Vor 50 Jahren auf Geheiß Moskaus: So sang- und klanglos wurde Walter Ulbricht entmachtet

Leipzig - Der greise Walter Ulbricht wusste gar nicht, wie ihm geschah. An diesem frühen Morgen im Mai 1971 fuhren unverhofft Limousinen mit bewaffneten Personenschützern vor und besetzten jeden Eingang seiner Sommerresidenz in der Schorfheide. Auch die Telefonleitungen waren tot. Dann erschien sein "Kronprinz" Erich Honecker, den er selbst noch vor einem knappen Jahr in die Wüste schicken wollte. Ausgerechnet Honecker, über den er immer seine schützende Hand gehalten hat, zwingt Ulbricht nun zum Abdanken – der 77-Jährige soll als Generalsekretär der Partei zurücktreten. Vor 50 Jahren gab es einen "leisen" Putsch in der DDR – doch wie konnte es dazu kommen?

Der Sachse Walter Ulbricht war über 20 Jahre an der Macht. Beliebt war er aber nie.
Der Sachse Walter Ulbricht war über 20 Jahre an der Macht. Beliebt war er aber nie.  © imago images/Werner Schulze

Schon vor der Staatsgründung war Walter Ulbricht der starke Mann Moskaus in der DDR. Der in Leipzig geborene Spitzbart mit der sächselnden Fistelstimme wurde zum Architekten des sozialistischen Staates auf deutschem Boden. Er baute eine stalinistische Apparatschik-Diktatur auf, die eine Opposition nicht zuließ. Auf den 20 Jahre jüngeren Honecker konnte er immer zählen – auch beim Mauerbau 1961.

Nach diesem einschneidenden Ereignis hatte der "große Vorsitzende" aber seine eigenen Ideen, die im Zentralkomitee der Partei nicht auf begeisterte Zustimmung stießen. So hatte er eine ihm eigene Sichtweise auf die Entwicklung der Architektur oder der Jugendkultur. Doch besonders seine Wirtschaftsreformen sollten die Parteispitze spalten.

Mit seinem "Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung" sollte die Richtlinienkompetenz zwar noch bei der Parteiführung bleiben. Die konkreten Entscheidungen sollten aber dort fallen, wo auch die Sachkompetenz sitzt – also in den Betrieben und Kombinaten. Vor Ort bedeutete dies, dass auch weniger linientreue Fachleute etwas zu sagen hatten, was wiederum einer Entmachtung der hauptamtlichen Partei-Bonzen entsprach.

Dieser Wandel wirkte sich Mitte der 1960er-Jahre immerhin positiv auf den Lebensstandard aus. Der staatliche Handel konnte mehr Konsumartikel anbieten, Netto-Einkommen stiegen und Waschmaschinen, Kühlschränke, Fernseher oder der Trabi waren keine unerreichbaren Luxusgüter mehr. Ulbrichts Kritiker mussten die Füße noch stillhalten.

"Gegen das Altern ist kein Kraut gewachsen"

Der Saarländer Erich Honecker - hier 1972 - rückte die DDR wieder fest an die Seite der Sowjetunion.
Der Saarländer Erich Honecker - hier 1972 - rückte die DDR wieder fest an die Seite der Sowjetunion.  © imago images/Werner Schulze

Doch Walter Ulbricht gewann Höhenluft. Vor den sozialistischen Bruderstaaten philosophierte er vom erfolgreichen "Modell DDR" als Vorbild, was in Moskau für Ärger sorgte. Schon bald drosselte die Sowjetunion zugesicherte Lieferungen, um den aufmüpfigen Ulbricht auf die Abhängigkeit vom "Großen Bruder" aufmerksam zu machen.

Um seine hochgesteckten wirtschaftlichen Ziele dennoch zu erreichen, erwog Ulbricht tatsächlich eine Kooperation mit dem "Klassenfeind". Ermutigt durch die Entspannungspolitik des SPD-Kanzlers Willy Brandt schwebte ihm 1970 gar eine wirtschaftliche Konföderation mit der Bundesrepublik vor. Dafür hätte er sogar die Verhandlungen um die staatsrechtliche Anerkennung der DDR zurückgestellt. Das war dann aber doch zu viel.

Im Sommer 1970 kam es zu einer geheimen Vereinbarung zwischen Erich Honecker und dem sowjetischen Partei- und Staatschef Leonid Breschnew, dass Walter Ulbricht die Macht abzugeben hatte. Im Januar 1971 unterschrieben mehr als die Hälfte der Politbüro-Mitglieder einen siebenseitigen Geheimbrief an Breschnew mit der Bitte um Entmachtung. Der offerierte Ulbricht, dass er keine Unterstützung durch die Sowjetunion mehr zu erwarten habe.

Und so stand Erich Honecker am 3. Mai 1971 in Ulbrichts Ferienhaus und ließ ihn sein Rücktrittsgesuch unterschreiben. Gegen das Altern sei kein Kraut gewachsen, stand in dem Brief ans Zentralkomitee, weshalb er die Führung der Partei in jüngere Hände, nämlich die des 58-jährigen Erich Honecker legen möchte. Die Öffentlichkeit in der DDR nahm das als glaubwürdig auf.

Ulbricht durfte noch Staatsratsvorsitzender bleiben, bekam aber seine Kompetenzen reduziert. Er erhielt das gesichtswahrende Ehrenamt "Vorsitzender der SED", welches das Parteistatut gar nicht vorsah. Honecker hingegen trimmte die DDR-Wirtschaft wieder auf den Planungsmodus der 50er-Jahre und begann die Verstaatlichung vieler mittelständischer Betriebe. Moskau hatte wieder einen zuverlässigen Vasallen.

"Königsmörder" Honecker ereilte das gleiche Schicksal

Auch "Kronprinz" Egon Krenz (re.) holte sich für seinen Putsch den Segen aus Moskau.
Auch "Kronprinz" Egon Krenz (re.) holte sich für seinen Putsch den Segen aus Moskau.  © imago images/photothek

Auch der greise Erich Honecker ahnte am 17. Oktober 1989 nicht, dass nun er weggeputscht wird. Der 77-Jährige begrüßte alle 23 Politbüro-Mitglieder per Handschlag und fragte, ob es weitere Vorschläge zur Tagesordnung gibt.

Sein enger Vertrauter Willi Stoph hob die Hand: "Ich schlage als ersten Punkt die Entbindung des Genossen Erich Honecker von seiner Funktion als Generalsekretär und die Wahl von Egon Krenz zu seinem Nachfolger vor."

Im Vorfeld hatten auch hier die Umstürzler Kontakt nach Moskau aufgenommen und zur Sicherheit bewaffnete Stasi-Leute vor der Tür postiert. Honecker musste sich eine Stunde lang schlimmste Vorwürfe seiner vermeintlichen Freunde anhören. Stasi-Chef Mielke drohte ihm gar mit Dokumenten aus seinem Giftschrank.

Bei der Abstimmung hob auch Honecker die Hand – Einstimmigkeit der Partei war fast eine Religion.

Am Folgetag musste ein sichtlich gebrochener Honecker vor dem Zentralkomitee ein diktiertes Rücktrittsgesuch verlesen: aus gesundheitlichen Gründen.

"Kronprinz" Egon Krenz und den anderen Umstürzlern waren keine weiteren 18 Jahre gegönnt – sie wurden von den Zehntausenden auf Leipzigs Straßen und in anderen Städten hinweggefegt.

Titelfoto: Montage imago images/Werner Schulze

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