Wo sind die Gebeine verstorbener Leipziger aus der Paulinerkirche?

Von Anke Brod

Leipzig - Im Dunkeln ist gut munkeln. Anders ausgedrückt: Wo sind die Gebeine vermutlich 800 verstorbener Leipziger aus der gesprengten Paulinerkirche abgeblieben? Dieser Frage widmete sich der Historiker Friedemann Meißner jetzt per Vortrag im Stadtarchiv auf der Alten Messe.

Zum Vortrag über den Verbleib der Gebeine aus der Paulinerkirche begrüßte Stadtarchiv-Direktor Dr. Michael Ruprecht (l.) den Historiker Friedemann Meißner.
Zum Vortrag über den Verbleib der Gebeine aus der Paulinerkirche begrüßte Stadtarchiv-Direktor Dr. Michael Ruprecht (l.) den Historiker Friedemann Meißner.  © Anke Brod

Am 30. Mai 1968 wurde die Kirche St. Pauli am Leipziger Augustusplatz auf Beschluss der SED gesprengt. Die Details der nur einwöchigen Räumungsaktion vor der Sprengung geben bis heute Rätsel auf. Insbesondere bleibt offen, wo die zahlreichen Gebeine aus den drei Gruftetagen unter dem Gotteshaus hinkamen. 

Denn im Laufe der über 700-jährigen Geschichte war St. Pauli über 200 Jahre hinweg als Grablege für Bestattungen honoriger Bürger und Professoren genutzt worden. 

"Er lag ungefähr bekleidet wie Luther", zitierte Friedemann Meißner den in der Messestadt lebenden Zeitzeugen Wilfried Krause (78). Dieser hatte demnach am 24. und 25 Mai 1968 für jeweils zwölf Stunden als Bauarbeiter und unter Schweigegebot die Grüfte unter dem Kirchenschiff "beräumt". Nicht verweste Leichname barg er hierbei zum Verladen und Umbetten in Kindersärge. Auf allen drei Etagen hätten "Tote in prächtiger Kleidung" gelegen, so die Erinnerung. 

Den Arbeitern habe man erzählt, die Leichen kämen auf den Südfriedhof. Laut Krauses zeitlicher Wegewahrnehmung hätten die abtransportierten Kindersärge dieses Ziel aber eher nicht erreicht. 

Rätsel um Gebeine immer noch ungelöst

Momentaufnahmen der Etzoldsche Sandgrube in Probstheida.
Momentaufnahmen der Etzoldsche Sandgrube in Probstheida.  © Anke Brod

Auf den Südfriedhof gelangte offenbar einzig der im Jahre 1746 verstorbene - und wie einst Luther in ein schwarzes Gewand gehüllte - Wundarzt Daniel Schmid samt Gattin Dorothea.

Letztlich bleibe das Rätsel zum Verbleib der Gebeine aus der Universitätskirche ungelöst, betonte Meißner. Der Historiker riet: "Diese Frage kann nur interdisziplinär geklärt werden." 

Wohin aber kamen die ganzen Kindersärge wirklich?

Dazu fehlen bis dato entscheidende Unterlagen sowie weitere Zeitzeugen. So will damals ein Baggerführer bei der Restbergung im Geröll doch noch Gebeine sowie einen Zinksarg bemerkt haben.

Nach Meißners Recherchen wurden im Übrigen lange zuvor in den Jahren 1896 bis 1898 bei Umbauarbeiten Grüfte in der Paulinerkirche mit Bauschutt verfüllt. 

Die frühere Aktenlage lasse hier keine Bergungen erkennen. 

Liegen in der Sandgrube Menschenknochen?

"Nach der Sprengung der Paulinerkirche 1968 wurden vor Ort vermutlich noch Gebeinreste ausgebaggert und nach Probstheida in die Etzoldsche Sandgrube verbracht", meinte Meißner. 

Hierhin kamen die Trümmer der gesprengten Paulinerkirche. Später wurde dort auch der Schutt der Reudnitzer Markuskirche abgekippt. Jenes Gotteshaus wurde 1978 wegen Baufälligkeit gesprengt. 

Der Vortragsbesucher Dr. Ulrich Stötzner (83) schließt nicht aus, dass in der Sandgrube Gebeine liegen. Er war von 2004 bis 2019 Vorsitzender des Paulinervereins und ist Kurator der Stiftung Universitätskirche St. Pauli. "Wir waren schon einmal fast soweit, dort zu graben", informierte er. Allerdings hätte das konsultierte Tiefbauunternehmen für die Öffnung der Deponie bis in 25 Meter Tiefe im Kostenvoranschlag drei bis fünf Millionen Euro genannt. 

Die Sprengung der Paulinerkirche riss bei vielen Leipzigern eine tiefe Wunde ins Herz. Zur Klärung der genauen Umstände suchen die Historiker nun weitere Zeitzeugen.

Liegen in der Tiefe die verschwundenen Gebeine?
Liegen in der Tiefe die verschwundenen Gebeine?  © Anke Brod

Sie können sich beim Paulinerverein unter der Telefonnummer 03419839976 melden oder eine Mail schreiben: paulinerverein@t-online.de.

UPDATE, 25. September, 7.10 Uhr:

Wie der Vorsitzende des Paulinervereins, Wilfried Richard, TAG24 inzwischen ergänzend mitteilte, waren der Chirurg Daniel Schmidt und der Dichter Christian Fürchtegott Gellert die einzigen Persönlichkeiten, deren Gebeine 1968 auf den Südfriedhof überführt worden sind.

Dr. Manfred Wurlitzer hat dies intensiv erforscht und in "Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig: Kunstwerke Grabstätten missachtet zerstört vergessen" (2011) dokumentiert.

Titelfoto: Anke Brod

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