Abiturienten, die nicht richtig lesen können: TAG24-Interview mit LRS-Experte Joe Kennedy

Tuttlingen - Die neuesten Ergebnisse der Pisa-Studie sind alarmierend. Demnach können ein Fünftel der 15-Jährigen den Sinn von Texten kaum erfassen. Joe Kennedy hat eine Tochter mit Lese-Rechtschreibschwäche und eine Möglichkeit gefunden ihr zu helfen. In seiner Kennedy-Schule gibt er sein Wissen an Schüler weiter und hat das Buch "Nie wieder Horrordiktate" geschrieben.

Joe Kennedy in seiner Schule.
Joe Kennedy in seiner Schule.  © André Bakker

TAG24: Sie sagen, dass es in Deutschland Abiturienten gibt, die die Schule verlassen und nicht richtig lesen und schreiben können. Wie kann das sein?

Im Grunde ist ja schon die Frage wichtig, wie es sein kann, dass Grundschüler, die nicht richtig lesen und schreiben können, auf das Gymnasium kommen. Die Antwort darauf besteht vor allem aus zwei Aspekten: Zum einen ist es heute so, dass an den Grundschulen weniger ungeübte Diktate geschrieben werden müssen als vor zehn Jahren, wodurch eine Lese-Rechtschreib-Schwäche gut vertuscht werden kann.

Und zum anderen ist die freie Wahl der weiterführenden Schule zu nennen: Die Mehrzahl der Bundesländer überlässt die Wahl der weiterführenden Schule den Eltern. Die Konsequenz: Die Zahl der Hauptschüler sinkt und an den Realschulen und Gymnasien gibt es mehr Legastheniker. Auf den weiterführenden Schulen geht die Vertuschung dann fröhlich weiter – frei nach dem Motto: Was nicht gelöst werden kann, das kann umschifft werden.

TAG24: Sie haben Ihre "Kennedy-Methode" entwickelt. Wie kam es dazu?

Ich bin selbst Vater von drei Kindern. Während unsere älteste Tochter es kaum erwarten konnte, in die Schule zu kommen, war unsere Jüngste ein Träumerle. Sie hätte gerne noch ein Jahr im Kindergarten bleiben dürfen. Und als sie dann in der Schule in Englisch – meiner Muttersprache – eine Lernschwäche zeigte, die sich immer mehr ausprägte, hatten wir wirklich schwere Zeiten. Ich habe die Verzweiflung von Eltern lernschwacher Kinder also selbst erlebt – und musste mitansehen, wie wenig die Schule, Lehrer und reguläre Nachhilfe hier ausrichten kann. Das war mein Antrieb, nach einer wirklichen Lösung zu suchen. Und ich bin glücklich, sie gefunden zu haben.

Lese-Rechtschreib-Schwäche

Joe Kennedy ist Autor und hat eine spezielle Methode für LRS entwickelt.
Joe Kennedy ist Autor und hat eine spezielle Methode für LRS entwickelt.  © André Bakker

TAG24: Viele Fehler in einem Diktat sind kein eindeutiges Signal: Was genau ist eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS)?

Viele Fehler in einem Diktat sind kein eindeutiges Signal. Viele Fehler in vielen ungeübten Diktaten in der Schule schon! Wenn ein Kind stockend, ungern und schlecht lesen kann, liegt das meist an der Unfähigkeit Buchstaben automatisch und fließend zu erfassen.

Eine Sache, die mir immer von vornherein ganz besonders wichtig ist: Die Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Legasthenie hat rein gar nichts mit mangelnder Intelligenz oder Faulheit des Kindes zu tun! Im Gegenteil: Die Erfahrung zeigt, dass Kinder mit LRS häufig überdurchschnittlich intelligent sind.

TAG24: Unter welcher Stigmatisierung leiden Kinder und später auch Erwachsene, die an LRS leiden?

Gerade das Selbstvertrauen von Kindern leidet stark darunter, wenn sie immer wieder das Gefühl haben, dumm zu sein – oder von ihren Mitschülern vielleicht sogar so behandelt werden. Deshalb finde ich es offen gesagt besorgniserregend, wie der Staat mit Legasthenikern umgeht. Denn das Ziel, dass jedes Kind gut lesen und schreiben lernt, wird mit vielen Regelungen stillschweigend aufgegeben. Die Realität ist: Bei jedem fünften Kind erreicht die Schule dieses Ziel nicht. LRS wird so nicht überwunden, sondern ins Erwachsenendasein mitgenommen. So müssen Legastheniker, die ihr Problem nicht in den Griff bekommen, lebenslang in der Angst ausharren, entblößt zu werden.

