"Gesundheit hat die oberste Priorität": Burkhard Jung über Corona und Existenzängste

Leipzig - Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (62, SPD) hat vor etwa einem Jahr seine dritte Amtszeit begonnen. Im dpa-Interview erzählt er, warum das ein ganz besonderer Wiederanfang war und blickt auf Leipzig in der Corona-Krise und darüber hinaus.

Burkhard Jung (62, SPD), Oberbürgermeister von Leipzig und Städtetagspräsident.
Burkhard Jung (62, SPD), Oberbürgermeister von Leipzig und Städtetagspräsident.  © Caroline Seidel/dpa

Sie haben im vorigen März zum dritten Mal eine Amtszeit als Oberbürgermeister angefangen. Welches der ersten Jahre war das schwierigste?

Antwort: Das letzte Jahr ist unvergleichlich gewesen. Ich hatte mir ganz andere Dinge vorgenommen, insbesondere das Thema Zusammenführung der Stadtgesellschaft, Brücken bauen zu den Gebieten, die mich eher nicht gewählt hatten. Und dann kam Covid-19. Ich bin am 1. März wiedergewählt worden, und Mitte März sind wir in den Krisenmodus gewechselt. Wenn ich mich erinnere an 2006, 2013 und 2020 - dann war 2020 der anspruchsvollste neue Anfang nach einer Wahl.

Wie empfinden Sie nach fast einem Jahr Corona die Stimmung in der Stadt?

Antwort: Ich bemerke zunehmend eine psychische Destabilisierung. Für viele Menschen ist die Situation schmerzhaft. Es gibt Existenzängste und Nöte bei der Strukturierung des Alltags. Dazu kommen Gesundheitssorgen, Angst um die Liebsten. Besonders nahe geht mir die Lage der Kinder. Fast alle Kinder, die ich kenne, berichten mir von ihrer psychischen Anspannung. Wir stehen vor der Aufgabe, wieder stabile soziale Beziehungen zu schaffen, auch Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten, aus Verhältnissen, die es besonders schwer haben, zu stützen und zu stabilisieren.

Leipzigs Gastronomie leidet unter dem Coronavirus und dem Lockdown.
Leipzigs Gastronomie leidet unter dem Coronavirus und dem Lockdown.  © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Trotzdem stehen Sie hinter den derzeitigen Beschränkungen?

Antwort: Die Frage ist: Wonach richten wir uns, was ist unser Maßstab? Für mich hat die Gesundheit die oberste Priorität. Wir sind insbesondere den Ältesten verpflichtet, die dieses Land aufgebaut haben. Sie sind in dieser Pandemie die Hilfebedürftigsten. Dann kommen die Kinder und Jugendlichen. Erst danach kann man über Wirtschaft reden, über Kultur und Sport.

Um was machen Sie sich am meisten Sorgen?

Antwort: Ich mache mir Sorgen um die soziale Stabilität in vielen Familien. Wir brauchen ein Programm für Familien in besonderen Notlagen und Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche, die sehr stark unter dieser Pandemie gelitten haben und immer stärker leiden. Das ist eine Forderung an die Schulpolitik. Und ein anderes großes Thema für mich als Oberbürgermeister ist die Entwicklung unserer Innenstadt und des Einzelhandels.

Befürchten Sie ein Sterben des Einzelhandels wegen Corona?

Antwort: Da mache ich mir schon große Sorgen. Die Entwicklung in den Innenstädten ist durch Corona extrem beschleunigt worden. Es gibt seit Jahren den Trend zum Online-Shopping, aber bisher hatte auch der Einzelhandel immer noch profitiert. Auch da gab es Wachstumsraten. Aber jetzt ist die Situation eingetreten, dass Menschen sich natürlich auch neu einrichten und an ein anderes Kaufverhalten gewöhnen. Wir brauchen runde Tische für kluge Ideen für die Städte. Ich glaube, es ist der richtige Weg, alles wieder zusammenzubringen, was ursprünglich eine europäische Stadt ausgemacht hat: Wohnen, Leben, Arbeiten, Handel, Kultur, Jahrmarkt...

Corona wird für die Stadt Leipzig erhebliche finanzielle Folgen haben, die Schulden sollen sich bis Ende 2022 auf 1,2 Milliarden Euro verdoppeln. OB Jung ist jedoch zuversichtlich, dass die Messestadt wie in den vergangenen Jahren weiterhin boomt und man die Schulden in absehbarer Zeit wieder loswerden kann.

Titelfoto: Caroline Seidel/dpa

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