Bizarres Treiben in Leipziger Wohngebiet: Plötzlich Halteverbot über Nacht!

Von Anke Brod

Leipzig - Eben noch himmlische Abendruh', dann plötzlich scheppert und rumst es wie irre vor dem Wohnzimmerfenster. Ein sonst ruhiger Wendehammer am Ende der Grenzstraße in Leipzig-Holzhausen verwandelte sich am 26. Oktober 2020 im Schutz der Dunkelheit binnen 30 Minuten in ein röhrendes Baustellenlager! Es kommt noch dicker: Parkende Autos sind wie aus dem Nichts von vorher nicht-existenten Halteverbotsschildern umgeben!

Plötzlich kamen Lastwagen voller Baustellenmaterial und Absperrzäune – für die Anwohner völlig überraschend.
Plötzlich kamen Lastwagen voller Baustellenmaterial und Absperrzäune – für die Anwohner völlig überraschend.  © Anke Brod

Ein Schildbürgerstreich? Das hätte man locker vermuten können, wäre die Nacht- und Nebelaktion laut Leipziger Stadtverwaltung nicht doch rechtens gewesen! Aber alles der Reihe nach.

Nichtsahnende Hausbewohner am Wendehammer schauten an jenem frühen Abend des 26. Oktobers zur "Tatzeit" gemütlich Fernsehen oder verspeisten genüsslich ihr Abendbrot. Eine Mieterin lag derweil mit den Resten einer stechenden Migräne im Bett.

Nach und nach drang es dann aber wohl bei allen Parteien ins Bewusstsein vor, dass das dumpfe Grollen und die klirrenden Metallgeräusche draußen dort eigentlich ja nicht hingehörten. Sodann gingen Fenster auf.

Die Sackgasse füllte sich indes zunehmend mit Baustellenmaterial, Absperrzäunen und roten Warnleuchten. Als Erstes aber hatte man an allen vier Ecken Halteverbotsschilder aufgestellt. Und mittendrin parkten nach dieser Heinzelmännchenaktion unverändert Anwohnerautos – nun allerdings ordnungswidrig!

Ein Bauarbeiter meinte: "Wir richten hier gerade unseren Lagerplatz ein." Seine Firma verlege Glasfaserkabel. Der kranken Mieterin versprach er dabei wirklich zuvorkommend, so lange mit den Baumaschinen aufzupassen, bis sie ihr Auto wegfahren könne.

An dem Wendehammer wohnt im Übrigen eine ältere Dame mit Hausnotrufsystem, ein weiterer Herr unterhält hier seine Garage.

Halteverbot "über Nacht" ist rechtens

In einer Nacht- und Nebelaktion wurden parkende Autos im Stadtteil Holzhausen von Halteverbotsschildern eingekesselt.
In einer Nacht- und Nebelaktion wurden parkende Autos im Stadtteil Holzhausen von Halteverbotsschildern eingekesselt.  © Anke Brod

Weshalb wurden die Anwohner nicht informiert? Wären Autos gnadenlos abgeschleppt worden? TAG24 hakte bei der Leipziger Stadtverwaltung nach.

"Es handelt sich bei der Baustelle nicht um eine städtische Baumaßnahme", so die Auskunft. Demnach wurde zwischen Kärrner- und Grenzstraße ein "Telekommunikationskabel" verlegt.

Zum plötzlichen Halteverbot hieß es: "Die bauausführende Firma hat zur Freihaltung der für die Arbeitsstelle und Baustelleneinrichtung erforderlichen Fläche Halteverbote in der Grenzstraße aufgestellt und eine Vollsperrung der Straße im Bereich zwischen Steinbergstraße und Zuwegung Kleingartenverein eingerichtet".

Dieses Halteverbot gelte ab dem "Moment des Aufstellens" und sei rechtlich durchsetzbar. So weit, so informativ.

Damit Betroffene derlei erfahren und ihre Autos rechtzeitig wegfahren können, sollen laut Stadt eigentlich "Halteverbote vier Tage vor Inkrafttreten aufgestellt" werden. Das geschah in Holzhausen nicht.

"Die Einhaltung der Frist habe keine Auswirkung auf die Rechtmäßigkeit des Halteverbotes", lautete die Information weiter. Sie sei nach Ablauf nur für die Umlegbarkeit der Abschleppkosten auf die Fahrzeughalter bedeutsam.

Nett sein reicht nicht immer

Nach den Bauarbeiten wurde eine Sandschicht auf der Straße hinterlassen, der die dort parkenden Anwohner noch immer stört.
Nach den Bauarbeiten wurde eine Sandschicht auf der Straße hinterlassen, der die dort parkenden Anwohner noch immer stört.  © Anke Brod

Die Verwaltung betonte: "Die Durchführung einer Anliegerinformation obliegt den Bauherren oder deren bauausführenden Firmen, nicht der Stadt".

Ein Versäumnis sei "kein Versagungsgrund für die Bauarbeiten". Rettungsfahrzeuge könnten während eines Einsatzes von Sonderrechten Gebrauch machen.

Inzwischen ist die Kabelfirma wieder abgezogen. Ihren Auftrag erledigten die Mitarbeiter schonend, indem sie Glasfaserkabel per modernster Technik einfach unter der Erde "durchschossen". Somit wurden keine Bürgersteige aufgerissen.

Das Fazit: Netter menschlicher Umgang ist schön – dennoch hätten die Anwohner gern im Vorfeld von der Baustelle erfahren.

Es bleibt nun neben dem feinen Erdaushub-Sand auf der Fahrbahn, der sich in Dichtungen setzt und fies Autoscheiben zerkratzt, der fade Beigeschmack des Übergangenwerdens.

Titelfoto: Anke Brod

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