Katastrophale Bilanz in 2020: Wie geht es für die Messe Leipzig weiter?

Leipzig - Die Bilanz der Messebranche für 2020 ist katastrophal. Auch zu Beginn des neuen Jahres legt Corona das Geschäft weiter lahm. Trotzdem sind die Chefs der Leipziger Messe zuversichtlich.

270 Projekte - Messen, Kongresse, andere Veranstaltungen - mussten 2020 wegen Corona abgesagt werden.
270 Projekte - Messen, Kongresse, andere Veranstaltungen - mussten 2020 wegen Corona abgesagt werden.  © Gerald Krauser

Im Corona-Jahr 2020 hat es in der Messebranche reihenweise Absagen gehagelt. Auch das erste Quartal im neuen Jahr sieht nicht besser auf. Wie sich die Leipziger Messe trotzdem zurück Richtung Normalität tastet, erläutern die beiden Geschäftsführer Martin Buhl-Wagner und Markus Geisenberger im dpa-Interview.

Frage: Das Jahr 2020 war als Geschäftsführer der Leipziger Messe ...

Buhl-Wagner: ... für uns persönlich wie als Haus ein schwieriges Jahr - mit zuversichtlichem Ausblick.

Frage: Wie viele Veranstaltungen, die Sie 2020 geplant hatten, haben Sie durchführen können?

Buhl-Wagner: Wir haben 150 Projekte im Januar und Februar sowie von August bis Oktober durchgeführt. Und wir haben 270 Projekte - Messen, Kongresse, andere Veranstaltungen - abgesagt.

Frage: Wie wirkt sich das auf den Umsatz der Messe aus?

Buhl-Wagner: Es ist noch zu früh, das final zu beurteilen. Wir werden grob ein Drittel des geplanten Umsatzes erreichen.

Frage: Von dem Drittel haben Sie auch im vorigen Frühjahr schon gesprochen gehabt. Die Veranstaltungen im Herbst, die möglich waren, konnten also nicht mehr viel verbessern?

Buhl-Wagner: Daran können Sie erkennen, dass ein sehr großer Teil des Umsatzes in den Monaten Januar und Februar geleistet wurde. Von August bis Oktober erzielten wir zwar weiteres Volumen, aber der größte Umsatz beruhte auf Projekten, die wir in den ersten beiden Monaten vor Beginn der Pandemie noch in Präsenz umsetzen konnten.

Frage: Nur ein Drittel des Umsatzes bedeutet herbe Verluste für die Messe. Wie viel Hilfe erwarten Sie von den Gesellschaftern, dem Land Sachsen und der Stadt Leipzig?

Buhl-Wagner: Uns liegt noch kein Jahresabschluss vor, viele Dinge gestalten sich noch volatil. Aber wir haben das Commitment unserer Gesellschafter. Sie stärken uns den Rücken, wofür wir sehr dankbar sind. Welche Zahl dann schlussendlich stehen wird, sehen wir.

Sind die Messe-Mitarbeiter immer noch in Kurzarbeit?

2020 war kein leichtes Jahr für die Messebranche. Geschäftsführer der Leipziger Messe, Martin Buhl-Wagner, blickt dennoch frohen Mutes in die Zukunft.
2020 war kein leichtes Jahr für die Messebranche. Geschäftsführer der Leipziger Messe, Martin Buhl-Wagner, blickt dennoch frohen Mutes in die Zukunft.  © Boris Streubel/Getty Images for DFB

Geisenberger: Wir haben die Situation 2020 aus zwei Perspektiven betrachtet: Welche Maßnahmen brauchen wir, um wirtschaftlich gegenzusteuern? Was müssen wir gleichzeitig tun, um wettbewerbs- und handlungsfähig zu bleiben, das heißt, wie können wir die Situation strategisch nutzen?

Um Ihre Frage konkret zu beantworten: Natürlich haben wir das Instrumentarium Kurzarbeit eingesetzt, weil es eine hervorragende Möglichkeit ist, Arbeitsplätze zu sichern. Es geht uns darum, Kompetenzen im Haus zu behalten, damit wir, wenn das Geschäft wieder anläuft - und das wird sicher kommen! - startklar sind.

Frage: Entlassungen waren bei der Leipziger Messe kein Thema?

Geisenberger: Nein. Wir haben von Anfang an in Arbeitsplatzsicherung gedacht. Aber wir wollten auch strategisch vorankommen. Daher haben wir jetzt die Paint Expo, die Weltleitmesse für industrielle Lackiertechnik, erworben. Sie verfügt über erhebliches Entwicklungspotenzial.

