Geschwister werden getrennt: Zu wenig Pflegefamilien in Bayern

München - Schon im Alter von drei Monaten muss der kleine Jonas (Name geändert) vom Augsburger Jugendamt in Obhut genommen werden. Seine Eltern sind psychisch krank, oft kommt es in der Familie zu Gewalt. Eine Bereitschaftspflegefamilie nimmt das Baby auf.

Gute Pflegefamilien sind in Bayern Mangelware. (Symbolbild)
Gute Pflegefamilien sind in Bayern Mangelware. (Symbolbild)  © Peter Kneffel/dpa

Doch die leibliche Mutter will ihren Sohn wiederhaben. Ein Gerichtspsychologe begutachtet sie. Neun Monate später empfiehlt er, das Kind zu seinen leiblichen Eltern zurückzubringen. Doch die Mutter ist mit der Erziehung wiederum überfordert. Erneut kommt Jonas in die Bereitschaftspflegefamilie, in der er schon war. 

Einige Monate später wechselt er mit seiner Mutter in eine Mutter-Kind-Einrichtung. Auch diese Maßnahme scheitert. Schließlich wird Jonas im Alter von zwei Jahren an eine Pflegefamilie außerhalb von Augsburg vermittelt. Heute ist er knapp drei Jahre alt.

Für Leon, der ebenfalls in Wirklichkeit anders heißt, wurde bisher keine Pflegefamilie gefunden. Der Junge ist ein halbes Jahr alt und hat ein fetales Alkoholsyndrom. Seine Mutter hat in der Schwangerschaft getrunken und ihren Sohn dauerhaft geschädigt. 

Wenige Tage nach seiner Geburt wurde Leon aus seiner Familie genommen und lebt seitdem in der Kurzpflegestelle des Augsburger Jugendamtes, die eigentlich nur eine Übergangslösung ist.

Diese zwei Fälle, die Christian Gerlinger vom Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Augsburg schildert, machen deutlich, vor welchen Schwierigkeiten Jugendämter bei der Suche nach Pflegefamilien stehen. 

Ein Kind in Pflege zu nehmen, ist nicht dasselbe wie eine Adoption. Denn wenn die leiblichen Eltern wieder in der Lage sind, das Kind zu betreuen, kann es zu ihnen zurückgebracht werden. 

Geschwister müssen getrennt werden, weil wenig Familien mehrere Kinder aufnehmen

Wenn Familien nicht mehrere Kinder aufnehmen können, müssen Geschwister getrennt werden. (Symbolbild)
Wenn Familien nicht mehrere Kinder aufnehmen können, müssen Geschwister getrennt werden. (Symbolbild)  © Cienpies Design/123RF

Man unterscheidet zwischen einerseits Bereitschafts- und Kurzpflegefamilien, die in akuten Notfällen oder befristet Kinder aufnehmen, und andererseits Vollzeitpflege, die auf Dauer angelegt ist. 

In Augsburg leben nach Angaben des städtischen Jugendamtes etwa 100 Kinder in Pflegefamilien, rund 80 hat das Amt in umliegende Landkreise vermittelt.

"Es werden in allen Bereichen dringend Pflegeeltern und -familien gebraucht", so Gerlinger. 

Vor allem sei es schwierig, Familien zu finden, die Kinder mit erhöhtem Betreuungsbedarf aufnehmen sowie Kinder ab vier Jahren. Auch müssten Geschwister oft getrennt werden, weil nur wenige Familien mehrere Kinder aufnähmen.

Aus anderen Gegenden Bayerns ist Ähnliches zu hören. "Optimal wäre, wenn für jede Altersstufe mindestens zwei Pflegefamilien zur Verfügung stehen würden. Aktuell ist es meist nur eine Familie oder weniger pro Altersstufe", sagt Juliane von Roenne-Styra, Sprecherin der Stadt Regensburg.

Familien gesucht: Schulungen, Betreuung und finanzielle Entschädigung

In München, wo Mitte 2020 rund 600 Kinder in Pflegefamilien lebten, spiele die Verwandten-Netzwerke eine immer größere Rolle, so Frank Boos, Sprecher des städtischen Sozialreferats: "Dies ist ein Ansatz zur Erschließung von Ressourcen für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen, die in der eigenen Familie nicht mehr leben können." Nach Möglichkeit bringe man die Kinder dann innerhalb der Verwandtschaft unter.

Mit Flyern, Pressearbeit und Infoveranstaltungen versuchen die Jugendämter, neue Pflegefamilien anzuwerben. Melden sich interessierte Paare, wird nach einem standardisierten Verfahren geprüft, ob sie der Aufgabe gewachsen sind. Die Ämter bieten Pflegeeltern regelmäßige Schulungen und sozialpädagogische Betreuung. Auch die finanzielle Entschädigung für Pflegeeltern durch die Jugendämter ist großzügig.

Je nach Alter des Kindes erhalten sie etwa zwischen 900 und 1100 Euro monatlich. Für Kinder mit besonders hohem Betreuungsbedarf gibt es Zuschläge zwischen 350 und 1050 Euro.

Titelfoto: Cienpies Design/123RF

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