Radioaktives C-14 am Reaktor in Garching ausgetreten: Vorfall schlimmer als gedacht

Garching - Acht Monate nach dem Austritt von radioaktivem C-14 am Forschungsreaktor FRM II in Garching hat der Betreiber den Vorfall in der Skala für sicherheitsrelevante Ereignisse hochgestuft. Anstelle als Stufe 0 auf der internationalen Bewertungsskala (INES) wird er nun als Stufe 1 und damit als Störung eingeordnet.

Der Forschungsreaktor München II (FRM II) steht auf dem Gelände der Technischen Universität München (TUM) im Norden der bayerischen Landeshauptstadt.
Der Forschungsreaktor München II (FRM II) steht auf dem Gelände der Technischen Universität München (TUM) im Norden der bayerischen Landeshauptstadt.  © Peter Kneffel/dpa

Die Betriebsleitung des FRM II und die Behörden seien "nach einer erneuten intensiven Prüfung des Ereignisses" zu dieser schärferen Bewertung gekommen, heißt es in einem Schreiben des Umweltministeriums an den Umweltausschuss des Landtags.

"Diese nun erfolgte formale Einstufung in INES 1 ändert nichts an der radiologischen Auswirkung des Ereignisses auf die Umgebung oder die Gesundheit der Bevölkerung." Diese sei nie gefährdet gewesen, betonte der Betreiber erneut.

Das Umweltministerium müsse nun mit mehr als halbjähriger Verspätung zugeben, dass es im FRM II einen meldepflichtigen Zwischenfall der Stufe 1 gegeben habe, kritisierte die grüne Vorsitzende des Umweltausschusses Rosi Steinberger. "Nun ist die Katze aus dem Sack."

Die Landtags-Grünen seien schon im Mai 2020 davon ausgegangen, dass der Vorfall höher zu bewerten sei und Mängel in der Sicherheitskultur aufzeige, sagte Steinberger.

"Mit atomtechnischen Anlagen darf es kein 'laissez fair' geben." Die Atomaufsicht müsse "sehr genau hinschauen, dass sich solche 'Zwischenfälle' nicht mehr wiederholen". Zu klären seien die genauen Gründe für die Neubewertung.

Austritt von radioaktivem C-14 am Forschungsreaktor in Garching bei München war Störung

Der für den FRM II festgelegte Jahresgrenzwert war damals um rund 15 Prozent überschritten worden.
Der für den FRM II festgelegte Jahresgrenzwert war damals um rund 15 Prozent überschritten worden.  © Peter Kneffel/dpa

Die neue Einstufung sei "nach intensiver Diskussion mit internen und externen Stellen" erfolgt, teilte der Technische Direktor des FRM II, Axel Pichlmaier, mit. "Die Einstufung erfolgte ausschließlich auf Grund einer formalen Anforderung aus dem INES-Handbuch in Bezug auf radiologische Ableitungen." Dies sei unabhängig von der tatsächlichen Höhe der Ableitung.

Der für den FRM II festgelegte Jahresgrenzwert war damals um rund 15 Prozent überschritten worden. "Das Ereignis hatte und hat weiterhin keinerlei Auswirkung auf Mensch und Umwelt", heißt es auf der Homepage des FRM II weiter. Einer Sprecherin zufolge gab es am FRM II seit der Inbetriebnahme 2004 kein INES-1 Ereignis.

Laut Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung bedeutet Stufe 1 eine Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Betrieb. Stufe 0 steht für keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung. Nach Experten-Schätzung gibt es im Schnitt alle zwei bis drei Jahre ein INES-1 Ereignis in Deutschland.

Verantwortlich für die Emission von radioaktivem C-14 am FRM II war ein Bedienfehler bei einer Trocknungseinrichtung. Eine Abscheideeinheit für das in Kohlendioxid gebundene C-14 war nicht angeschlossen worden.

Wegen der Corona-Krise steht der Reaktor seit 17. März 2020 still. Der FRM II ist als eine der leistungsstärksten Neutronenquellen für Industrie und Medizin bedeutsam, steht aber wegen der Nutzung von hoch angereichertem Uran in der Kritik. Umweltschützer haben deshalb Klage gegen den Betrieb eingereicht.

Titelfoto: Peter Kneffel/dpa

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