Leipziger Professor in Ägypten: Ein Sachse auf dem Weg zum Klimagipfel

Leipzig - Am Sonntag beginnt die UN-Klimakonferenz COP 27 im ägyptischen Scharm el-Scheich. Auch Prof. Dr. Reimund Schwarze (62) wird als Beobachter mit dabei sein. Der Klimaökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig untersucht seit mehr als 18 Jahren internationale Klimaverhandlungen aus politisch-ökonomischer Perspektive. TAG24 sprach vorab mit ihm über den Klimagipfel.

Die Industrieländer sollen die armen Länder, die vom Klimawandel besonders betroffen sind, finanziell entschädigen.
Die Industrieländer sollen die armen Länder, die vom Klimawandel besonders betroffen sind, finanziell entschädigen.  © Leonid Sorokin

TAG24: Herr Schwarze, welche Bedeutung hat der Weltklimagipfel in Scharm el-Scheich?

Prof. Dr. Schwarze: Die Welt schaut bei der COP 27 vor allem darauf, ob die Versprechen von Glasgow eingelöst werden. So hatten sich die Staaten darauf geeinigt, sich schneller von der Kohleverbrennung zu verabschieden und die Klimaziele für 2030 bereits zum Gipfel im Scharm el-Scheich nachzuschärfen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Bis 2023 wollen die Industrieländer auch ihr Versprechen einlösen, für den Klimaschutz in ärmeren Ländern jährlich 100 Milliarden US-Dollar zu mobilisieren.

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TAG24: Nehmen der Ukraine-Krieg und die daraus resultierenden Krisen Einfluss darauf?

Prof. Dr. Schwarze: Die Kriege und Krisen dieses Jahres haben die Umsetzung dieser Beschlüsse definitiv schwerer gemacht. Ich sehe hier so gut wie keine Fortschritte. Die internationalen Klimaverhandlungen werden aber routiniert weitergehen.

"Beschlüsse von Paris geben klare Zielorientierungen und Regeln vor"

Der Ukraine-Krieg hat die Klimaziele der Glasgow-Konferenz ausgebremst.
Der Ukraine-Krieg hat die Klimaziele der Glasgow-Konferenz ausgebremst.  © -/AP/LIBKOS/dpa

TAG24: Was bringen Verhandlungen, wenn sie dann nicht umgesetzt werden?

Prof. Dr. Schwarze: Das Versagen bei den Selbstverpflichtungen der Industrieländer von Glasgow und das Versagen beim Pariser Abkommen sind nicht gleichzusetzen. Die Beschlüsse von Paris geben klare Zielorientierungen und Regeln zur Umsetzung vor.

Wie wirksam solche Normen sein können, belegt die schnelle Reaktion der Bundesregierung auf das Verfassungsgerichtsurteil vom Juni letzten Jahres. Hier wurde kurzerhand der Klimaschutzrahmen in 2030 um 10 Prozent enger gesetzt und das Klimaneutralitätsziel um fünf Jahre auf 2045 vorgezogen.

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Wir haben zwar auf internationaler Ebene kein solches oberstes Gericht, das die Nationalstaaten in gleicher Weise zum Handeln zwingen könnte, aber der Druck und die zwischenstaatlichen Schuldzuweisungen wachsen, sodass mit noch schärferen Regelwerken der UN in der Zukunft zu rechnen ist.

"Es gilt einen Sonderfonds auf UN-Ebene zu schaffen"

Prof. Dr. Reimund Schwarze (62) ist Klimaökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und Professor an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).
Prof. Dr. Reimund Schwarze (62) ist Klimaökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und Professor an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).  © Sebastian Wiedling/UFZ

TAG24: Was sind die drängendsten Probleme, die in Ägypten auf der Agenda stehen?

Prof. Dr. Schwarze: Bestimmendes politisches Problem wird das Thema "Loss and Damage" sein, also die finanzielle Unterstützung der von klimabedingten Schäden heute schon am stärksten betroffenen Länder. Dazu gilt es einen Sonderfonds auf UN-Ebene zu schaffen, der Betroffenen wirksam hilft und außerdem künftige Schäden verringert und vermeidet.

TAG24: Deutschland hat als einziges Industrieland dazu einen Vorschlag, den des "Global Shield Against Climate Risks", eingebracht.

Prof. Dr. Schwarze: Es ist sicher noch nicht die Antwort auf alle beim Thema "Loss and Damage" aufgeworfenen Probleme. Aber es ist ein konkretes Hilfsprogramm, das gut gegenüber der humanitären Hilfe abgegrenzt ist und helfen kann, Brücken zu bauen.

Es ist ohnehin nur für fünf bis zehn besonders verletzliche "Pfadfinderstaaten" gedacht, um deren spezifische Notlagen und geeignete Bewältigungsstrategien zu identifizieren. Für einen globalen "Loss and Damage"-Fonds ist es daher allenfalls beispielgebend.

"Ich rechne mit einer Verdopplung der Aufwendungen des BMZ"

Besonders die Menschen in den armen Ländern Afrikas leiden unter den immer häufiger werdenden und länger andauernden Klimakatastrophen.
Besonders die Menschen in den armen Ländern Afrikas leiden unter den immer häufiger werdenden und länger andauernden Klimakatastrophen.  © IMAGO/Gallo Images

TAG24: Was würde das den Steuerzahler hierzulande kosten?

Prof. Dr. Schwarze: Für das erwähnte "Global Shield" rechne ich mit einer Verdopplung der Aufwendungen des BMZ (Anm. d. Red.: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) aus den bisherigen Versicherungsprogrammen für Entwicklungsländer.

Diese betrugen 6,9 Millionen Euro in 2021 an Entwicklungshilfemitteln aus Deutschland und 203 Millionen US-Dollar, die gemeinsam von der Kreditanstalt für Wiederaufbau und anderen Entwicklungsbanken der Welt aufgebracht wurden.

Sie dürften mit dem "Global Shield" auf mindestens 14 Millionen Euro für Deutschland und ca. 400 Millionen Euro für die Aufbauhilfen der Entwicklungsbanken der Welt ansteigen.

TAG24: Was wünschen Sie sich persönlich von dieser Klimakonferenz?

Prof. Dr. Schwarze: Dass es eine bürokratiearme Lösung für den "Loss and Damage"-Sonderfonds gibt, dass es beim Handel mit Emissionsrechten aus Waldschutz und –aufbau nicht durch die Hintertür zu einer Aufweichung der strengen grünen Standards kommt und dass die Kluft zwischen der Klimabewegung und der internationalen Klimapolitik nicht durch die Verhandlungen größer wird.

Mehr Infos: www.helmholtz-klima.de/weltklimagipfel-scharm-el-scheich

Titelfoto: Montage: Leonid Sorokin; Sebastian Wiedling/UFZ

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