Holetschek: Wir steuern in Pflege auf "humanitäre Katastrophe" zu

München/Berlin - Personalnot, Stress und Schichtdienst - das ist der Mix in der Pflege. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (56, CSU) wählt nun drastische Worte. Bei den Ampel-Sondierungen kommt ihm das Thema zu kurz.

Personalnot, Stress und Schichtdienst in der Pflege: Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (56, CSU) hat nun drastische Worte gewählt.
Personalnot, Stress und Schichtdienst in der Pflege: Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (56, CSU) hat nun drastische Worte gewählt.  © Sven Hoppe/dpa

Der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Gesundheitsminister Holetschek, hat vor einer "humanitären Katastrophe" in der Alten- und Krankenpflege in ganz Deutschland gewarnt.

"Wenn wir die Abrechnungsmodalitäten an die erste Stelle setzen, es aber niemanden gibt, der sich um die Menschen kümmert, haben wir ein riesiges Problem", sagte der CSU-Politiker im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zum Thema.

"Aktuell laufen wir sehenden Auges in eine humanitäre Katastrophe", ergänzte Holetschek.

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Holetschek verwies auf den Personalmangel und die schwierigen Arbeitsbedingungen in der Pflege.

"Bislang ist Gesundheitspolitik ehrlich gesagt vor allem ein Thema der Finanzminister - das müssen wir ändern", forderte er und schob nach: "Wir brauchen in der Gesundheitspolitik einen großen Wurf. Die Pflege ist am Limit." Die Gesellschaft müsse sich klar darüber werden, was ihr die Pflege wert sei. "Selbstverständlich müssen wir mehr Geld in die Hand nehmen. Das Thema wird auf jeden Einzelnen zukommen, zu Hause oder im Altenheim."

Bei den Sondierungsgesprächen von SPD, FDP und Grünen auf Bundesebene sei ihm das Thema Pflege zu kurz gekommen.

"Es wundert mich schon, wenn die Pflegenden Angehörigen in dem Sondierungs-Papier mit keinem Wort erwähnt werden", sagte er. Er setze sich für die Einführung eines Pflegezeitgeldes ein, das pflegenden Angehörigen zukommt.

Deutscher Pflegerat fordert Einstiegsgehalt von 4000 Euro brutto im Monat für Pflegefachkräfte

Der Deutsche Pflegerat hatte am Mittwoch ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro brutto im Monat für Pflegefachkräfte aller Bereiche gefordert. (Symbolbild)
Der Deutsche Pflegerat hatte am Mittwoch ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro brutto im Monat für Pflegefachkräfte aller Bereiche gefordert. (Symbolbild)  © Tom Weller/dpa

Der Deutsche Pflegerat hatte am Mittwoch ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro brutto im Monat für Pflegefachkräfte aller Bereiche gefordert. Die Vorsitzende Christine Vogler erklärte, das Problem des Personalmangels komme aus ihrer Sicht für die Gesellschaft gleich nach der Klimakatastrophe.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (41, CDU) unterstützt die Forderungen nach besserer Bezahlung, verweist dabei aber auch auf die Verantwortung der Tarifpartner.

Holetschek erklärte dazu: "Bezahlung hilft, ist aber nicht das alles Entscheidende." Man brauche auch Wiedereinstiegsprogramme, sodass Pflegekräfte, die sich nach dem Abschied aus dem Job doch zur Rückkehr entschlössen, nicht automatisch in den Schichtbetrieb gezwungen würden.

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Wichtig sei für Pflegekräfte auch Planbarkeit. "Es kann nicht sein, dass sie immer wieder aus ihrer Freizeit herausgeholt werden, weil auf den Stationen und in den Heimen Mangel herrscht. Dafür sollten Springer-Pools geschaffen werden, die bei Personalausfällen zur Verfügung stehen."

Der Sozialverband VdK forderte von den potenziellen Partnern einer Ampel-Koalition weitergehende Schritte in der Gesundheitspolitik. "Gegen den Fachkräftemangel in der Pflege plant man die x-te Offensive", kritisierte Präsidentin Verena Bentele (39). Sinnvoll wäre unter anderem auch eine Stärkung der häuslichen Pflege.

In der Pflege- und Krankenversicherung fehlten schon im nächsten Jahr Milliarden. Statt jetzt die Finanzierung durch eine Zusammenlegung von gesetzlicher und privater Versicherung zu sichern, werde an der privaten Krankenversicherung festgehalten. Das sei rückwärtsgewandt, kritisierte Bentele. Gute Signale seien das klare Bekenntnis, das Renteneintrittsalter nicht steigen zu lassen, und Hartz IV zu überwinden.

Titelfoto: Sven Hoppe/dpa

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