Ursache für Lese-Rechtschreib-Schwäche liegt im Gehirn

Joe Kennedy arbeitet mit Schülern.
Joe Kennedy arbeitet mit Schülern.  © André Bakker

TAG24: Sie haben sich intensiv mit den "Buchstaben im Gehirn" beschäftigt: Was ist die Ursache der LRS?

Damit ein Kind lesen und schreiben lernt, muss das Lese-Schreib-Zentrum mit Buchstaben „gefüttert“ werden. Und zwar so lange, bis das Kind die passenden Buchstaben beim Schreiben automatisch in die korrekte Reihenfolge setzen kann. Und Lesen ist die Fähigkeit eine Reihe von Buchstaben als ein Wort zu erkennen.

Voraussetzung dafür ist wiederum die biologische Reife des Lese-Schreib-Zentrums. Die Lese-Rechtschreibschwäche ist – kurz ausgedrückt – also ein Zeichen für die Unreife dieses Lese-Schreib-Zentrums im Gehirn. Die gute Nachricht liegt somit aber genauso auf der Hand: Denn durch gezieltes Training kann eine Unreife nachgereift werden.

TAG24: Woran können Eltern LRS bei ihren Kindern erkennen?

Wenn ein Kind in ungeübten Diktaten regelmäßig durchschnittlich zehn Fehler macht, leidet es an einer Rechtschreibschwäche. Dieser "Grenzwert" von 10 Fehlern ist ziemlich unabhängig vom Alter des Kindes und der Diktatlänge – denn die Diktate, die die Lehrer mit den Kindern schreiben, sind ja jeweils ans Alter und den Leistungsstand der Klasse angepasst. Sie geben wichtige Hinweise auf die Lese-Rechtschreib-Fähigkeit des Kindes.

Tipptraining kann helfen Lese-Rechtschreib-Schwäche zu überwinden

Kennedy sitzt an seinem Laptop.
Kennedy sitzt an seinem Laptop.  © André Bakker

TAG24: Sie haben ein einzigartiges Konzept entwickelt. Wie funktioniert das und warum ist es so wirksam?

Ein unreifes Lese-Schreib-Zentrum kann trainiert werden – darauf basiert die Kennedy-Methode. Im Klartext bedeutet das, dass wir die unreifen Gehirnareale des Kindes in der Kennedy-Schule durch gezielte spielerische Übungen anregen nachzureifen.

Was zum Beispiel im Gehirn des Kindes passiert, wenn es beim Tipptraining einen beliebigen Text abtippt, ist Folgendes: Zunächst schaut das Kind auf den ersten Buchstaben des ersten Wortes, zum Beispiel das H von "Hans".

Das Auge sieht im Buch den Buchstaben H; dieser Impuls wird über das Sehzentrum an das Lese-Schreib-Zentrum geschickt und dort gespeichert. Aber nicht nur ein Mal! Denn das Kind schaut danach ja auf die Tastatur und sieht den Buchstaben H noch einmal – nun hat es das H schon zwei Mal visuell aufgenommen.

Ein drittes Mal tut es das, wenn es den Buchstaben auf dem Bildschirm erkennt. Gleichzeitig wird durch das Drücken auf die H-Taste der Tastsinn angesprochen. Dieser Impuls wird über das motorische Zentrum ans Lese-Schreib-Zentrum weitergeleitet und dort zusätzlich abgespeichert. Außerdem werden der Gehörsinn und das Sprachzentrum aktiviert. Und zwar, indem das Kind beim Antippen der H-Taste den Buchstaben H phonetisch ausspricht. Dabei wird über das Hörzentrum also der Laut, der zu dem jeweiligen Buchstaben gehört, ausgesendet, zugeordnet und im "Lese-Schreib-Zentrum" gespeichert.

Auf diese Weise prägt das Kind sich jeden einzelnen Buchstaben von „Hans“ über die Sinne Sehen, Hören und Tasten fünf Mal ein. Damit hat es das Wort gehirngerecht zerlegt und wieder zusammengefügt.

Zum Buch: "Nie wieder Horrordiktate! Die Lösung bei LRS: Gezieltes Buchstaben-Tipptraining und kreative ABC-Spiele" ist unter ISBN: 978-3-947572-34-2 für 19,95 Euro erhältlich.


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