Wir haben im großen Umfang digitale Formate entwickelt und die Digitalisierung unserer Abläufe vorangetrieben. Im ersten Quartal 2021 finden drei weitere digitale Veranstaltungen statt: Das Gaming-Festival Dreamhack als Home-Edition, das Messedoppel Intec/Z, und wir werden die Protect plus, die sich mit dem Thema des Schutzes kritischer Infrastrukturen beschäftigt, auf ausdrücklichen Wunsch der Branche ebenfalls digital durchführen. Für all das brauchen wir unsere motivierte und fähige Mannschaft.

Frage: Für das erste Quartal 2021 sind schon Messen abgesagt worden. Wann gehen Sie davon aus, dass Sie wieder zu einem halbwegs normalen Geschäft mit Präsenzmessen zurückkehren können?

Buhl-Wagner: Die Präsenzveranstaltungen bis in den März sind wesentlich abgesagt. Die einzige Veranstaltung, die in diesem Zeitraum noch stattfindet, ist die Partner Pferd. Danach folgen ab April in Präsenz die großen Anlaufprojekte agra, med logistica, Turnfest 21, Internationales Transportforum, Leipziger Buchmesse. Wir setzen darauf, dass wir im zweiten Quartal mehr Sichtbarkeit bekommen.

Wie gut funktionieren aus Ihrer Sicht die Digital- und Hybridformate?

Das leere Messegelände ist kein schöner Anblick. Das soll sich möglichst 2021 schon wieder ändern.
Das leere Messegelände ist kein schöner Anblick. Das soll sich möglichst 2021 schon wieder ändern.  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Geisenberger: Sie können Bestimmtes leisten, und sie können Bestimmtes definitiv auch nicht leisten. Sicher ist, der Standard der Digitalisierung hat sich nach oben gedreht und wird in dieser Höhe auch verharren. So werden die Präsenzmessen, die nächstes Jahr anstehen, weiterhin über digitale Elemente verfügen - zum Beispiel um die Anmeldung, die Kontaktanbahnung oder die Weiterbearbeitung der Kontakte zu verbessern.

Es werden sich dazu - ergänzend - neue rein digitale Formate etablieren. Aber wir bleiben fest davon überzeugt, dass der Kern eines jeden Geschäftsabschlusses - Vertrauen schaffen - nur im Rahmen einer Präsenzveranstaltung funktioniert. Das Erlebnis des Live-Formats vor Ort lässt sich digital nicht ersetzen.

Frage: Und Publikumsmessen lassen sich ohnehin nicht ins Internet verlagern?

Buhl-Wagner: Wir mussten uns sehr schnell mit digitalen Formaten befassen und haben viel probiert. Jetzt kristallisiert sich heraus, was nutzbar und sinnvoll ist, was vielleicht nur einen kleinen Hype hatte, oder was der Markt nicht annimmt.

Hier sprechen wir von technischen Erweiterungen, von neuen Marktsegmenten, oder über die virtuelle Erreichbarkeit von Teilnehmern, die real nie gekommen wären. Aber die Pandemie zeigt überdeutlich die Unverzichtbarkeit von Präsenz-Messen und -Kongressen. Insofern gehen wir weiter von Präsenz-Formaten aus, die wir dann jeweils sinnhaft virtuell ergänzen oder flankieren.

Frage: Was funktioniert im Messebereich denn digital überhaupt nicht?

Buhl-Wagner: Händeschütteln und mit einem Glas Bier anstoßen. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir wollen uns persönlich erleben, um Sympathie zu entwickeln und Vertrauen zu fassen. Nur so entsteht Zusammenarbeit.

Frage: Wie werden die Präsenzmessen im zweiten Quartal aussehen?

Buhl-Wagner: Unser Hygienekonzept Safe Expo bildet selbstverständlich die Grundlage jeglicher Veranstaltung. Wir haben im Herbst bewiesen, dass wir mit ihm sehr gut Messen und Kongresse durchführen können.

Frage: Das heißt, die ersten Messen 2021 werden trotzdem unter Pandemie-Bedingungen laufen und es wird noch dauern, bis die alten Formate zurückkehren?

Geisenberger: Das ist in der Tat ein bisschen Glaskugel. Wir legen unser Hygienekonzept zugrunde. Aber das Thema Impfen wird hoffentlich ein großer Game-Changer. Ich denke, dass wir wirklich mit Zuversicht ins neue Jahr gehen können. Wir glauben fest an die Zukunft von Messen und Kongressen in Präsenzform.

Titelfoto: Gerald Krauser

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