Keine Mietexplosion, Tausende Leerstände: Überraschende Lage auf Leipziger Wohnungsmarkt

Leipzig - Steigende Mieten, immer mehr Zugezogene, nicht genug Wohnungen - das sind womöglich die ersten Assoziationen, die einem beim Thema "Leipziger Wohnungsmarkt" in den Kopf schießen. Doch die Wohnungsgenossenschaften der Messestadt klären auf: Die Realität sieht anders aus.

(v.l.n.r.): Wolf-Rüdiger Kliebes, Mirjam Luserke und Jörg Keim klärten in der Pressekonferenz über die momentane Situation auf dem Leipziger Wohnungsmarkt auf.
(v.l.n.r.): Wolf-Rüdiger Kliebes, Mirjam Luserke und Jörg Keim klärten in der Pressekonferenz über die momentane Situation auf dem Leipziger Wohnungsmarkt auf.  © IMMOCOM

In der jährlichen Pressekonferenz der Genossenschaften, die momentan einen Mietmarktanteil von 16,2 Prozent aufweisen können, wurde ein anderes Bild der Leipziger Wohnsituation präsentiert.

Jörg Keim (Wohnungsbau-Genossenschaft Kontakt e. G.), Wolf-Rüdiger (VLW - Vereinigte Leipziger Wohnungsgenossenschaft eG) und Mirjam Luserke (Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e. V.) betonten dabei immer wieder: In Leipzig gibt es Wohnraum für jeden!

Der Haken an der Sache: Zwar könne hier jeder eine Wohnung finden, jedoch oft nicht in dem Stadtteil seiner Wahl. 

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Während Viertel wie Connewitz, die Südvorstadt oder Lindenau zu wahren Ballungszentren mit nur wenig verfügbarem Wohnraum geworden sind, sieht das in den "unbeliebteren" Teilen der Stadt schon ganz anders aus.

Davon seien vor allem "Außenbezirke" wie Grünau oder Mockau betroffen: Dort sind die Mieten zwar vergleichsweise günstig, die Wohnlage, Freizeitangebote und kulturelle Einrichtungen aber noch nicht übermäßig anziehend. Junge Leute ziehe es eher in lebendige, bunte Bezirke nahe des Zentrums - die aber natürlich um einiges teurer sind.

Düstere Prognose: Sog zu den Hotspots führt zu Segregation

Das Leipziger Zentrum zieht besonders viele Menschen an - deshalb sind die Mieten hier höher als in anderen Stadtteilen.
Das Leipziger Zentrum zieht besonders viele Menschen an - deshalb sind die Mieten hier höher als in anderen Stadtteilen.  © 123rf/ Jakob Fischer

Diese lokale Spaltung der Leipziger Bewohner nach Einkommen könnte nach Einschätzungen der Wohnungsgenossenschaften schon bald fatale Folgen nach sich ziehen. Die Rede ist unter anderem von Segregation.

Man könne eine Sogwirkung in Richtung der Leipziger "Hotspots" erkennen - oftmals aber zu Lasten der "unbeliebteren" Stadtteile. Der Fokus der Verbesserungen und Investitionen würde auf lange Sicht auf die zentralen, einwohnerstarken Leipziger Stadtteile verschoben werden, wodurch die übrigen Bezirke systematisch geschwächt werden.

Kurz gesagt: Während in den Hotspots die Mieten weiter steigen und sich die Menschen um Wohnraum streiten müssen, stehen in den Außenbezirken die Wohnungen leer. Personen mit einem geringeren Einkommen hätten kaum eine Chance, ihre benachteiligteren Stadtteile zu verlassen und etwa nach Plagwitz oder Connewitz zu ziehen.

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Die Lösung der Genossenschaften klingt einfach, ist aber schwer umzusetzen: Man müsse die unbeliebteren, einwohnerschwachen Bezirke stärken und auch für junge Leute attraktiv gestalten. So würden die Hotspots entzerrt werden und der Mietspiegel würde sich im gesamten Stadtgebiet wieder einpendeln.

Die Leipziger Wohnungsgenossenschaften wünschen sich mehr Investitionen, sozialen Wohnungsbau und Freizeitangebote in Bezirken wie Grünau. Dadurch sollen sie für Mieter attraktiver werden und die bisherigen "Hotspots" entzerren.
Die Leipziger Wohnungsgenossenschaften wünschen sich mehr Investitionen, sozialen Wohnungsbau und Freizeitangebote in Bezirken wie Grünau. Dadurch sollen sie für Mieter attraktiver werden und die bisherigen "Hotspots" entzerren.  © Anja Jungnickel

Wohnungsknappheit? Explodierender Mietmarkt? Fehlanzeige!

Ein weiterer wichtiger Punkt der Pressekonferenz war die angebliche Wohnungsknappheit in Leipzig. Die sei tatsächlich nur ein Mythos. In der Messestadt stehen nach Einschätzungen der Genossenschaften momentan mindestens 10.000 Wohnungen leer! Die meisten davon befinden sich jedoch, wie bereits erwähnt, in den Außenbezirken, die kaum im Fokus der Berichterstattung über die Stadt Leipzig liegen. So würde ein verzerrtes Bild nach außen getragen werden.

Und auch das Bild von Leipzig, der Stadt mit einem überwältigendem Bevölkerungszuwachs und den dadurch explodierenden Mieten, sei faktisch falsch: Die Messestadt sei mit einer durchschnittlichen Nettokaltmiete von 5,14 Euro pro Quadratmeter im bundesweiten Vergleich noch immer sehr günstig! Außerdem gehe der Zuzug seit einiger Zeit entgegen der meisten Annahmen eindeutig zurück, anstatt explosionsartig zuzunehmen. 

In Leipzig herrsche also keineswegs ein angespannter Wohnungsmarkt. Dennoch endete die Pressekonferenz mit einem Appel an die Stadt: Es sei an der Zeit, über den Tellerrand von Connewitz und Co. hinauszublicken und an den Randbezirken sowie dem Umland zu arbeiten. So würde man die Stadt endlich wieder als großes Ganzes sehen, anstatt sie nach Stadtteilen einzuordnen.

Titelfoto: 123rf/ Jakob Fischer

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