Anwohner im Leipziger Schneegefängnis: Kein Insulin für Pflegebedürftige!

Von Anke Brod

Leipzig - Eine Woche weiße Pracht = sieben Tage Ohnmacht! Für einige Leipziger ist dieser Jahrhundertwinter eine Katastrophe, vor allem wenn sie in ungeräumten Nebenstraßen oder am Feldrand wohnen. "Bei den Schneemassen kommt kein Rettungsdienst mehr durch", klagten Betroffene aus dem südöstlichen Umland TAG24 nun ihr Leid. Da helfe nur Eigeninitiative, hieß es. Der städtische Winterdienst und Bauhöfe hinkten mit ihren Räumungen kräftig hinterher.

Anwohner des Zaucheblick bekommen die Schneemassen mit purer Muskelkraft nicht beiseite geräumt.
Anwohner des Zaucheblick bekommen die Schneemassen mit purer Muskelkraft nicht beiseite geräumt.  © Anke Brod

"Zum wiederholten Male ist der Zaucheblick in Holzhausen durch Schneeverwehungen derart eingeschneit, dass es für die Anwohner nicht möglich ist, ihre Grundstücke zu verlassen", monierte etwa Frank Schütze (40).

Das sei nicht nur am Tag des Schneefalles so, sondern noch tagelang. "Im Notfall könnte nicht einmal der Rettungsdienst zu den Häusern gelangen", so der Journalist.

Er sagte: "Die Mitarbeiter des Winterdienstes müssen nun durch harte Arbeit, die Bürger ihrerseits mit vielen Einschränkungen erdulden, was in der Stadtpolitik seit Jahren offensichtlich keine Rolle mehr spielt - Dienst am Bürger!"

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Als Bewohner einer Nebenstraße habe man längst resigniert aufgegeben und nehme hin, dass man zwar immer pünktlich und vollumfänglich die Steuern zahlen müsse, im Gegenzug jedoch von der Stadtverwaltung nicht die volle Leistung erhalte, ärgerte sich Schütze.

"Dass mich die Stadt auf ihrer Webseite mit langen Texten darauf hinweist, dass ich vor dem Grundstück meinen Schneeräumpflichten nachkommen soll, wirkt da wie ein schlechter Treppenwitz", meinte er erbost und wunderte sich:

"Mir wird sogar ermöglicht, meinen Nachbarn anzuzeigen, falls er diesen Pflichten nicht nachkommt. Angesichts der aktuellen Situation macht mich das wütend - selbst nicht liefern, aber von anderen fordern!"

"Überraschender Wintereinbruch": Anwohner sind erbost

Ein Radlader schaffte den Schnee im Baalsdorfer Kirchweg weg.
Ein Radlader schaffte den Schnee im Baalsdorfer Kirchweg weg.  © privat

"Wir können von Glück sprechen, dass uns Nachbarn mit Bagger und Traktor halfen, wenigstens wieder die Grundstücke verlassen zu können", freute er sich - auch wenn der Müll stehenblieb.

Eine ähnliche Situation habe es bereits 2018 gegeben. Die Stadt könne sich folglich nicht mit einem "überraschenden Wintereinbruch" herausreden. "Wir Anwohner haben damals die Aufstellung eines Schneefangzaunes angeregt, auch jetzt wieder", betonte der Leipziger. Er kritisierte, dass hingegen am Haus des Oberbürgermeisters im Ort gar der Radweg blitzblank gefegt sei.

Ein privater Radladerfahrer hatte in Baalsdorf den ebenso zugeschneiten Kirchweg vom hinderlichen Weiß befreit. "Unseren Obolus spendete er komplett an krebskranke Kinder", berichtete Anwohnerin Ina Fahsel (59). Die Grundschulleiterin schilderte: "Alle kamen heraus, haben sich herzlich bedankt, die Autos gestartet und den Rest sauber geräumt." Und die drei pflegebedürftigen Anwohner der Straße hätten vor Freude geweint.

Schneezäune verlangte man hier bis dato wohl ebenfalls vergebens von den Verantwortlichen, auch der Eigenkauf wurde abgelehnt. "Wir haben es 2018 und nun einmal mehr erlebt, dass über das freiliegende Feld Schneemassen kommen, die sich nicht mit Muskelkraft beseitigen lassen", erläuterte Fahsel.

Das sei zudem teils im Vorjahr beseitigten Bäumen und Sträuchern geschuldet.

Zuhause zugeschneit: Patientin blieb zwei Tage lang unversorgt

Schneefangzäune wie dieser an der Mölkauer Straße verhindern Verwehungen.
Schneefangzäune wie dieser an der Mölkauer Straße verhindern Verwehungen.  © Anke Brod

"Eine Katastrophe", schrie es förmlich aus Schwester Sylke Prüfer (51), Leiterin der Engelsdorfer Sozialstation/Volkssolidarität, heraus.

Sie resümierte: "Für unsere Pflegekräfte war kein Durchkommen, wir konnten im Kirchweg zwei Tage lang eine Patientin nicht anfahren. Zum Glück habe eine Anwohnerin jenen Radladerfahrer um Hilfe gebeten. "Hier muss etwas für Pflegedienste passieren, wir haben ja auch Patienten, die regelmäßig ihr Insulin brauchen", verdeutlichte sie.

Die städtische Pressestelle verwies die TAG24-Anfrage zu Schneezäunen nach viertägigem Schweigen letztlich am Freitag - für uns zu spät - an die Stadtreinigung.

Auf deren Website heißt es: "Darüber hinaus stellt der Winterdienst an 46 besonders verwehungsgefährdeten Stellen insgesamt rund 21 Kilometer Schneefangzäune auf." - Die Kriterien hierfür bleiben allerdings ebenso offen wie die Frage, weshalb man betroffene Bürger in kleinen Straßen wie dem Zaucheblick oder Kirchweg nicht richtig ernst nimmt...

Titelfoto: Anke Brod

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