Leipziger Gewandhaus-Orchester mit Impfrekord: Wie ist das gelungen, Herr Schulz?

Leipzig - In Dresden sorgt sich Chefdirigent Christian Thielemann (62) ob niedriger Impfquote um die Spielfähigkeit der Staatskapelle bei den Salzburger Osterfestspielen im April. Bei dem anderen großen sächsischen Orchester kennt man solche Probleme nicht. Im Leipziger Gewandhaus ist die Impfquote rekordverdächtig hoch. Wir sprachen mit Gewandhausdirektor Andreas Schulz (60).

Das Gewandhausorchester mit Dirigent Andris Nelsons (43) im vollbesetzten Gewandhaus. Die Aufnahme ist aus 2016. Nelsons ist seit 2017 Chefdirigent des Orchesters.
Das Gewandhausorchester mit Dirigent Andris Nelsons (43) im vollbesetzten Gewandhaus. Die Aufnahme ist aus 2016. Nelsons ist seit 2017 Chefdirigent des Orchesters.  © Marco Borggreve

TAG24: Herr Schulz, das Gewandhausorchester verzeichnet mehr als 90 Prozent geimpfter Musiker*innen. Das ist besonders, auch weil das Orchester mit 185 Planstellen das größte in Deutschland ist. Es haben sich also nicht nur prozentual, sondern auch in absoluten Zahlen sehr viele Orchestermitglieder impfen lassen. Die Quote in anderen Orchestern, so weit bekannt, überschreitet kaum die 70 Prozent. Sind Gewandhausmitglieder klüger oder haben sie größere Angst vorm Virus als andere?

Andreas Schulz: Bevor die verschiedenen Impfstoffe zugelassen worden sind, mussten sich alle entsprechend testen lassen. Gemeinsam mit dem Personalrat sowie dem Orchestervorstand haben wir zum Thema "Testungen" eine interne Dienstvereinbarung abgeschlossen.

Schon zu diesem Zeitpunkt konnten wir auf eine breite Zustimmung beim Orchester bauen. Dies gilt übrigens auch für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung. Zusätzlich haben wir Vollversammlungen abgehalten, wozu wir Fachärzte eingeladen haben, die umfangreich informiert haben.

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In Abstimmung mit der Stadt und dem Mitteldeutschen Institut für Arbeitsmedizin (Betriebsarzt) konnten wir dann sehr schnell für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leipziger Eigenbetriebe ein Impfangebot machen. Dies ist seitens des Gewandhausorchesters sehr intensiv wahrgenommen worden. Darüber hinaus haben wir immer wieder ermuntert, auch Impfungen beim Hausarzt durchführen zu lassen.

Heute haben wir eine Impfquote von circa 95 Prozent im Orchester. Darüber bin ich sehr dankbar. Zudem gehen alle Kolleginnen und Kollegen, auch die, die noch nicht geimpft sind, sehr verantwortungsvoll mit den Regeln des Betrieblichen Maßnahmenkonzepts zum Schutz vor Covid-19 des Gewandhauses um.

Wir haben ein sehr dichtes Testregime, das alle – ohne Einschränkungen – wahrnehmen. Durch die hohe Impfquote sowie das strikte Testregime haben wir beispielsweise viele Medienprojekte realisieren können.

Es wird regelmäßig und umfassend zum Thema Impfen informiert

Gewandhausdirektor Andreas Schulz (60).
Gewandhausdirektor Andreas Schulz (60).  © Gert Mothes

Eines der Zauberworte zurzeit ist Kommunikation. Funktioniert irgendwo irgendetwas nicht, sei es schlecht kommuniziert worden, heißt es dann. Der Umkehrschluss sagt, dass etwas, das funktioniert, gut kommuniziert worden sein muss. Wie ist das Orchester das Thema Impfung angegangen?

Es gab – wie schon gesagt – Vollversammlungen, aber auch regelmäßige Mails der Betriebsleitung sowie die Orchesterbüros, in denen wir umfangreich informiert haben. Auch der Orchestervorstand sowie der Personalrat haben uns dabei intensiv unterstützt.

Mit diesen Gremien treffen wir – also die Betriebsleitung – uns regelmäßig jede Woche, um einen engen Austausch zu gewährleisten.

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Musste Überzeugungsarbeit geleistet werden?

Nein.

Gab es Ansagen vom Gewandhausdirektor oder haben Sie anderweitig Einfluss genommen?

Nein, es gab keine Ansagen. Ich habe immer wieder für das Impfen geworben, aber gleichzeitig auch um gegenseitigen Respekt, wenn dies jemand nicht machen möchte. Diese schwierige Situation zerrt an uns allen und erfordert viel Verständnis.

Dennoch machen wir aktiv Angebote, so zum Beispiel Anfang Januar einen Booster-Impftermin, der wiederum allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Eigenbetriebe Kultur zur Verfügung steht. Auch hier gibt es eine hohe Teilnehmerquote.

Gewandhaus entschied schon vor Staatsregierung, dass die Schließzeit verlängert wird

Ihr Orchestervorstand Matthias Schreiber beklagt den "Wellenbrecher" genannten Lockdown in Sachsen, da alles getan worden sei, "um den Konzertbetrieb sicher zu machen für das Publikum mit 2G". Gleichwohl hat das Gewandhaus im November die Schließzeit noch vor der Entscheidung der Staatsregierung aus eigenem Antrieb bis 9. Januar verlängert. Warum?

Die Leipziger Kulturbürgermeisterin Frau Dr. Jennicke hat schon Ende November mit allen Leitern der kulturellen Eigenbetriebe ausführlich die Lage und die Entwicklung diskutiert. Unter Beachtung der Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr sowie den deutlich ansteigenden Inzidenzzahlen war klar, dass eine Öffnung Mitte Dezember nicht stattfinden wird.

Daher wurde nach umfangreicher Abstimmung, auch mit dem Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, die Entscheidung getroffen, die Eigenbetriebe bis 9. Januar 2022 zu schließen. So ist es dann ja auch später in der Corona-Notfall-Verordnung Sachsen festgelegt worden.

Was, meinen Sie, wäre der richtige Weg, unter Pandemiebedingungen mit Kultur umzugehen?

Die Frage zum jetzigen Zeitpunkt ist doch vielmehr, wie man allgemein mit der Pandemiebekämpfung umgeht. Kulturelle Angebote und Institutionen sind Teil unserer Gesellschaft und sind nachweislich keine Pandemietreiber – andererseits bieten sie jedoch wichtige Rückzugs- und Dialogräume für Menschen, die sich verunsichert fühlen.

Wenn aber grundsätzliche Entscheidungen dazu führen, dass die gesundheitliche Gefährdungssituation so katastrophal ist, wie sie sich derzeit darstellt, sind wir von den fälligen Notfallentscheidungen eben auch betroffen.

Ich hoffe sehr, dass wir so bald wie möglich wieder öffnen können, gern auch mit 2G oder 2Gplus-Regeln. Wir wollen wieder für unser Publikum da sein.

Titelfoto: Bildmontage/Marco Borggreve/Gert Mothes

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