Radikaler Stellenabbau: Wirecard setzt 730 Beschäftigte vor die Tür

München - Der einstige Dax-Konzern Wirecard soll nach seinem Absturz mit einem radikalem Stellenabbau und weiteren Ausverkauf zumindest in Teilen erhalten bleiben. 

Rote Lichter leuchten vor dem Schriftzug von Wirecard an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in München-Aschheim.
Rote Lichter leuchten vor dem Schriftzug von Wirecard an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in München-Aschheim.  © Peter Kneffel/dpa

Der insolvente Zahlungsabwickler kündigt 730 Mitarbeitern sowie dem Vorstand und setzt damit mehr als die Hälfte der Beschäftigten vor die Tür.

Um eine Fortführung überhaupt möglich zu machen und die Option einer Verwertung des Kerngeschäfts der Wirecard AG aufrecht zu erhalten, seien "tiefgreifende Einschnitte erforderlich", teilte Insolvenzverwalter Michael Jaffé am Dienstag in München mit. 

Es müssten für rund 730 Mitarbeiter Kündigungen ausgesprochen sowie Immobilienmiet- und Leasingverträge gekündigt werden. 

Rund 570 Arbeitnehmer, davon rund 350 in den insolventen Gesellschaften und rund 220 in der nicht insolventen Wirecard Bank AG, könnten dadurch jedoch am Standort Aschheim weiter beschäftigt bleiben.

Kevin Voss von der Gewerkschaft Verdi sagte, etwa 600 bis 700 der 1500 am Stammsitz Aschheim bei München beschäftigten Mitarbeiter habe am Montagabend die Mail erreicht, nach der sie unwiderruflich freigestellt wurden. 

"Ich habe so ein Verhalten von Arbeitgebern nur sehr selten erlebt. Bei allem, was passiert ist – es ist absolut daneben, wie hier mit Menschen umgegangen wird", sagte er.

Insolvenzverwalter kündigt "tiefgreifende Einschnitte" an, Verdi erschüttert

Ein Fahndungsaufruf nach Jan Marsalek, Ex-Vertriebsvorstands des Dax-Konzerns Wirecard, ist auf einer Leuchtreklame angezeigt.
Ein Fahndungsaufruf nach Jan Marsalek, Ex-Vertriebsvorstands des Dax-Konzerns Wirecard, ist auf einer Leuchtreklame angezeigt.  © Daniel Bockwoldt/dpa

Zwei Monate nach dem Insolvenzantrag von Wirecard hat das Amtsgericht München jetzt das Insolvenzverfahren über den Zahlungsabwickler eröffnet. 

Wirecard hatte im Juni Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und Insolvenz angemeldet. Ex-Vorstandschef Markus Braun sitzt in Untersuchungshaft. 

Die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Wirecard seit 2015 Scheingewinne auswies. Der Schaden für die kreditgebenden Banken und Investoren könnte sich auf 3,2 Milliarden Euro summieren.

Die Verfügungsgewalt über das Vermögen der Wirecard AG und sechs deutscher Wirecard-Gesellschaften gingen nun auf den Insolvenzverwalter über, und sie müssten Löhne und Gehälter nun wieder selbst erwirtschaften und bezahlen, teilte Jaffé weiter mit. 

Unter der vorläufigen Insolvenzverwaltung sei es gelungen, "das laufende Geschäft zu stabilisieren und die Basis für eine weitere Fortführung zu schaffen".

Im Verkaufsprozess für das Kerngeschäft und die nicht insolvente Wirecard Bank AG "stehen wir aktuell mit mehreren namhaften Interessenten in Verhandlungen über einen Erwerb. Die Erlöse aus der Verwertung werden dabei den Gläubigern zugutekommen", sagte Jaffé. 

Die Verwertung weiterer Wirecard-Beteiligungen weltweit mache Fortschritte. Am 18. November finde die erste Gläubigerversammlung statt, voraussichtlich im Löwenbräukeller in München.

Titelfoto: Peter Kneffel/dpa

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