beispiele: Grippostad Complex (7,99 Euro) statt Aspirin Complex (10,49 Euro), 20 Filmtabletten Ibu-1a Pharma Grippal (4,89 Euro) statt Boxagrippal (8,99 Euro) und Nasenduo Nasenspray (2,69 Euro) statt Nasic O.K. (5,39 Euro).

Vitamin D: Pillen statt Sonne

Müssen sich Rentner mit Vitamin-Tabletten fit und vital schlucken? In jedem Fall lassen sich mit Vitamin-D-Präparaten gute Geschäfte machen.
Müssen sich Rentner mit Vitamin-Tabletten fit und vital schlucken? In jedem Fall lassen sich mit Vitamin-D-Präparaten gute Geschäfte machen.  © imago/Jochen Tack

Es gilt als Superfood fürs Immunsystem: Vitamin D. Nicht nur in Foren von Querdenkern wird es derzeit als Heilsbringer bei Corona gepriesen.

Es stärke das Immunsystem und verhindere damit eine Covid-Erkrankung. Doch stimmt das? Wahr ist: Eine gute Versorgung mit Vitamin D kann tatsächlich vor akuten Atemwegsinfektionen schützen.

Ein Schutz vor einer Corona-Infektion ist laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) jedoch noch nicht belegt.

Vitamin D wird im Körper durch Sonnenbestrahlung gebildet. Aber es steckt auch in Nahrungsmitteln wie fettem Fisch (Lachs, Makrele, Hering), Eigelb, Pilzen und Margarine.

Brauche ich also eine tägliche Vitamin-D-Pille?

Es gibt jahreszeitliche Schwankungen im Vitamin-D-Haushalt. "Unsere Körper kann Vitamin D auch im Fettgewebe speichern und im Winter davon zehren", so Clausen.

Mit einer Blutuntersuchung (meistens eine kostenpflichtige IGe-Leistung) lässt sich der eigene Vitamin-D-Status prüfen. Im Alter ab etwa 60 Jahren lässt die Eigenproduktion von Vitamin D nach. Clausen: "Für bettlägerige hochbetagte Senioren und Einwohner von Altenheimen - aber auch für Menschen, deren Haut kaum mit der Sonne in Berührung kommt - kann eine tägliche Dosis von bis zu 20 Mikrogramm sinnvoll sein - in Absprache mit dem Arzt."

Denn eine Überdosierung kann zu ernsthaften Gesundheitsproblemen führen: Übelkeit, Kopfschmerzen, reduzierter Muskeltonus bis hin zur Niereninsuffizienz.

Titelfoto: Montage: imago images/Geisser, 123RF/luchschen, 123RF/sunabesyou

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