Sexpartys und Zwangsprostitution in katholischem Jugendheim?

Von Britta Schultejans

München - Sexpartys und Zwangsprostitution in einem katholischen Jugendheim? Vor gut einem Jahr wurden heftige Missbrauchsvorwürfe gegen das Piusheim in der Nähe von München bekannt. Noch immer melden sich Betroffene.

Vor gut einem Jahr wurden heftige Missbrauchsvorwürfe gegen das Piusheim in der Nähe von München in Bayern bekannt.
Vor gut einem Jahr wurden heftige Missbrauchsvorwürfe gegen das Piusheim in der Nähe von München in Bayern bekannt.  © Steffen Heinemann/dpa

Nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe in dem früheren katholischen Piusheim im Freistaat Bayern haben sich inzwischen bereits 14 Betroffene bei der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch" gemeldet, wie deren Sprecher Matthias Katsch (58) sagte.

Die Erzdiözese München und Freising zählte bis zum Jahresbeginn nach Angaben eines Sprechers insgesamt elf Verdachtsfälle, die Staatsanwaltschaft München II, die in der Sache im vergangenen Jahr Vorermittlungen aufgenommen hatte, zehn.

Inwieweit sich die Meldungen der Opfer an Staatsanwaltschaft, Erzdiözese und auch "Eckigen Tisch" überschneiden, war unklar.

München: Gardasee-Bootsunfall: Verdächtiger Münchner nun unter Hausarrest
München Gardasee-Bootsunfall: Verdächtiger Münchner nun unter Hausarrest

Ein Prozess am Landgericht München II hatte die Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft im Frühjahr 2020 ausgelöst. Sie richteten sich dabei zunächst gegen einen früheren Erzieher des ehemaligen Jugenddorfes Piusheim in Baiern (Kreis Ebersberg) nahe der Landeshauptstadt und einen Geistlichen.

Bis zum Jahresbeginn konnten nach Angaben einer Sprecherin der Staatsanwaltschaft "weder konkrete Taten noch konkrete Beschuldigte ermittelt werden".

Matthias Katsch: Anlaufstelle für Heimkinder in Bayern in der Pflicht

Matthias Katsch (58) ist Sprecher der Initiative "Eckiger Tisch".
Matthias Katsch (58) ist Sprecher der Initiative "Eckiger Tisch".  © Gregor Fischer/dpa

Ein Großvater, der selbst wegen jahrelangen und massenhaften schweren Missbrauchs an seinen Enkeln und deren Freunden angeklagt war, hatte vor Gericht ausgesagt, als Jugendlicher in dem Erziehungsheim der katholischen Kirche schwer missbraucht worden zu sein. Er sprach von Sexpartys und Prostitution und davon, dass ein Mitschüler sich in dem Heim das Leben nahm.

Im Januar dieses Jahres wurde der Mann zu zehneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Er habe eine "dissoziale Persönlichkeit", sagte der Vorsitzende Richter am Freitag. Seine "desaströse Kindheit" habe dem Angeklagten "ein völlig abseitiges Wertesystem" vermittelt. Das, was der Angeklagte in dem Heim selbst erleben musste, habe ihn für das Leben gezeichnet, sagte der Richter - und dazu geführt, dass er das, was er den Kindern über Jahre antat, für Liebe gehalten habe.

München: Mehrere blutende Wunden: Schwerverletzter wohl erst nach Stunden in Tiefgarage entdeckt
München Crime Mehrere blutende Wunden: Schwerverletzter wohl erst nach Stunden in Tiefgarage entdeckt

"Es tut mir sehr weh, dass wir nicht die Ressourcen haben, um eine Begleitung und Beratung zu ermöglichen, wie sie das eigentlich verdient haben", sagt Katsch über die Betroffenen, die sich beim "Eckigen Tisch" gemeldet haben. "Das wäre dringend nötig. Denn diese Menschen haben ihr Leben lang mit ihrer Geschichte im Schatten gelebt, und verdienen jetzt Aufmerksamkeit und Anerkennung", betonte er.

Er sieht die Anlaufstelle für Heimkinder in Bayern entsprechend in der Pflicht: "Ich hoffe, dass die geplante Intensivierung der Arbeit da einen Beitrag leisten kann. Hier ist dringend mehr Engagement nötig."

Titelfoto: Steffen Heinemann/dpa

Mehr zum Thema München: