Schwangere Studentin (22) bei Flucht vor Polizei getötet: Raser gibt totem Beifahrer die Schuld

Berlin - Weil sie Werkzeug im Wert von 300 Euro klauten, raste der Angeklagte mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde durch Berlin und erfasste eine unbeteiligte junge Fußgängerin tödlich. Knapp sechs Monate nach dem dramatischen Unfall im Stadtteil Charlottenburg sitzt der Angeklagte am Dienstag erstmals der Familie der getöteten Studentin im Landgericht gegenüber.

Polizisten errichten einen Sichtschutz für die verunglückte Frau.
Polizisten errichten einen Sichtschutz für die verunglückte Frau.

Die Anklage lautet auf Mord - es sei ihm darum gegangen, "um jeden Preis der Polizei zu entkommen". Der 27-Jährige aber erklärt nun, er habe nicht erkannt, dass Polizisten ihn verfolgten.

Die 22 Jahre alte Studentin hatte keine Chance. Sie schob am Abend des 6. Juni 2018 ihr Fahrrad auf dem Bürgersteig und wollte bei für sie grüner Ampel die Straße überqueren, als das Fahrzeug der mutmaßlichen Diebe angerast kam. Der Fahrer habe tödliche Folgen zumindest billigend in Kauf genommen, heißt es in der Anklage. "Es war ihm egal." Die junge Frau starb noch am Unfallort.

"Der Familie geht es furchtbar", sagt Gregor Gysi als einer der Anwälte der vier Nebenkläger. Was geschah, sei "auf jeden Fall verbrecherisch" gewesen, so der Linken-Politiker. Die Umstände würden für Mord sprechen. Über die getötete 22-Jährige, die Soziale Arbeit studierte, sagte er: "Sie hat sich für alle Benachteiligten egal welcher Nationalität eingesetzt."

Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Dorsch sagt am Rande der Verhandlung, an der enormen Geschwindigkeit mache die Anklage den Mordvorwurf fest. Der Angeklagte sei nach dem Motto gefahren: "Alles, was mich bei der Flucht behindert, fahre ich um." Er habe den zuvor begangenen Diebstahl verdecken wollen - mit gemeingefährlichen Mitteln.

Das stark beschädigte Fuchtauto steht am Straßenrand.
Das stark beschädigte Fuchtauto steht am Straßenrand.  © DPA

Der aus Serbien stammende Angeklagte erklärt, was geschehen sei, tue ihm "unendlich leid". Er sei mit zwei entfernten Verwandten unterwegs gewesen. Den Diebstahl habe ein 18-jähriger Begleiter initiiert. "Ich sollte seinen Wagen fahren." Plötzlich seien sie von einem Fahrzeug überholt worden. "Männer in Zivil stiegen aus." Sein Beifahrer habe gerufen: "Mafia!". Aus Angst habe er Gas gegeben.

Der Angeklagte will die Verfolger nicht als Polizisten erkannt haben. Als sie auf eine rote Ampel zufuhren, habe sein Beifahrer ein noch höheres Tempo verlangt. "Er drückte auf mein Bein, der Motor heulte auf." Dass eine Frau getroffen wurde, habe er nicht bemerkt.

Der 27-Jährige, der keinen festen Wohnsitz in Deutschland hat, sowie zwei 18- und 14-jährige Brüder sollen zunächst einen Kleintransporter aufgebrochen und neun Werkzeugkoffer gestohlen haben. Zivilpolizisten hätten das Trio beobachtet und die Verfolgung aufgenommen, so die Anklage. Auf der Flucht habe der 27-Jährige eine Polizeiblockade durchbrochen. Rücksichtslos habe er Gas gegeben, habe rote Ampeln missachtet und sei mit mehreren Fahrzeugen kollidiert.

Ein Polizeibeamter und zwei Autofahrerinnen waren bei der wilden Fluchtfahrt durch die City-West verletzt worden. Auch die drei mutmaßlichen Diebe kamen in ein Krankenhaus. Der 18-Jährige erlag wenig später seinen Verletzungen (TAG24 berichtete).

Das Verhalten der Polizei wird in dem Verfahren eine Rolle spielen. Es sei darüber nachzudenken, warum die Polizei die Verfolgung aufnahm und "warum ohne Blaulicht und Sirene", sagt Anwalt Gysi nach dem ersten Prozesstag. Für die Verhandlung sind 16 weitere Termine bis Ende Februar 2019 vorgesehen.

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