Theaterstück zum Magdeburg-Anschlag: Ist "Wunde Stadt" berührend oder pietätlos?

Magdeburg - Es ist das wohl umstrittenste Theaterstück der letzten Jahre: Das Schauspiel "Wunde Stadt", was sich mit dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt beschäftigt, feierte am Samstagabend Premiere am Theater Magdeburg. Im Vorlauf gab es sogar Proteste gegen das Stück, Vorwürfe von Pietätlosigkeit wurden laut, eine Absage wurde gefordert. Aber was steckt wirklich hinter der Inszenierung?

Das Theater Magdeburg feierte Premiere des Theaterstücks "Wunde Stadt" zum Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt.  © Theater Magdeburg/Kerstin Schomburg

Das Theater hatte am Samstagabend an alles gedacht: Eine Durchsage warnte vor den Inhalten des Stücks, Zuschauer durften jederzeit den Saal verlassen, wenn es zu viel wurde, und im Foyer wurden Seelsorger bereitgestellt. Deutliche Anzeichen dafür, dass diese schwierige Thematik ausdrücklich ernst genommen wird.

Das Schauspiel stammt von Kevin Rittberger und stellt weder die Geschehnisse des Anschlags nach, noch gibt es dem Todesfahrer eine Bühne – im Gegenteil.

Die zehn Ensemblemitglieder stellen Menschen in einer Selbsthilfegruppe dar, wo jeder von seinen eigenen Erlebnissen klagt. Eine Künstlerin, die nicht mehr malen kann; eine Ersthelferin, die eine Frau vor sich sterben sah; eine Krankenschwester mit Migrationshintergrund, die nach dem Anschlag mehr angefeindet wird als vorher.

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Rittberger begleitete ein Jahr lang Betroffene und befragte sie zum Anschlagsabend und den folgenden Monaten. Die Aussagen der Opfer finden sich ungefiltert in "Wunde Stadt" wieder und werden mal in kurzen Monologen, mal in Sprechchören wiedergegeben.

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"Wunde Stadt" über Wut, Trauer und ein vereinendes Trauma

Die Inhalte des Stücks stammen aus Gesprächen mit den Betroffenen.  © Theater Magdeburg/Kerstin Schomburg

Die Charaktere beklagen körperliche sowie seelische Schmerzen, Wut und Trauer, aber auch Frust gegenüber dem Staat, der Stadt, dem Täter und der Bürokratie.

Rittberger schafft es bewundernswert gekonnt, das Leid, was durch den Anschlag ausgelöst wurde, in einen größeren geschichtlichen Kontext einzuordnen. Neben den Gedenksteinen der Toten liegen goldene Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus: Tod und Trauer hat es in unserer Stadt schon immer gegeben.

Die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und der größere Zuspruch gegenüber rechtsextremen Parteien, der in den Monaten nach der Todesfahrt verzeichnet werden konnte, rückt ebenfalls in den Fokus der Diskussion.

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Die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe sprechen ihr Leid deutlich an, jeder mit einer anderen Erfahrung und Meinung. Dabei wird das Gesagte kaum kommentiert oder eingeordnet.

"Wunde Stadt" gibt keine Antworten, stellt aber die richtigen Fragen: Was gehört zum Heilungsprozess? Wie schnell schlägt Wut in Hass um? Wie kann dieses vereinende Trauma, was in einer ganzen Stadt steckt, überwunden werden? Und ist das überhaupt möglich?

Ist "Wunde Stadt" einen Besuch wert?

Lohnt sich der Besuch von "Wunde Stadt"?  © Theater Magdeburg/Kerstin Schomburg

Fazit: "Wunde Stadt" ist berührend – egal, wie sehr man vom Anschlag betroffen ist. Kunst und Kultur können ein guter Partner in der Trauer- und Trauma-Bewältigung sein und das hat das Theater Magdeburg bewiesen.

Sowohl Autor, Regisseur als auch die zehn Schauspieler gehen sanft, anmutig und würdevoll an ihre Mammutaufgabe. Das Schauspiel überzeugt mit starken, ehrlichen und emotionalen Texten und bleibt durchweg taktvoll, wofür sich das Publikum am Premierenabend mit stürmischen Ovationen bedankte.

Wenn man ein solches Ereignis, was an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist, künstlerisch umsetzen möchte, so geht es kaum anders und kaum besser als "Wunde Stadt" am Theater Magdeburg.

Weitere Vorstellungen findet Ihr im Spielplan des Theaters.

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