Resistente Bakterien-Flut: In wenigen Jahren gibt es keine Hilfe mehr

Straßburg - Das Bein von David Ricci stirbt Stück für Stück ab. Die Ärzte sind ratlos. Bakterien in seinem Körper sind resistent - sie überleben jedes bekannte Antibiotikum. Noch hält seine Prothese am übrig gebliebenen Bein-Stumpf. Noch. 

David Ricci wurde 2011 in Indien mit resistenten Keimen verseucht. Bis heute kämpft er mit den Folgen.
David Ricci wurde 2011 in Indien mit resistenten Keimen verseucht. Bis heute kämpft er mit den Folgen.  © ARTE F

So beginnt die Dokumentation. Die globale Krise erreicht alle - ein Krimi mit bald zehn (!) Millionen Toten jährlich; das sind mehr Tote, als an Krebs sterben. ARTE zeigt den Film "Resistance Fighters - Die globale Antibiotikakrise". 

Schon 2016 waren 105 Länder der Erde betroffen von der Anitibiotika-Resistenz. Wissenschaftler und Politiker sind alarmiert.

Seit 1945 gab es nur drei Sondersitzungen bei der UN, die einberufen wurden. Bei der dritten Sondersitzung waren Bakterien der Grund. 

Denn diese verursachen mehr und mehr ein wirtschaftliches Problem: Die Gesundheitskosten steigen enorm – nach Schätzungen in den nächsten 35 Jahren auf 100 Billionen Dollar. 

Da - endlich - begannen, die Alarmglocken zu scheppern! Wenn die Wirtschaft bedroht wird, handeln sie. 

Das könnte in diesem Fall zu spät sein.

Antibiotika-resistente Keime drohen, zur weltweiten Todesursache Nr. 1 zu werden. Im Mittelpunkt der Doku stehen die "Resistance"-Keime.
Antibiotika-resistente Keime drohen, zur weltweiten Todesursache Nr. 1 zu werden. Im Mittelpunkt der Doku stehen die "Resistance"-Keime.  © ARTE F


Wenn wir nichts tun, könnten bereits 2040 zehn Millionen Menschen jährlich weltweit sterben - und damit mehr als an Krebs. So weit die Fakten.

Gefahren für die Menschheit liegen an erster Stelle bei Viren (z. B. Grippe). An zweiter Stelle rangiert Terror. Und schon Platz drei belegen Bakterien noch vor dem Klimawandel - zumindest Großbritannien hat das Problem erkannt, erklärt der Protagonist in der Doku, und rückt die enorme Bakterien-Bedrohung mehr und mehr nach vorn in der Agenda.

Bakterien passen sich langsam an. Es ist eben diese sehr langsame Entwicklung der Bakterien-Resistenz, die diese immer gefährlicher macht. 

Ein Beispiel in der unsagbar spannenden Dokumentation bei ARTE, bei der unzählige Wissenschaftler zu Wort kommen, ist "Tripper". 

Schon ein (!) Prozent der Weltbevölkerung ist betroffen. Aber: Die Gonokokken werden resistent. Die  Gonorrhoe ist kaum noch behandelbar. Penizillin ist hier bereits wirkungslos – kurz: Es hilft nicht mehr. 

Diese Krankheit greift unbehandelt Eierstöcke und Hoden an.

Ohne Gegenmittel erobern sich Bakterien die Welt

"Ohne das Finden neuer Gegenmittel löschen Bakterien das Leben höherer Lebewesen aus", ist sich Wissenschaftler Slava Epstein sicher.
"Ohne das Finden neuer Gegenmittel löschen Bakterien das Leben höherer Lebewesen aus", ist sich Wissenschaftler Slava Epstein sicher.

Aber: Bei jeder Art von Operationen bekommen Patienten Antibiotika - keine OP wäre möglich ohne - was passiert, wenn keine neuen Antibiotika mehr gefunden werden? Die Entwicklung eines Mittels dauert im Schnitt zehn Jahre, um Bakterien den Garaus zu machen.

Schließlich sind Bakterien die älteste Spezies auf der Erde - "ohne das Finden neuer Gegenmittel löschen sie das Leben höherer Lebewesen aus", ist sich Wissenschaftler Slava Epstein sicher, der in der Doku zu Wort kommt. 

Bakterien waren schon immer die treibende Kraft auf der Erde, und sie wollen überleben - das taten und tun sie in den vergangenen vier Milliarden Jahren permanent - und das ohne Zellkern!

Ist allein die Medizin schuld? Nein! Einen besonderen Grund der Resistenzen deckt die Dokumentation auf: die Tiermast und den übermäßigen Einsatz von Antibiotika. 

Jeder Stall verbreitet auch Streptokokken

Nephrologe ist sicher: Tier- und Schlachtbetriebe sind wahre Bakterien-Schleudern.
Nephrologe ist sicher: Tier- und Schlachtbetriebe sind wahre Bakterien-Schleudern.  © ARTE F

Allein 2016 wurden 80 Prozent aller verabreichten Antibiotika in den USA für die Tiermast eingesetzt - das waren 15 Millionen Kilogramm und ein Umsatz von 13 Milliarden Dollar...

Auch ein deutscher Nephrologe kommt zu Wort – Gerd-Ludwig Meyer fasst zusammen: Im Umkreis vieler Tiermast-Stationen und Schlachtbetriebe sieht er den Zusammenhang "eindeutig". Denn Bakterienübertragung passiert auch vom Tier auf Mensch. 

Mit der Abluft aus den Betrieben kommen beispielsweise Streptokokken mit dem Menschen in Berührung. Im Jahr 2000 gab es bei ihm den ersten Fall der Resistenz – seine Wirkstätte ist Wildeshausen bei Oldenburg – wo viele Schlachtbetriebe sind. Das gibt ihm zu denken. Jeder Stall verbreitet auch Streptokokken.

Diese Themenbreite und vieles mehr wird in diesem >> Film von Michael Wech eindringlich erklärt und erzählt. Die nächste Ausstrahlung gibt’s am Dienstag (23. Juni, um 22 Uhr) oder in der ARTE-Mediathek

Es macht Angst, zumal wir alle momentan erleben, was es bedeutet Einschränkungen zu haben, wenn nur EIN Corona-Virus die Welt beherrscht. Was aber passiert, wenn Bakterien keine Feinde mehr haben, weil sie durch den Menschen lernen zu überleben durch Übermengen eingesetzter Antibiotika?

Titelfoto: ARTE F

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