Plädoyers im Halle-Prozess: Die Abrechnung der Überlebenden

Magdeburg - Im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle haben nach der Bundesanwaltschaft auch erste Überlebende und deren Anwälte ihre Schlussvorträge gehalten.

Der angeklagte Stephan B. steht zu Beginn des 22. Prozesstages zwischen seinen Verteidigern Hans-Dieter Weber (l.) und Thomas Rutkowski im Verhandlungssaal.
Der angeklagte Stephan B. steht zu Beginn des 22. Prozesstages zwischen seinen Verteidigern Hans-Dieter Weber (l.) und Thomas Rutkowski im Verhandlungssaal.  © Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

Nicht der Täter Stephan B. sondern die Überlebenden sollten im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle eine Bühne bekommen, hatten vor Prozessbeginn deren Anwälte gefordert.

Am Dienstag begannen die 21 Vertreterinnen und Vertreter der Nebenklage mit ihren Plädoyers und kamen dabei zu dem Ergebnis, dass dies in den bisher 22 Prozesstagen gut gelungen sei - vor allem dank der couragierten, persönlichen und oft sehr emotionalen Aussagen der Augenzeugen und Hinterbliebenen des Anschlags. Ihnen zollten alle der zehn Nebenklage-Anwälte, die am Dienstag plädierten, tiefen Respekt.

Verachtung äußerten sie hingegen erneut für den Anschlag. "Sie haben gar nichts bewegt mit ihrer Tat" rief Anwalt Erkan Görgülü in seinem Plädoyer dem Angeklagten zu. Görgülü vertritt den Vater des vom Attentäter getöteten 20-jährigen Kevin S..

Der Attentäter hatte nach eigenen Angaben versucht, möglichst viele Juden und Ausländer zu töten. Am Ende tötete er zwei nicht jüdische Deutsche.

"Sie saßen immer nur im Kinderzimmer!" Nebenkläger richten sich an Stephan B.

Erkan Görgülü, Nebenklageanwalt und Vertreter des Vaters von Kevin S., gibt während einer Verhandlungspause des 22. Prozesstages ein Interview.
Erkan Görgülü, Nebenklageanwalt und Vertreter des Vaters von Kevin S., gibt während einer Verhandlungspause des 22. Prozesstages ein Interview.  © Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

Auch sonst habe der ausbildungs-, arbeits- und freundelose Junggeselle auf der Anklagebank nichts aus seinem Leben gemacht - anders als der getötete Sohn seines Mandanten, so Görgülü.

Der war mit einer geistigen Behinderung geboren worden, lange Zeit, so der Anwalt, sei nicht mal klar gewesen, ob er das Erwachsenenalter überhaupt erreicht.

Kevin S. und seine Familie hätten aber nie aufgegeben und dem jungen Mann schließlich seinen Platz in der Gesellschaft erkämpft. Wenige Tage vor seinem Tod erst hatte Kevin S. eine Ausbildung angetreten.

"Das alles hätten Sie auch gekonnt", sagte Görgülü dem regungslosen Angeklagten. "Stattdessen saßen Sie in Ihrem Kinderzimmer."

Der Angeklagte hatte nach seinem Abitur keine weiteren Abschlüsse erreicht, nie gearbeitet und in den Wohnungen seiner Eltern gewohnt. Der Attentäter hatte seine Tat gefilmt und dabei auch dokumentiert, wie er den wehrlosen und um sein Leben flehenden Kevin S. mit mehreren Schüssen tötete. "Sie haben ihn nicht nur erschossen, Sie haben ihn qualvoll hingerichtet", so Görgülü.

Am 9. Oktober 2019 hatte ein Terrorist zunächst versucht, die Synagoge von Halle zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Der Angreifer scheiterte an der massiven Tür, erschoss daraufhin die Passantin Jana L. und später in einem Döner-Imbiss Kevin S.. Auf der anschließenden Flucht verletzte er weitere Menschen.

Er gestand die Taten und begründete sie mit rassistischen und antisemitischen Verschwörungserzählungen.

Urteil für Stephan B.: Bekommt Halle-Attentäter die Höchststrafe?

Erkan Görgülü (r), Nebenklageanwalt und Vertreter des Vaters von Kevin S., unterhält sich vor Beginn des 22. Prozesstages mit Onur Özata, Nebenklageanwalt und Vertreter der Brüder Tekin, die zum Zeitpunkt des Angriffs in dem beschossenen Döner-Imbiss in Halle gearbeitet hatten.
Erkan Görgülü (r), Nebenklageanwalt und Vertreter des Vaters von Kevin S., unterhält sich vor Beginn des 22. Prozesstages mit Onur Özata, Nebenklageanwalt und Vertreter der Brüder Tekin, die zum Zeitpunkt des Angriffs in dem beschossenen Döner-Imbiss in Halle gearbeitet hatten.  © Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

Die Bundesanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer Mitte November die Höchststrafe gefordert: Eine lebenslange Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung und die Feststellung der besonderen Schwere der Tat.

Viele der Nebenkläger waren dem Verfahren auch jenseits ihrer Aussagen weite Teile im Gerichtssaal gefolgt. So auch Ismet Tekin, der am Tag des Anschlags im Döner-Imbiss gearbeitet hatte und grad in diesen zurückkehren wollte, als der Terrorist angriff.

Als erster Nebenkläger nutzte Tekin die Gelegenheit, auch selbst das Wort zu ergreifen und dankte unter anderem der vorsitzenden Richterin Ursula Mertens dafür, dass die Überlebenden so ausführlich in dem Verfahren zu Wort gekommen waren. Andere Nebenkläger, die am Dienstag verhindert waren, ließen von ihren Anwälten Erklärungen verlesen.

Darin warnten Überlebende aus der Synagoge erneut davor, den Antisemitismus in Deutschland zu unterschätzen. Das unterstrich auch Nebenklage-Anwältin Kristin Pietrzyk und erklärte erneut, dass es sich bei dem Angeklagten "mitnichten" um einen Einzeltäter handele. Zwar habe der Mann den Anschlag allein durchgeführt. Auch habe er nie an Fackelmärschen oder sonstigen herkömmlichen Veranstaltungen von Rechtsextremen teilgenommen.

Der Attentäter habe sich aber jahrelang in rechtsextremen Strukturen im Internet radikalisiert, vorbereitet und bewaffnet. "Nur weil wir nicht sehen, was wir alle kennen, heißt es nicht, dass es nicht existiert", warnte Pietrzyk.

Titelfoto: Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

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