Fahrer an der Belastungsgrenze: Gewerkschaft NGG kritisiert Arbeitsbedingungen bei Lieferando

Leipzig - Dank Corona hat das Liefergeschäft einen unglaublichen Boom erfahren – auch in Leipzig. Während Marktführer Lieferando damit glänzende Geschäfte macht, sind die Bedingungen für Fahrerinnen und Fahrer jedoch mehr als fragwürdig, wie nun die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisiert.

Ein Fahrer von Lieferando auf dem Weg zur nächsten Lieferung in Leipzig. Die NGG hat nun heftige Kritik an den Arbeitsbedingungen für die Lieferanten geübt.
Ein Fahrer von Lieferando auf dem Weg zur nächsten Lieferung in Leipzig. Die NGG hat nun heftige Kritik an den Arbeitsbedingungen für die Lieferanten geübt.  © Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Es könne nicht sein, dass Essenslieferdienste, die zu den Gewinnern der Corona-Krise gehörten, ihre Geschäfte auf dem Rücken der Beschäftigten machten. "Lieferando muss sich endlich zu fairen Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen bekennen", forderte Jörg Most, Geschäftsführer der NGG-Region Leipzig-Halle-Dessau.

Die Pandemie habe dazu geführt, dass immer mehr Menschen in Leipzig ihr Essen im Internet bestellen. "Aber die Fahrerinnen und Fahrer, die bei jedem Wetter unterwegs sind, arbeiten zu Niedriglöhnen und teils am Rand der Belastungsgrenze", sagt Jörg Most, Geschäftsführer der NGG-Region Leipzig-Halle-Dessau.

Die Gewerkschaft kritisierte insbesondere den "Anreiz zu Akkordarbeit", den Lieferando seinen Mitarbeitern anbietet. "Um über den Einstiegsverdienst von nur zehn Euro pro Stunde hinauszukommen, müssten die Beschäftigten möglichst viele Bestellungen in möglichst kurzer Zeit ausliefern. Ab der 25. Bestellung zahle Lieferando einen Zuschlag von 25 Cent pro Order, ab dem 100. Auftrag gebe es einen Euro mehr", so das System laut NGG.

Für die Fahrerinnen und Fahrer bedeutet dies zusätzlichen Druck. Jede Ampel koste wertvolle Zeit. "Um schnell voranzukommen, setzen sie häufig ihre Gesundheit aufs Spiel", so Most.

NGG appelliert an die Beschäftigten

Die Fahrerinnen und Fahrer würden teils ihre Gesundheit riskieren. Gleichzeitig würden Lohnzahlungen teils ausbleiben.
Die Fahrerinnen und Fahrer würden teils ihre Gesundheit riskieren. Gleichzeitig würden Lohnzahlungen teils ausbleiben.  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Es ist jedoch nicht der einzige Kritikpunkt, den die NGG auflistet.

  • Der Arbeitsschutz werde nach Beobachtung der Gewerkschaft nicht ernst genommen. Die von Lieferando gestellten E-Bikes sollen häufig nicht richtig gewartet und nur bedingt verkehrssicher sein. Wer hingegen mit dem eigenen Rad unterwegs ist, müsse die Kosten für Reparaturen meist selbst zahlen.
  • Die Kuriere setzen sich beim Abliefern einer erhöhten Infektionsgefahr aus. Nach neuer Corona-Verordnung muss Lieferando seinen Fahrerinnen und Fahrern zwei kostenlose Corona-Tests pro Woche anbieten, weil sie viel Kundenkontakt haben. Nach Beobachtung der NGG sind die Testangebote des Anbieters bislang aber unzureichend.
  • Darüber hinaus passiere es immer wieder, dass Lohnzahlungen zu spät kommen oder sogar ausbleiben.

NGG-Geschäftsführer Most appellierte an die Beschäftigten, Rat bei der Gewerkschaft zu suchen. Je mehr Fahrerinnen und Fahrer sich für ihre Belange einsetzten, desto schneller könnten tarifliche Standards für die Lieferbranche ausgehandelt werden.

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Es ist nicht das erste Mal, dass es Kritik an Lieferando hagelt. Das Unternehmen landete bereits zuvor wegen prekärer Arbeitsbedingungen im öffentlichen Fokus. Gastronomen, die wegen der Corona-Beschränkungen nur außer Haus verkaufen können, kritisieren die hohen Provisionen von bis zu 30 Prozent des Umsatzes. In Leipzig sorgte zuletzt die Erhöhung der Liefergebühren für Missmut.

Nach dem Verschwinden anderer Marken wie Lieferheld und Dilveroo gilt Lieferando unter den Online-Essensbestelldiensten in Deutschland als unangefochtener Marktführer. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz des Mutterkonzerns "Just Eat Takeaway" nach Unternehmensangaben um 54 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro.

Titelfoto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

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