Medizinische Fakultät Leipzig: Großes Interesse an neuem Studiengang "Hebammenkunde"

Leipzig - Seit einem Jahr gibt es nun schon den dualen Studiengang Hebammenkunde an der Medizinischen Fakultät in Leipzig. Trotz Corona ist der Run auf die Studienplätze groß.

Die Studentin Laura versucht, mit einem Hörrohr die Herztöne eines Kindes einer schwangeren Übungspuppe in der Lernklinik der Medizinischen Fakultät zu vernehmen.
Die Studentin Laura versucht, mit einem Hörrohr die Herztöne eines Kindes einer schwangeren Übungspuppe in der Lernklinik der Medizinischen Fakultät zu vernehmen.  © Jan Woitas/dpa

Erstmals dürfen Lea (20) und Laura (19) in der Lernklinik Leipzig der Medizinischen Fakultät Hand anlegen. Bianca Hünlich zeigt den jungen Frauen anhand eines Simulationsmannequins mit dickem Babybauch, wie sie von außen die Lage des Kindes ertasten können. Das ist Teil des ersten Semesters im Modul "Hebammenhandeln in der Schwangerschaft".

"Anfangs sind die Studierenden noch etwas zurückhaltend und trauen sich nur vorsichtig den Bauch abzutasten", sagt die Lehrkraft für Hebammenkunde. Die beiden jungen Frauen studieren mit 24 Kommilitoninnen seit Anfang April Hebammenkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig.

Mehr als 20 Jahre hat es gedauert, bis die Ausbildung der Hebammen in Deutschland angehoben wurde. Vor mehr als einem Jahr trat das neue Hebammengesetz in Kraft und die Ausbildung wurde akademisiert. Seitdem gilt grundsätzlich: Wer Hebamme werden will, muss ein Bachelorstudium absolvieren.

Deutschland war damit das letzte Land in der Europäischen Union, das die Hebammenausbildung akademisiert hat.

Corona-Pandemie stellt Hebammen-Studium vor Schwierigkeiten

Die Studentinnen üben das Ertasten der Lage eines Kindes an einer schwangeren Übungspuppe.
Die Studentinnen üben das Ertasten der Lage eines Kindes an einer schwangeren Übungspuppe.  © Jan Woitas/dpa

Damit es kurzfristig keinen Engpass bei der Hebammenausbildung gibt, hat der Gesetzgeber jedoch Übergangsregelungen für die Ausbildung an Schulen beschlossen: Bis Ende 2022 können Hebammenschulen noch neue Kurse starten. Bis 2027 müssen alle Hebammen diese Ausbildung dann abgeschlossen haben.

"Durch das Studium wird endlich das hohe Niveau, auf dem Hebammen arbeiten, widergespiegelt", sagt die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, Ulrike Geppert-Orthofer anlässlich des Welthebammentages am 5. Mai.

Aber: "Schon jetzt tritt ein, was wir verhindern wollten: Kliniken bieten Hebammen mit Bachelor-Abschluss mehr Geld, obwohl sich die Tätigkeiten nicht unterscheiden", sagt Geppert-Orthofer. Sie fordert daher eine Gleichstellung der bisherigen Ausbildung mit dem neuen Bachelor-Abschluss.

Der Run auf die Studienplätze sei groß, nun gelte es, schnell genügend Studienplätze zur Verfügung zu stellen. "Uns ist bewusst, dass dies während der Corona-Pandemie eine große Herausforderung darstellt", so Geppert-Orthofer. Der Verband vertritt die Interessen von mehr als 20.000 Hebammen in Deutschland.

In den ersten Wochen gab es für die angehenden Hebammen in Leipzig wegen der Corona-Pandemie ausschließlich Online-Vorlesungen. "

Viel Anatomie, Gewebelehre aber auch biowissenschaftliche Grundlagen und Einführung in wissenschaftliches Arbeiten standen auf dem Lehrplan", sagt Laura Mieke aus Leipzig über ihre ersten Wochen im Studium.

Die Füße der Übungspuppe eines Neugeborenen gucken unter einer Decke hervor.
Die Füße der Übungspuppe eines Neugeborenen gucken unter einer Decke hervor.  © Jan Woitas/dpa

Absolventen der Hebammenkunde auch für Forschung qualifiziert

Auch das Aufnehmen eines Neugeborenen will gelernt sein.
Auch das Aufnehmen eines Neugeborenen will gelernt sein.  © Jan Woitas/dpa

Das duale Studium umfasst in Leipzig sieben Fachsemester. Es gliedert sich in einen theoretischen Teil an der Medizinischen Fakultät der Universität und einen berufspraktischen Teil im Krankenhaus und umfasst jeweils mindestens 2200 Stunden.

Die Studierenden schließen dafür Ausbildungsverträge mit kooperierenden Krankenhäusern ab und erhalten eine Ausbildungsvergütung.

Das Skills- und Simulationszentrum LernKlinik Leipzig der Medizinischen Fakultät wurde im Juli 2019 eröffnet. Hier lernen neben angehenden Hebammen auch Humanmedizinstudierende und Ärzte etwa bei Weiterbildungen, aber auch Studierende der Zahnmedizin und Pharmazie.

Der Vorteil dieser studiengangsübergreifenden Nähe: Die angehenden Hebammen werden auch von studentischen Tutorinnen und Tutoren aus anderen Studiengängen der Medizinischen Fakultät angeleitet. Für beide Seiten ein Gewinn.

"Wir hatten im europäischen Vergleich schon immer eine sehr hochwertige Ausbildung", sagt Henrike Todorow, Fachbereichsleiterin Hebammen an der Medizinischen Fakultät der Uni Leipzig. Was jetzt hinzukomme, sei das wissenschaftliche Arbeiten. Die Studierenden lernten richtig zu recherchieren, Studien zu bewerten und die systematische Suche. Mit dem akademischen Abschluss könnten die Absolventen auch in der Forschung oder der Lehre bleiben. "Dadurch sind die Karrierechancen vielfältiger geworden."

Zudem profitierten die Studierenden von dem Fachwissen an der Universität. "An der Uni vermitteln ausschließlich Experten ihres Gebietes wie in der Inneren Medizin, Psychologie und Ethik ihr Wissen", erläuterte Todorow.

Zuletzt dürfen Lea und Laura an diesem Tag das täuschend echt wirkende Babymannequin der Mutter nach dem Stillen richtig auf die Brust legen. Das sogenannte Bonding dient der Bindung zwischen Mutter und Kind. Es klappt. "Und sie haben Freude dabei. Das ist wichtig", lobt Bianca Hünlich die Studentinnen.

Titelfoto: Jan Woitas/dpa

Mehr zum Thema Leipzig Lokal:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0