Polizei-Seelsorgerin in Leipzig: Diese Einsätze sind für die Beamten besonders belastend

Leipzig - Gewalt, Lebensgefahr, Schusseinsatz, betroffene Kinder, brutale Unfälle, Beleidigungen - Polizisten erleben in ihrem beruflichen Alltag immer wieder belastende Dinge. Seit drei Jahren hilft ihnen Barbara Zeitler als Polizeiseelsorgerin in Leipzig und Umgebung. Die Theologin hat stets ein offenes Ohr für die Probleme der rund 2500 Beamten im Einsatz.

Yoga, Entlastungstraining und immer wieder Zuhören. Seit drei Jahren ist Barbara Zeitler Seelsorgerin in der Polizeidirektion Leipzig.
Yoga, Entlastungstraining und immer wieder Zuhören. Seit drei Jahren ist Barbara Zeitler Seelsorgerin in der Polizeidirektion Leipzig.  © Hendrik Schmidt/dpa

"Anfangs gab es wenig Bedarf, weil ich unbekannt war", sagt die 55-Jährige. Jetzt führe sie wöchentlich Gespräche. Aber nur etwa einmal im Vierteljahr dreht es sich dabei um berufliche Einsätze. "Es geht eher um private Probleme mit Kindern, Eltern oder dem Partner."

So wie halt bei den meisten anderen Menschen auch. "Mit dem Alltagswahnsinn im Job kommen die wenigsten zu mir, den schaffen sie meist", sagte sie.

Der Job als Polizist sei schon eine besondere Herausforderung und bedeute ein Spannungsfeld, sagt Leipzigs Polizeipräsident René Demmler. "Wenn dann noch ein belastendes Ereignis hinzukommt, kann es zu einer Überforderung kommen."

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Oft spürten die betroffenen Beamten erst nach einer gewissen Zeit die Belastung. "Manchmal gibt auch der Vorgesetzte einen Hinweis an die Seelsorgerin."

Besonders belastend für die Kollegen seien Einsätze, in denen Kinder betroffen sind oder gar verletzt werden, erläutert die Polizeiseelsorgerin. Aber auch eine Schussabgabe im Dienst, verletzte Kollegen bei Einsätzen oder schwere Unfälle könnten Konflikte auslösen.

Sie nennt die Beamten inzwischen ihr Kollegen. "Warum auch nicht? Ich habe jeden Tag mit ihnen zu tun, und wir begegnen uns auf Augenhöhe - egal in welcher Position oder Funktion."

"Sie darf als eine der wenigen auch ohne Termin zu mir kommen", betont der Polizeipräsident. Zeitler sei inzwischen so etwas wie ein Seismograf der Organisation und spüre früh, wenn es latent Probleme gibt. Zum Teil begleitet Zeitler sogar die Beamten auf Einsätze und ist oft auch bei den wöchentlichen Leitungskonferenzen dabei.

Unabhängig von der eigenen Überzeugung Grundrechte von Demonstranten wahren

Sie hatte Anlaufschwierigkeiten, ehe das nötige Vertrauen aufgebaut war. Nun ist sie fester Bestandteil, sogar in der Führungsriege. Hier mit Leipzigs Polizeipräsident René Demmler.
Sie hatte Anlaufschwierigkeiten, ehe das nötige Vertrauen aufgebaut war. Nun ist sie fester Bestandteil, sogar in der Führungsriege. Hier mit Leipzigs Polizeipräsident René Demmler.  © Hendrik Schmidt/dpa

Im November hatte sie mit 20 Beamten der Kriminalpolizei ein zweitägiges Entlastungstraining in einem Kloster in Ostritz absolviert. Diese Kollegen sind vor allem mit schweren Gewaltverbrechen wie Mord oder Totschlag beschäftigt.

"Gestartet sind wir mit Yogaeinheiten zur Auflockerung. Dann wurden viele Gespräche darüber geführt, was bei ihnen vom Dienst ankommt und was sie davon nach Hause mitnehmen", erklärt Zeitler. Ihr ist wichtig, einen Rahmen anzubieten und dann der Entwicklung Raum zu lassen.

Seit der Corona-Pandemie haben in Leipzig vor allem die Einsätze bei Demonstrationen enorm zugenommen. Waren es 2019 noch 760 Versammlungen mit 85 Polizeieinsätzen, wurden dieses Jahr bis Ende Oktober schon 905 Versammlungen mit 201 Einsätzen registriert. "Das fordert die Beamten nachhaltig, weil sie immer im Fokus sind", sagt Polizeipräsident Demmler.

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Bei den Versammlungen mit Gegendemonstrationen stünden die Beamten immer in der Mitte und müssten unabhängig von der eigenen Überzeugung die Grundrechte aller Teilnehmer wahren. "Das beschäftigt die Kollegen auch in den Nachbesprechungen und wir spüren, dass wir uns darum kümmern müssen."

Zeitlers Vertrag läuft insgesamt sechs Jahre und kann einmal verlängert werden. "Das ist aber bei der langen Einarbeitungszeit aber auch notwendig." Mittlerweile könne sie an alle Türen anklopfen und mindestens einmal auch durchgehen.

Titelfoto: Hendrik Schmidt/dpa

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