Wohin mit dem Atommüll? Bayern kritisiert Gorleben-Aus, Bundesbehörde wehrt sich

München - Der stellvertretende Ministerpräsident Bayerns, Hubert Aiwanger (Freie Wähler), glaubt nicht an eine rein wissenschaftliche Suche nach einem Atommüll-Endlager.

Bergleute und Gäste gehen durch das ehemaligen Erkundungsbergwerk. Bei der Suche nach einem Atommüll-Endlager in Deutschland ist der Salzstock Gorleben in Niedersachsen aus dem Rennen.
Bergleute und Gäste gehen durch das ehemaligen Erkundungsbergwerk. Bei der Suche nach einem Atommüll-Endlager in Deutschland ist der Salzstock Gorleben in Niedersachsen aus dem Rennen.  © Philipp Schulze/dpa

Die aktuelle Corona-Krise zeige, welchen Einflüssen die Wissenschaft bei der Lösung von gesellschaftlichen Problemen ausgesetzt sei, sagte Aiwanger im Deutschlandfunk am Montagmorgen. "Ich glaube, dass am Ende die Wissenschaft wieder politischen Kriterien ausgesetzt ist."

Es werde auch einen politischen Wettkampf geben, um das Endlager möglichst vom eigenen Bundesland fernzuhalten, sagte Aiwanger. "Das ist leider zu befürchten, dass jedes Bundesland sagen wird: "Ich bin ungeeignet für diese Hinterlassenschaft.""

Ihm graue schon vor jahrzehntelangen zähen Debatten. Mit Gorleben habe man geglaubt fast am Ziel zu sein. "Jetzt geht die ganze Soße wieder von vorne los."

Angesprochen auf die prinzipielle Ablehnung eines Endlagers in Bayern sagte Aiwanger: "Wir arbeiten ohnehin an einem Endlager, dass schon knapp zwei Milliarden Euro verschlungen hat und jetzt heißt es plötzlich: Dieser Standort sei ungeeignet. Das eröffnet die Debatte wieder ganz neu." 

Diese Entwicklung mache Angst, dass es bei der nächsten Standortsuche ähnlich laufen könnte, erklärte Aiwanger.

"Jetzt geht die ganze Soße wieder von vorne los": Aiwanger fürchtet politisierte Debatte

Hubert Aiwanger (49, Freie Wähler), glaubt nicht an eine rein wissenschaftliche Suche nach einem Atommüll-Endlager.
Hubert Aiwanger (49, Freie Wähler), glaubt nicht an eine rein wissenschaftliche Suche nach einem Atommüll-Endlager.  © Sven Hoppe/dpa

Im bayrischen Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass Bayern aus Sicht der Koalitionspartner der CSU und Freien Wählern kein geeigneter Standort für ein Endlager sei.

Am Montag legt die Bundesgesellschaft BGE ihren sogenannten Zwischenbericht Teilgebiete vor. 

Dieser weist Gebiete aus, die nach geologischen Kriterien für ein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll infrage kommen. Zuvor wurde bekannt, dass der Salzstock Gorleben in Niedersachsen aus dem Rennen ist. Eine Vorfestlegung auf einen Standort ist damit aber noch nicht verbunden.

Dennoch dürfte die Debatte über die Endlagerung von hoch radioaktivem Atommüll in Fahrt kommen. Bis 2031 soll das Suchverfahren in Deutschland abgeschlossen sein, bis etwa 2050 soll das Endlager seinen Betrieb aufnehmen.

Update, 11.11 Uhr: Bayern kritisiert "Herausnahme" von Gorleben aus Endlager-Suche

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) hat die "Herausnahme" des Salzstocks Gorleben aus der Suche nach einem Endlager für Atommüll scharf kritisiert. Glauber zieht daher das gesamte Verfahren in Zweifel.

"Die Herausnahme von Gorleben ist nicht nachvollziehbar. Das weitere Verfahren hat ohne Gorleben ein Glaubwürdigkeitsproblem", erklärte Glauber am Montag in München. Man blicke deshalb sehr kritisch auf den am Montag vorgelegten Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE).

"Wir werden in unserem Einsatz nicht nachlassen. Wir werden den weiteren Prozess mit wissenschaftlicher Expertise begleiten", so Glauber. "Oberste Prämisse für ein Endlager ist der Schutz der Bevölkerung. Dazu braucht es eine absolut sichere geologische Barriere, keine technischen Nachbesserungen." 

Der Minister kündigte an, der Bericht müsse jetzt erst einmal genau geprüft werden.

Die BGE hatte zuvor ihren ersten Zwischenbericht zur Endlagersuche vorgestellt. Der Bericht definiert 90 Gebiete in Deutschland, die nach Erkenntnissen der BGE günstige geologische Voraussetzungen für ein Atommüll-Endlager vorweisen. Dabei wurden die vorhandenen Wirtsgesteine Salz, Ton und Granit untersucht. 

Der Salzstock Gorleben in Niedersachsen ist nicht mehr darunter, gleichwohl aber in der Umgebung vorhandene Tonvorkommen. Berücksichtigt man die Überlagerung einiger Gebiete, ist laut Bericht in Deutschland ein Anteil von 54 Prozent der Landesfläche als Teilgebiet ausgewiesen. 

Teilgebiete liegen etwa in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen sowie in ostdeutschen Ländern.

Update 11.21 Uhr: Bundesgesellschaft weist Kritik aus Bayern an Endlagersuche zurück

Die für die Suche nach einem Endlager für Atommüll zuständige Bundesbehörde hat jegliche Kritik am Verfahren aus Bayern kategorisch zurückgewiesen. 

"Wir arbeiten rein wissenschaftlich", sagte der Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), Stefan Studt, am Montag in Berlin. Dass Bayern die Auswahl von zerklüftetem Granitgestein nun kritisiere, sei überraschend, immerhin habe auch Bayern dem bundesweiten Suchverfahren wiederholt zugestimmt.

Das Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) kritisiere, dass auch das Granit in Bayern im Fokus stehe, spiele für die BGE keine Rolle, sagte Studt. 

Glauber hatte in der vergangenen Woche Zweifel am Verfahren angemeldet, weil der Granit in Bayern stark zerklüftet sei und für eine sichere Endlagerung technische Nachbesserungen notwendig wären.

Titelfoto: Philipp Schulze/dpa, Sven Hoppe/dpa

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