Münchner Attentats-Opfer erzählen von Leid: Schmerzen auch 40 Jahre nach der Bombe

München - Überlebende des Oktoberfestattentats haben zum 40. Jahrestag eindrücklich ihre Geschichte geschildert und zum Kampf gegen Rechts aufgerufen. 

Dimitrios Lagkadinos, Renate Martinez, Robert Höckmayr und Gudrun Lang (v.l.n.r.), vier Überlebende des Attentats, nehmen an einer Gedenkfeier an der Theresienwiese teil.
Dimitrios Lagkadinos, Renate Martinez, Robert Höckmayr und Gudrun Lang (v.l.n.r.), vier Überlebende des Attentats, nehmen an einer Gedenkfeier an der Theresienwiese teil.  © Sven Hoppe/dpa

"Ich möchte endlich wieder auf einen Berg steigen, mit dem Rad um den Starnberger See fahren. Ich möchte einfach nur schmerzfrei drei Stunden durch den Tierpark marschieren oder beschwingt tanzen", sagte die 73-jährige Renate Martinez am Samstag bei einem Gedenken in München

Am allermeisten aber habe sie sich gewünscht, dass die Täter verurteilt werden "und im Knast landen, wo diese vielfachen Mörder längst hingehören". Solche Verbrechen dürften nie wieder geschehen.

Das Attentat dürfe nicht in Vergessenheit geraten, sagte die damals ebenfalls schwer verletzte Gudrun Lang. Sie habe ihre erste große Liebe verloren. 

"Das Attentat zwang mich und viele andere zu einer neuen Wegführung, mit der ich mich erst nur schwerlich zurechtfand", sagte sie. 

Aber: "Aus Zerstörung muss wieder etwas erwachsen - nicht Hass, sondern die Hoffnung des Guten." 

Mahnung gegen Rechts: "Vergessen können wir nicht"

Dimitrios Lagkadinos (vorne l.-r.), Renate Martinez und Gudrun Lang, mit Ilse Aigner (hinten l.-r., CSU), Präsidentin des bayerischen Landtags, Elke Büdenbender, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, Dieter Reiter (SPD), Oberbürgermeister von München und Ehefrau Petra Reiter.
Dimitrios Lagkadinos (vorne l.-r.), Renate Martinez und Gudrun Lang, mit Ilse Aigner (hinten l.-r., CSU), Präsidentin des bayerischen Landtags, Elke Büdenbender, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, Dieter Reiter (SPD), Oberbürgermeister von München und Ehefrau Petra Reiter.  © Sven Hoppe/dpa

Robert Höckmayr (52) sagte, die Kultur des Erinnerns sei ein starkes Signal einer wachsamen Gesellschaft gegen Rechts. "Wir können vielleicht einiges verdrängen - doch vergessen können wir nicht. So habe ich zwei Geschwister direkt beim Anschlag verloren. Vierzig Jahre Gedenken - das ist für mich daher vor allem ein Denken an ihre vierzig Jahre ungelebtes Leben."

Dimitrios Lagkadinos (57), der beide Beine verlor, mahnte: "Die Weltanschauung des Rechtsextremismus nährt sich aus Hass und Ausgrenzung und geht selten von Einzelnen aus, sondern ist organisiert und vernetzt." Für die DGB-Jugend, die über Jahrzehnte das Gedenken maßgeblich aufrechterhielt, erinnerte Pia Berndt an den langen Weg bis zur Wiederaufnahme der Ermittlungen und zur Einstufung der Tat als rechtsextremistisch.

Viele hätten seit 1980 gewusst, dass der Attentäter Gundolf Köhler kein verwirrter Einzeltäter war. "Es war wichtig, sich dafür einzusetzen, dass dieser feige Angriff - auf uns alle - nicht in Vergessenheit gerät. Sich dafür einzusetzen, dass das Attentat auch offiziell als "rechter Terror" bezeichnet wird."

Am Abend des 26. September 1980 hatte eine Bombe zwölf Wiesnbesucher sowie den rechtsextremen Bombenleger Gundolf Köhler in den Tod gerissen und mehr als 200 verletzt.

OB Dieter Reiter entschuldigt sich bei Opfern für Versäumnisse

Das neue Dokumentationszentrum ist vor Beginn der Gedenkfeier zum 40. Jahrestag des rechtsterroristischen Attentats auf das Oktoberfest an der Theresienwiese zu sehen.
Das neue Dokumentationszentrum ist vor Beginn der Gedenkfeier zum 40. Jahrestag des rechtsterroristischen Attentats auf das Oktoberfest an der Theresienwiese zu sehen.  © Sven Hoppe/dpa

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat sich zum 40. Jahrestag des rechtsterroristischen Oktoberfest-Attentats bei den Opfern für Versäumnisse der Behörden entschuldigt. 

Es sei enttäuschend und bedauerlich, dass die Hintergründe des Attentats trotz der neuen intensiven und ernsthaften Ermittlungen nicht mehr vollständig aufgeklärt werden konnten, sagte Reiter am Samstag bei einem Gedenken auf der Theresienwiese.

"Noch schwerer aber wiegt ein anderes Versäumnis: nämlich, dass man die Familien der Getöteten, die Überlebenden und ihre Angehörigen jahrzehntelang in beschämender Weise allein gelassen hat mit ihren Verletzungen, ihren Schmerzen und ihren Traumata", sagte Reiter. 

"Ihre Hilferufe hat man ignoriert, ihre Forderungen nach Unterstützung wurden oft genug abgelehnt und sie selbst sogar als Simulanten diffamiert." Das sei für einen Rechtsstaat vollkommen inakzeptabel und einer humanen Gesellschaft unwürdig.

Auch von Seiten der Münchner Stadtpolitik und der städtischen Verwaltung habe es in der Vergangenheit Versäumnisse gegeben, "die ich zutiefst bedauere und für die ich mich als Münchner Oberbürgermeister bei allen Betroffenen im Namen der Stadt ausdrücklich entschuldigen möchte". Die Schicksale der Betroffenen und ihre "mehr als berechtigten Wünsche nach Anerkennung ihres Leids" dürften niemals wieder aus dem Blick geraten.

Die Stadt hatte bereits Zahlungen an die Opfer bereitgestellt; sie beteiligt sich zudem mit Bund und Land an einem Fonds mit einem Volumen von 1,2 Millionen Euro.

Titelfoto: Sven Hoppe/dpa

Mehr zum Thema München:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0