Wilhelm Hoegner: Gegen Hitler und dessen Schergen, Verfassungs-Vater und SPD-MP

München - Seine Abrechnung mit den Nationalsozialisten im Reichstag wurde als Text massenhaft verbreitet, im Schweizer Exil entstanden wichtige Grundlagen für die Verfassungen von Bayern und Deutschland. Geboren kurz nach dem Tod von Ludwig II. war er doch modern, Bayerns SPD-Regent.

Wilhelm Hoegner (l.) war ohne Zweifel ein Ausnahmepolitiker. (Archivbild)
Wilhelm Hoegner (l.) war ohne Zweifel ein Ausnahmepolitiker. (Archivbild)  © Istvan Bajzat/dpa

Vater der bayerischen Verfassung, mutiger Redner gegen die Nationalsozialisten im Reichstag, einziger sozialdemokratischer Ministerpräsident Bayerns und ein Zeuge des 20. Jahrhunderts: Das alles ist letztlich Wilhelm Hoegner, der vor 40 Jahren, am 5. März 1980, fast erblindet in München starb.

Damals schrieb der "Spiegel" etwas bissig über den Zustand seiner Partei: "Der Letzte auch, mit dem die SPD im Land noch Staat machen konnte, und dem dennoch, bei aller Solidarität, mehr an Freistaatelei lag als an Parteipolitik." 

Er war sicher ein Ausnahmepolitiker, Eisenbahnerkind, geboren 1887 in München. 

Wegen guter Leistungen in der Schule erhielt er einen staatlich finanzierten Platz am Gymnasium. Hier fühlte er sich wohl, erstmals als "schwieriger Außenseiter" unter den gutbürgerlichen Mitschülern - später benannte er so seine Erinnerungen. Er studierte Jura und machte Karriere in der Justiz und der Politik.

Im Jahr 1919 trat er in die SPD ein, wurde 1924 in den Landtag gewählt und 1930 in den Reichstag. In beiden Parlamenten wurde Hoegner zum erbitterten Gegner der Nationalsozialisten. 

Er war es, der einen Untersuchungsausschuss über die Hintergründe des Hitlerputsches am 9. November 1923 in seiner Heimatstadt beantragte und dann leitete.

Im Reichstag hielt Hoegner 1930 eine flammende Rede, die derart Eindruck machte, dass sie als Broschüre gedruckt wurde. In "Der Volksbetrug der Nationalsozialisten" wies er auf den Putsch aus dem Jahr 1923 hin.

"Die Nationalsozialisten haben am 9. November 1923 im Münchener Rathaus in Ehren ergraute Sozialdemokraten verhaftet, um sie in den Wald zu führen und dort erschießen zu lassen. Sie haben damals Frauen und Töchter von Arbeiterführern mißhandelt, weil sie den Aufenthalt ihrer Männer und Väter nicht verraten haben. Eine Partei, die solche Taten auf dem Gewissen hat, die hat den Anspruch auf den Namen einer Arbeiterpartei verwirkt!"

Wilhelm Hoegner: "Wahrhafter Sozialdemokrat, großer Visionär und außerordentliche Persönlichkeit"

Wilhelm Hoegner starb am 5. März 1980 in München. (Symbolbild)
Wilhelm Hoegner starb am 5. März 1980 in München. (Symbolbild)  © Klaus Heirler/dpa

Auch den eigenen Berufsstand ging Hoegner furchtlos an und rief an die Adresse der NSDAP: "Sie sind groß geworden, weil die deutsche Justiz, verführt durch Ihre vaterländischen Töne, objektiv zu Ihren Gunsten Dutzende Male das Recht gebeugt und gebrochen hat."

Im Jahr 1933 wurde er vom Nazi-Regime aus dem Staatsdienst entlassen, floh über Österreich in die Schweiz. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er im September 1945 von der amerikanischen Militärregierung zum Ministerpräsidenten von Bayern ernannt und war auch Justizminister. 

Als Vorsitzender des Vorbereitenden Verfassungsausschusses drückte er der bayerischen Verfassung seinen Stempel auf - erstaunlich modern mit dem "Genuss der Naturschönheiten", der jedem gestattet ist, der sogenannte Schwammerlparagraph, und dem "Anspruch auf eine angemessene Wohnung".

Auch der Volksentscheid sei eng mit ihm verbunden, betonte einst Hans-Jochen Vogel: "Wir waren das erste Land, das den Volksentscheid auf Landesebene eingeführt hat. Jetzt haben das alle 16 Bundesländer." In vielen Bereichen sei die bayerische Verfassung eine Vorgängerin des Grundgesetzes. "Und das hat auch etwas mit dem Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner zu tun."  Teile der Gesetzestexte habe er aus dem Schweizer Exil mitgebracht.

Ähnlich sieht es der SPD-Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag, Horst Arnold: "Die bayerische Verfassung ist das Vermächtnis Wilhelm Hoegners." Damit habe er das Fundament für einen modernen Sozialstaat gelegt. "Bis heute gilt für mich, was er der SPD ins Stammbuch geschrieben hat: Wir Sozialdemokraten stehen ein für das Gemeinwohl, die solidarische Verbundenheit in der Gesellschaft über alle Unterschiede der Religion, Rasse, Nation und Klasse hinweg." 

Für die bayerische Parteivorsitzende Natascha Kohnen war Hoegner "ein wahrhafter Sozialdemokrat, ein großer Visionär und eine außerordentliche Persönlichkeit". Dank ihm "nehmen die sozialen Grundrechte einen hohen Stellenwert in der Bayerischen Verfassung ein, die damit in weiten Teilen zutiefst von sozialdemokratischen Grundwerten geprägt ist".

Nach einem Sieg der CSU bei den Wahlen 1946 wurde Hoegner als Ministerpräsident abgelöst, kam aber von 1954 bis 1957 mit einer Vier-Parteien-Koalition noch eimal ins Amt. Er blieb bis heute der einzige Sozialdemokrat auf diesem Posten.

Titelfoto: Montage: Istvan Bajzat/dpa, Klaus Heirler/dpa

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